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Interview Mag

 
 

Wolfgang Lötzsch
Ehemaliger Radrennfahrer

 

Er war der Beste - Wolfgang Lötzsch über die Vergangenheit, Doping und Genugtuung

 

Das Talent als Radsportler zeigt sich bei Wolfgang Lötzsch (Jahrgang 1952, Chemnitz) in der Jugend. Er wird zur Kinder- und Jugendsportschule delegiert, und gilt bald als der kommende Mann im ostdeutschen Radsport. Auf der Sportschule legen mit ihm ein Joachim Müller und ein Gerd Schädlich das Abitur ab - spätere Fußballgrößen. Alles steht ihm offen - so scheint es zunächst.

Es hätte eine Karriere werden können, wie sie die Macher im Supersportstaat DDR planten, aber der nicht einfache, unangepasste Lötzsch wird trotz Fürsprache der Trainerikone Werner Marschner von den Hintermännern als unsicherer Kantonist eingeschätzt und aus dem Leistungssport entfernt. Seine bleibende sportliche Leistungsfähigkeit und die "politische Unzuverlässigkeit" machen ihn in den Augen der Bestimmer bald zum Staatsfeind. Man fürchtet nichts anderes als eine neue Biermann-Affäre in der Sportlervariante. Ende 1976 bestraft man Wolfgang Lötzsch wegen "Staatsverleumdung" mit zehn Monaten Haft im Stasi-Gefängnis auf dem Chemnitzer Kaßberg, weil er sich mit ein paar Sprüchen einmal Luft gemacht hat: "Ein DDR-Bürger hat überhaupt keine Rechte.". Kurz zuvor hatte er das Ausscheidungsrennen zur Olympiade 1976 gewonnen und wird fortan für die höchsten Wettbewerbe in der DDR wie im Ostblock nicht mehr zugelassen. Nach seiner Haftentlassung sperrt man ihn bis 1979 ohne Rechtsgrundlage für Wettkämpfe. Danach fährt Lötzsch alles in Grund und Boden, wenn sich ihm eine reale Chance eröffnet. Stasi und Funktionäre bleiben bis Ende der 80er Jahre nervös. Dutzende IMs sind angesetzt, um Stoff gegen ihn zu sammeln, mit dessen Inhalten er psychisch und sportlich zermürbt werden kann. Der Mann ist geheimnisumwittert, nur ein eingeweihter Kreis von Nahestehenden und Feinden kennt zu DDR-Zeiten seinen genauen Lebenslauf. Seine Biografie bleibt fast zwei Jahrzehnte ein tragischer Krimi, dessen Dimensionen sich auch für Lötzsch selbst erst nach der Wende in vollem Umfang offenbaren.

Wolfgang Lötzsch erringt 550 Siege, eine einmalige wie unübertroffene Bilanz, die dennoch die tiefen Kerben in der Vergangenheit nicht ausfüllen kann. 1995 beendet er seine Karriere mit dem vielleicht einzigen Sieg, der vorher aushandelt war, bei einem ihm gewidmeten Rennen in Chemnitz. Gegenwärtig arbeitet Wolfgang Lötzsch als Mechaniker des deutschen Radteams NSP, das eine Continental-Einstufung hat.

Wir treffen uns im Chemnitzer Stadtteil Altendorf in der Gartengaststätte Lindenhöhe, die er ausdrücklich gewünscht hat - und die Portionen sind dort groß. Recht schnell schnürt es einem aber bei den Erinnerungen von Wolfgang Lötzsch die Kehle zu, doch er bleibt entwaffnend offen. Er gibt im höchsten Chemnitzer Sächsisch meist knappe Antworten, in denen oft mehr steckt, als es zunächst scheint. Und irgendwie fallen wir an den Nachbartischen auf: In der Lindenhöhe werden keine Interviews geführt..

Wie fühlt es sich an, wenn politische Parolen, die in der DDR alltägliches Beiwerk waren, das im Alltag auch ausgeblendet werden konnte, plötzlich die eigene Haut treffen?

Das kann man nicht mehr so leicht sagen, es ist lange her. Aber es ist schwierig, weil man nicht damit rechnet, dass es plötzlich so schnell gehen kann. Du willst nur Rad fahren, und auf einmal kann ich es nicht mehr, weil mich die Stasi in den Knast steckt. Es war mein großer Fehler, dass ich gedacht habe, dass die gar nicht auf mich verzichten können, denn damals war ich der beste Fahrer in der DDR. Das war mein großer Fehler.

Am 6. Oktober 2008 wurde Sportsfreund Lötzsch auf Deutschlands niveauvollsten Sender arte erstmals im Fernsehen gezeigt - die Geschichte Ihres Lebens. Waren Sie zu Hause und saßen vor dem Fernseher?

Ich war auf Mallorca in einem Radtrainingslager als Mechaniker. Der Film kam auf dem französischen Kanal von arte. Ich hörte mich in Deutsch, man sprach in Französisch darüber. Man ist dann schon beeindruckt in diesem Augenblick.

Sportsfreund Lötzsch gehört zu den fünf besten Filmen deutscher Produktion der vergangenen zehn Jahre, Spielfilme eingeschlossen. Ist das eine Form von Genugtuung oder ist das letztlich egal?

Es ist schon eine Genugtuung für mich. Das ist etwas Besonderes. Der Film kam inzwischen sechs Mal auf arte und dem Bayerischen Fernsehen. Ich habe mir den Film bestimmt inzwischen 30 Mal angesehen, und vielleicht erst nach dem zehnten Mal hatte ich bestimmte Dinge so richtig verstanden. Es ist eine späte Anerkennung, aber sie kam noch.

Die Reflexion der DDR-Vergangenheit durch Westdeutsche, die letztlich die Medien wie die Politik der 90er bestimmte, gehört zu den großen Missverständnissen der Wiedervereinigung, und umgekehrt wird das bis heute nicht akzeptiert. Die Macher des Films über Ihr Leben wuchsen im Westen auf. Ein Problem oder ein Vorteil im Nachhinein?

Die haben das schon gut gemacht. Die hatten das Buch von Philipp Köster über mich gelesenund dann gesagt, dass sie einen Film über mich machen möchten. Die wollten das unbedingt. So wie Philipp Köster von meinem Fall gelesen hatte und gesagt hat, darüber schreibt er ein Buch, obwohl er für diese Fußballzeitschrift Elf Freunde arbeitet. Er hat es auch gut gemacht.
Wer Dokuklitter-Fernsehschrott à la Guido Knopp nicht mehr ertragen kann, wird den Film Sportsfreund Lötzsch wie eine Ikone verstehen, auch wenn man sich hinterher wie nach drei Kapiteln Solschenizyn fühlt. Es ist eine unglaubliche Erinnerung an das größte Radtalent der DDR mit Originalaufnahmen, Interviews mit Freunden und Feinden, Rückblicken und wenigen Ausblicken. Man sollte im Vorfeld mindestens eine halbe Flasche Bordeaux bereitstellen, um diese beengende, quälende Doku ertragen zu können.

Es soll Männer gegeben haben, denen die Tränen kamen, als sie Sportsfreund Lötzsch sahen. Können Sie sich das vorstellen?

Ja. - Es ist eine schöne Vorstellung.

Dass außergewöhnliche Begabungen - auch heute noch - oft nur unter Bedingungen angenommen werden, die für die Begabten erniedrigend sind, war auch Ihr Problem?

Man muss sehen, dass man auch mal zurückstecken muss, wenn man etwas werden will. Und neben dem Talent muss man im Sport viel leisten. Das wollen heute viele nicht, dass ist zu anstrengend.

Die strikte Trennung von Leistungssportlern von den anderen Aktiven war immer ein Problem, mit dem kaum einer der Beteiligten umzugehen wusste. Welche DDR-Profikollegen begegneten Ihnen dennoch mit Achtung?

Eigentlich alle. Das muss ich schon sagen. Die haben mich respektiert, sicher auch durch meine Leistungen und meine Geschichte.

Auch als Sportler konnte man im Kalten Krieg schnell unter die Räder kommen.

Ich wollte kein Staatsfeind sein, man hat mich dazu gemacht. Aber es ist schon richtig, dass ich viele Dinge in der DDR kritisch gesehen habe, das war auch meine Erziehung.

Warum machen Funktionäre so viel am Spitzensport fest, bis heute übrigens?

Es geht um das Spielen der Nationalhymne. Wenn man bedenkt, dass die kleine DDR plötzlich nach München 1972 bei den Großen mitmischen konnte. Man hatte so viele Medaillen wie die USA und die Sowjetunion. Danach wurden in Berlin Botschaften gebaut. Die waren auf das Prestige scharf, und es gab plötzlich internationale Anerkennung. Erfolge im Sport sollten ja auch ein Beweis für die Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft sein.

Moralisch haben Sie Ihren Kampf gegen korrupte Funktionäre und Claqueure des Systems gewonnen. Der Preis für diesen Kampf war für Sie unglaublich hoch. Hätte es damals auch anders kommen können?

Es hätte anders kommen können. Aber es war eben so, daran kann ich nichts mehr ändern. Es hat auch keinen Sinn, darüber ewig zu hadern. Das bringt nichts, daran würde man auch zugrunde gehen.

Die Stasi und die DDR-Sportstrategen fürchteten, dass Sie bei einer passenden Gelegenheit in den Westen abhauen und dort neuer Radsportstar werden. Die Tour de France fuhr man nicht als DDR-Fahrer. Wären Sie wirklich bei einem Start im Westen geblieben?

Eigentlich ging es nicht darum. Aber ich weiß es nicht, wie es ist, wenn man die Möglichkeit hat. Aber das war nicht das Ziel. Ich hab den Sport betrieben um des Sieges willen. Es ging nicht um das Geld, ich hab da auch gar nichts verdient, nur Kaffeeservices, Tischdecken, Kristall, solches Zeugs.

Für Unangepasste gibt es keine Karrieren. Warum sind Sportler oft genauso angepasst wie Politiker?

Sie wollen etwas werden, und sie müssen sich deshalb unterordnen. Da ist es dann immer schwer, wenn man unangepasst ist - selbst wenn man die geforderte Leistung bringt oder sogar noch mehr.

Moralische Siege lassen sich so gut wie nie in klingende Münze verwandeln. Ihnen ist es wohl auch nicht gelungen. Wie sehr stört Sie das persönlich?

Das stört mich überhaupt nicht. Heute dreht sich alles nur noch um das Geld. Aber ein teures Auto oder teure Möbel interessieren mich überhaupt nicht. Wer das haben will, muss sich einen anderen Job suchen. Überhaupt ist Gesundheit das Wichtigste, da kann man das ganze Geld vergessen.

Auch Radsportler Martin Götze war für viele alternative Sportfans der DDR ein Held, wenngleich es ihm im Verhältnis ungleich besser erging als Ihnen. Welches Verhältnis hatten sie beide zueinander?

Wir hatten ein normales Verhältnis. Aber unsere Geschichten kann man nicht miteinander vergleichen. Martin konnte sich niemandem unterordnen und flog deshalb aus dem Leistungssport. Das hatte keine politischen Gründe. Seine Karriere ging später los, er hatte auch nicht mehr diese Behinderungen. Und nach der Ablösung von Ewald als DTSB-Vorsitzender, der in der Sportschule Kienbaum betrunken die Treppe heruntergefallen war, durch Eichler änderte sich einiges. Da wendete sich einiges zum besseren, auch für mich.
Nach später aufgefundenen Unterlagen lief die Entmachtung Ewalds, der seine Unterstützer verloren hatte, über eine Aktion der Staatssicherheit. Auf dem Rückflug von den Olympischen Winterspielen in Calgary füllte man Ewald mit Alkohol ab und ließ ihn in der Öffentlichkeit hilflos liegen. Daraufhin setzte sich die Ablösungsmaschinerie in Gang. Ewald, der am Schicksal Lötzschs wesentlichen Anteil hatte, musste sich später als einer der wenigen Staatsdopingorganisatoren gerichtlich verantworten und erhielt - völlig uneinsichtig - zwei Jahre auf Bewährung. Als Lötzschs früher Widersacher im Jahr 2002 verstarb, erschien selbst in der New York Times ein Nachruf, der mit "East Germany's Doping Chief, Manfred Ewald, Is Dead at 76" überschrieben war.

Sie gehörten zu den wenigen Staatsfeinden im Sport, spätestens dann, als Sie nach der politischen Haft mit Ihren Erfolgen die DDR-Radelite im Klassement brüskierten. Haben Sie nie Angst gehabt, dass man Sie auf anderen Wegen aus dem Verkehr zieht?

Eigentlich nicht. Nach meiner Haftentlassung haben sie mich zwei Wochen mit dem Auto im Training überwacht, weil ich mich nur im Kreis Karl-Marx-Stadt bewegen durfte. Da fuhr immer jemand hinter mir her. Wenn ich mit dem Rad an der Straße anhielt, blieben die stehen. Und bis zur Wende stand ich unter Bewachung. Aber dass sie mich umbringen, habe ich doch für unwahrscheinlich gehalten. Aber man weiß ja vom Fall Eigendorf, dass die Stasi auch andere Sachen in Betracht zog.

"Diese kleine DDR war in der Weltspitze im Sport ganz oben, und dieses System habe ich besiegt, das ist für mich eine Genugtuung", sagten Sie einmal.

Dass ich für die so wichtig war, verstehe ich bis heute nicht. Da war ein riesiger Apparat beschäftigt, mich ständig zu überwachen. Wenn ich in die Nähe der Ständigen Vertretung in Berlin käme, sollte ich sofort den "zuständigen Organen" zugeführt werden. 50 IMs und die ganzen Hauptamtlichen bei der Stasi, die einen Radfahrer überwachten - was das gekostet hat … Und was die hauptamtlichen Stasi-Leute jeden Monat an Geld bekommen haben, konnte man ja später nachlesen. Die haben sehr hohe Gehälter gehabt.
Es ist fast unwirklich, wie Lötzsch nahezu ohne Bitterkeit seine Antworten sucht und aus seiner Vergangenheit berichtet, als ginge es ihn nichts mehr an. Und dann spürt man doch, dass es ihn weiter beschäftigt, wenn er von dem ehemaligen Stasi-Offizier erzählt, der heute ein Reisebüro betreibt:
Der macht heute Geschäfte mit Reisen, die er früher verhindert hat. Das ist doch unglaublich. Überhaupt: Dass man Leute, die damals andere unterdrückt haben, wieder hochkommen lassen hat, begreife ich nicht.

Sie gehören zu den wenigen DDR-Bürgern wie Wolfgang Biermann, die zeitweise den Staatsapparat aus der Fassung brachten. Doch eine wirkliche Befriedigung kann das nicht sein?

Ja und nein. Ich hatte ja trotzdem eine schöne Zeit, auch wenn mir vieles verschlossen blieb. Ich werde heute noch von Leuten angesprochen, erst jüngst in Wittgensdorf in der Kaufhalle von einer älteren Frau, die mich vor 30 Jahren irgendwo bei einem Rennen gesehen hat. "Sie sind doch der Lötzsch", sagte sie.

 
 
Wolfgang Lötzsch in seiner Werkstatt. Chemnitz, November 2011. Foto: Kreißig
 
 

Wer einmal Radsport betrieben hat, egal, auf welchem Niveau, der weiß, dass allein das dauernde Training und die Wettkämpfe ab einer gewissen Intensität eine Qual sind. Wo fanden Sie Ihre Motivation über die bleischweren Jahre?

Das war auch Wut. Ich wollte es denen zeigen. Ich wollte gewinnen und damit beweisen, dass ich besser war. Das war ein ständiger Antrieb. Ich wollte die Spitzenfahrer des Systems, die mit allem versorgt wurden und im Winter in Kuba trainierten, im Wettkampf schlagen, und das ist mir auch gelungen, obwohl ich hier draußen in der Nässe und Kälte Kilometer machte.

Als die Grenze aufging, war es für eine Sportkarriere unter den neuen Umständen zu spät. War Ihnen das in diesem Augenblick schon klar?

Das war mir schon klar. Leistungssport lässt sich nur in jungen Jahren betreiben, da gibt es eine natürliche Altersgrenze. Ich habe noch ein paar Jahre rangehangen, aber ich war eigentlich schon 1989 zu alt.

Viele ehemalige Profiradsportler sprechen inzwischen erstaunlich offen über Doping. Wie war das damals in der doch recht abgeschlossenen DDR-Fahrerszene?

Ja, das ist wirklich überraschend. Sicher gab es Doping auch bei DDR-Radsportlern, aber durch die Testkontrollen vor internationalen Wettkämpfen ist da nie etwas rausgekommen.

Das heißt auch, dass ein DDR-Nationalfahrer bei einem positiven Test bei einem Rennen in der DDR davongekommen wäre …

Das wäre wohl so gewesen. Die sind vor Fahrten ins Ausland getestet worden. Es ist ja wohl auch nur Norbert Dürpisch erwischt worden. Aber man muss eines sagen: Als Profi ist es eben schwer zu widerstehen. Da steht ein unheimlicher Druck dahinter - für den Fahrer selbst und für die Mannschaft. Man erwartet Siege und Erfolge, vom Team, vom Sponsor, man erwartet Werbezeiten, Sendezeit im Fernsehen. Heute wie damals.

In Ihrer Situation wäre Doping Wahnsinn gewesen. Ich kam an die Sachen gar nicht heran, aber es wäre auch nicht in Frage gekommen.

Zu einigen Rennen gab es Tests, und es wäre für die ein gefundenes Fressen gewesen, wenn sie mich positiv getestet hätten. Dann wäre ich endgültig draußen gewesen.

Sie seien der erste DDR-Radsportler gewesen, der die Leistungswerte von Täve Schur übertroffen hat. Wahrheit oder Legende?

Das stimmt. Das war '71 oder '72 in Kreischa. Man hat da bestimmte Profile abgefahren, und dann wurden die Werte gemessen. Und die waren wohl besser als bei Schur.

"Ihr fahrt nach Mexiko ins Trainingslager und esst Bananen. Der Lötzsch sitzt daheim und futtert Butterbrote. Wie kann es da sein, dass Lötzsch gewinnt?" soll Ewald gesagt haben. Stimmt das auch?

Das soll er gesagt haben. Der war wütend. Und man muss natürlich auch sagen, dass die Spitzensportler in der DDR etliche Privilegien hatten: eine gute Wohnung, Auto, nicht arbeiten müssen, Reisen und keine Armee. Dafür wurde dann etwas erwartet.

 
 
Wolfgang Lötzsch bei Rund um Berlin im Jahr 1983 auf einem Rennrad von Elsner aus Zeuthen. Er gewinnt mit 8,5 Minuten Vorsprung vor allen Elite-Fahrern. Neun Jahre zuvor hatte er zum ersten Mal das einstige Klassikerrennen für sich entschieden. Szenenbild : ASCOT ELITE Home Entertainment
 
 

1976 wurde die lange geltende Regel kreiert, nach der die BSG-Radrennfahrer nicht mehr gegen die Leistungssportler der DDR antreten durften. Das sei die sogenannte "Lex Lötzsch" gewesen, die wahrscheinlich auch Ewalds Idee war. Es ging dabei nur um Sie?

Ja, das war wegen mir. Ich hatte das Ausscheidungsfahren für die Olympiade Montreal gegen alle DDR-Spitzenfahrer gewonnen. Und das passte Ewald natürlich nicht, dass sein System durch einen wie mich vorgeführt wird. Das hatte für ihn auch eine persönliche Dimension. Er hat wohl dem Deutschen Radsport-Verband der DDR mitgeteilt, dass sie sich etwas einfallen lassen sollen. Und so wurde diese Regel gegen mich geschaffen.

Im gleichen Jahr berichtete die Süddeutsche Zeitung zum ersten Mal über Ihren Fall. Haben Sie den Text bekommen?

Ja, der wurde mir zugespielt. Ich habe allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst, was sich daraus entwickeln wird. Die Stasi hat mich danach nicht mehr unbeobachtet gelassen.

Im Sommer diesen Jahres war das Stasi-Gefängnis auf dem Chemnitzer Kaßberg, in dem Sie zehn Monate inhaftiert waren, ein paar Tage geöffnet. Haben Sie sich das angesehen?

Ich war schon vorher für den Film von arte dort gewesen. Allerdings sieht es dort nicht mehr so aus wie damals. Die haben vieles abgerissen. Man kann nicht so richtig erfassen, wie es damals war.

Sie sollen in der Zelle 3.000 bis 5.000 Kniebeugen am Tag gemacht haben. Das geht?

Das geht. Man hat ja viel Zeit und muss sich beschäftigen, um nicht durchzudrehen.

Wer "das System" angreift, muss damit rechnen, dass dessen Protagonisten zurückschlagen. Das war Ihnen klar?

Es blieb mir nichts anderes übrig. Ich hatte nur dieses Leben, den Radsport. Wahrscheinlich war es mir klar. Aber ich habe das System in dem mir zugelassenen Raum auch besiegt, obwohl jede nervliche Belastung ja an der Leistung zehrt.

Ein paar Tage später treffen wir uns in der Werkstatt neben seinem einfachen Haus an einer Chemnitzer Ausfallstraße. Lötzsch zeigt auf die kleine Kirche auf dem Hügel in der Nähe: "Dort auf dem Friedhof liegen auch meine Eltern." Sein Vater und seine Mutter haben alles für seine Sportkarriere getan, und sie mussten miterleben, wie die Stasi ihren Sohn auf dem Kaßberg einsperrte und das Elternhaus bei einer Durchsuchung auf den Kopf stellte. An der Wand des Schuppens hängen noch ein paar Siegerkränze, verblasst und verstaubt. Dazwischen klebt ein vergilbter Artikel von Manfred Hönel aus der Jungen Welt, in dem der Radsportler Lötzsch nach einem Rennsieg über die Maßen gelobt wird. "Ja, der hat ab und zu 'was gucken lassen. Nach der Wende arbeitete er für die BILD-Zeitung. Irgendwann kam heraus, dass er auch Stasi-IM gewesen sein soll." Lötzsch sagt das so, als wäre nichts gewesen. Zwei Welten, die ineinander übergehen, ohne Brüche für beide Seiten, scheinbar. Neben der Tür hängen ein uraltes Plakat für ein "Jugendkonzert" von RENFT und auf der anderen Seite ein Zettel vom Abschiedsrennen von Steffen Wesemann von 2008, darauf ein Autogramm von Jan Ullrich für ihn. "Da bin ich noch einmal mitgefahren", erinnert sich Lötzsch. Gegenüber klebt ein Poster des Spaniers Miguel Indurain, der die Tour de France die erste Hälfte der 90er Jahre dominierte. Nach der Wende konnte er mit Indurain, der als junger Amateur bei der Friedensfahrt war, noch gemeinsam in einem Rennen fahren. Indurain war damals die Zukunft des Radsports, Lötzsch musste das Ende seiner ungewöhnlichen Karriere akzeptieren. Und dennoch: Er hat ein System, dessen Stellvertreter ihn unterwerfen wollten, besiegt. Das schafft in zehn Jahren eine Handvoll, wenn überhaupt.

Können Sie sich an die erste Runde mit dem Rennrad nach der Entlassung erinnern?

Kann ich. Ich bin mit ein paar Freunden eine Runde durch das Chemnitztal gefahren.

Sie wollten nach Ihrer Haftentlassung gleich bei einem Rennen starten, aber ihr Versuch endete in einer Sperre von zwei Jahren.

Mit einem Trick kassierte man meinen Personalausweis ein, so konnte ich mich in der DDR nicht mehr frei bewegen. Und dann wurde ich aus dem DTSB ausgeschlossen, und so durfte ich keinen aktiven Sport betreiben oder an Wettkämpfen teilnehmen. Ohne eine Mitgliedschaft im DTSB warst du als Sportler nichts mehr.

Geschehnisse allein von Ihrem Ende her zu beurteilen, ist problematisch. Dennoch: Gab es trotz Ihrer schmerzhaften Jahre in der DDR für Sie etwas Gutes an dem Staat?

Das ist schwierig. Aber ich denke, dass die Sportförderung schon etwas Besonderes war. Da ging es nach Leistung, nicht danach, wie viel Geld die Eltern haben, die den Sport ihres Kindes finanzieren können oder auch nicht. Ein Jan Ullrich mit einer alleinstehenden Mutter und drei Kindern wäre in der heutigen Zeit nichts geworden.

 

 
 

Sportsfreund Lötzsch gehört zu den fünf besten Filmen deutscher Provenienz der vergangenen zehn Jahre, Spielfilme eingeschlossen. Cover: ASCOT ELITE Home Entertainment

 
 

Etwas leichtere Kost für die Fans: Greg Lemond, amerikanischer Ausnahmeradsportler, soll kürzlich gesagt haben, dass das Fahren auf dem Rennrad die schönste Fortbewegungsform der Welt ist. Sie stimmen zu?

Da muss ich schon zustimmen. Ich bin erst heute 130 Kilometer gefahren, das gute Wetter muss man nutzen - auch wenn ich inzwischen die Jungen manchmal ziehen lasse. Wenn man älter ist, soll man ja länger und ruhiger fahren. Aber ich habe faktisch ein ganzes Leben auf dem Rennrad gesessen. Da ist das so.

Schönste Siege im Nachhinein?

Da würde ich schon den Sieg mit der Vierer-Mannschaft über 100 km in der Deutschen Meisterschaft 1990 sagen. Da habe ich es den DDR-Funktionären noch einmal gezeigt. Und den Sieg Prag - Karlsbad - Prag, mit 250 km das längste Amateurrennen überhaupt, das war 1986. Und vielleicht auch Rund um Berlin 1983.

Bester Rennrahmen aus Stahl aller Zeiten?

Colnago würde ich schon sagen. Diese Rahmen, die dann Wolfgang Lindner für die DDR-Nationalmannschaft kaufen ließ.

Wann hatten Sie das erste Westrennrad, die seit den 70ern ja deutlich besser waren als ein Karl-Marx-Städter Diamant?

Ich habe mir 1987 zwei Rahmen aus Westrohrsätzen von Reynolds bauen lassen. Das war das erste Material, mit dem ich in dieser Hinsicht halbwegs konkurrenzfähig war.

Haben Sie noch Ihr erstes eigenes Diamant-Rennrad?

Nein. Ich bin froh, dass das ganze Zeug weg ist.

Warum baut Diamant keine Rennräder mehr?

Die hatten irgendwann den Anschluss verloren. Und nach der Wende, als man wieder an ordentliches Material gekommen wäre, hätte man sofort ein ordentliches Team ausstatten müssen.
Inzwischen werden auch veraltete Diamant-Rennrahmen wieder gut gehandelt, vielleicht wäre eine Retro-Auflage sogar denkbar.

Bürokratie ist ein gigantischer Mechanismus, der von Zwergen bedient wird, schrieb Honoré de Balzac vor 200 Jahren. Diese Zwerge haben eine Zeit lang Ihr Leben regiert. Also: Wie besiegt man Zwerge?

Man muss bei einigen Sachen mitmachen, und bei bestimmten Dingen muss man sich selbst treu bleiben. Das ist manchmal auch schwierig - im Profisport wie bei einem Job in der Wirtschaft. Bei Geld dreht der Mensch durch. Und deshalb gibt es im jetzigen System kaum noch zufriedene Menschen.

So extrem, wie Sie Ihren Sport betrieben haben, gibt es oft auch kein richtiges Privatleben. Bedauern Sie das manchmal?

Eigentlich nicht. Der Sport hat mir viel gegeben, ich hatte eine schöne Zeit. Mit einer Familie geht so was schwer. Ich hab´ mich dafür entschieden, und dann mache ich das richtig.

Berührt Sie es, dass Sie in Ostdeutschland und nicht zuletzt im Chemnitzer Raum bis heute tausende echte Fans haben?

Das berührt mich schon. Auch aus dem Westen haben mich viele angerufen, als jetzt der Film über mich wieder im Fernsehen kam. Oder sie fragen mich, wo man das Buch über mich bekommen kann. Heute wollen die Leute das lesen. Das sagt auch einiges aus. Meine Zeit ist den Leuten noch in Erinnerung, und das erfüllt einen mit Stolz.

Interview: Uwe Kreißig

 

© 2012 Reconnaissance Interview Mag Uwe Kreißig