Reconnaissance
Interview Mag

 
 

Sven Kuntze
Journalist, Moderator und Autor

 
Ich träume von lebenswerten Altenheimen
 
Über Woody Allens Büro, einen Boxtreffer von Norman Mailer, Montauk und Long Island, seinen Lieblingstext von Goethe und seine Lieblingsinszenierung von Thalheimer

 

Sven Kuntze, Jahrgang 1942, gehört zu einer vermutlich schwindenden Journalistenriege im Fernsehen: unbestechlich, souverän, gebildet – und dennoch mit bemerkenswerter Distanz und Selbstironie zum eigenen Tun. Direkt nach dem Soziologie-Studium ging er zur ARD, wo er zum Allrounder-Journalist wurde. Von 1991 bis 1994 arbeitete er dann als Korrespondent in New York, von 1994 bis 1999 moderierte Kuntze das ARD-Morgenmagazin. Zuletzt war er im ARD-Hauptstadtstudio und nahm 2007 den Ruhestand, der dann doch kein richtiger wurde. Für seine inzwischen zum Kult aufgestiegene Reportage „Alt sein auf Probe“, für die er 2008 zwei Monate in ein Altenheim zog, erhielt er den Deutschen Fernsehpreis. Lichtjahre entfernt vom Hang unserer Gesellschaft zu Jugendwahn und Glamour blieb auch Kuntzes Produktion „Gut sein auf Probe“, die im Mai dieses Jahres zur besten Sendezeit in der ARD lief. Für die Produktion anlässlich der Themenwoche „Ist doch Ehrensache!“ war er an der Seite Todkranker in einem Hospiz, half in einem Obdachlosentreffpunkt und versuchte sich als Leih-Opa.

Nach einer Veranstaltung des Presse-Monitorings in Berlin, die Sven Kuntze gewohnt trocken moderierte, fragten wir ihn knapp, ob er bei unserer Interviewreihe dabei ist – und er war es. Aber vorher bestellte er uns noch ein Glas Weißwein.

Frühstücksfernsehen kann ziemlich nerven...

Hat mich nie genervt. Es war ein Jungbrunnen – auch für die Zuschauer.
Herr Kuntze hat wahrscheinlich lange kein SAT1-Frühstücksfernsehen oder Punkt 6 auf RTL gesehen, das ist purer Grusel… Aber wir sind ja erst am Anfang.

Warum sollte man mit 65 nicht aufhören zu arbeiten?

Man sollte aufhören zu arbeiten, um den Jüngeren Platz zu machen.

Was bekommt man bei der ARD beim Abschied von der Firma?

Nüscht.

Mal Lust gehabt, endgültig nach New York zu ziehen?

Das hab’ ich mich nicht getraut. Lust hatte ich schon.

Wo Woody Allen interviewt?

In seinem Büro in Manhattan, das war wohl 1990.

Hat Allen ein großes Büro?

Sehr duster, Parterre, einen Haufen Teppiche. Ich hätte gern ein Vorgespräch mit ihm geführt, aber das wollte er nicht. Es war ganz seltsam: Ich sagte zu der Dame, die mich reinführte, dass ich gern drei Worte mit Woody Allen reden wolle, aber sie meinte zu mir, dass er das garantiert nicht tun werde. Und dann kam er plötzlich, hat wirklich nicht mit mir geredet, aber als ich ihm die erste Frage gestellt hatte, antwortete er lange ausführlich, freundlich, intelligent und professionell. Aber dann war auch gleich wieder Schluss.

Mit Starautor und Lebemann Norman Mailer beim Interview Alkohol getrunken und geraucht?

Und vor allem geboxt. Er hat mich zum Spaß tatsächlich niedergestreckt.

Wie alt war Mailer da?

75 vielleicht.
Jetzt setzen wir über in den Long-Island- Test, die seltsame Sehnsuchtsinsel östlich von New York, auf der Arm und Reich eine unvorstellbare Spreizung erfahren.

Wie Max Frisch in Montauk gewesen?

Ja.

Alleine?

Ja, alleine, mit dem Mietwagen. Es ist ja eine ziemlich verlassene Gegend. Deswegen hat Frisch auch dort ein gutes Buch geschrieben. Was anderes außer Schreiben kann man dort nicht machen.

Mal so eine richtige Milliardärsparty im Inselmillionärsghetto der Hamptons besucht?

Nee. Aber das hätte ich gerne mal gemacht…
Aber die Hamptons haben eigentlich eine andere Vorgeschichte. Sie waren ein altes, ziemlich linkes Refugium, gerade für New Yorker Linke und auch Künstler, die dort – vor allen anderen – sehr günstig Grundstücke und Besitztümer kauften. Die konnten dort billiger als in New York leben und arbeiten.

Noch eine Long-Island-Story…

Ich habe dort mal Noam Chomsky erlebt. Er hielt in einer rappelvollen Turnhalle einen Vortrag, vor lauter Senioren. Ich fragte mich, was hier los ist. „Wir waren Kommunisten“, sagten sie mir später. Und die besaßen nun dort ein paar der sehr teuren Grundstücke. Sehr erstaunlich.
Was will uns Kuntze damit anvertrauen? Dass die Kommunisten die besseren Geschäftemacher sind?

Wie lebt es sich mit einer prominenten Frau an der Seite?

Schön, weil man immer wieder eingeladen wird und an schönen Festen teilhaben kann.

Was empfindet man, bei Amazon für 1,66 € im Angebot zu sein?

Das find’ ich aber einen schönen, stattlichen Preis – weil ich dort schon für 50 Cent angeboten wurde.

Welcher Autor hat sie das Leben lang begleitet?

Flaubert.

Lieblingstext von Goethe?

Über allen Gipfeln ist Ruh.

Dann auch auf dem Kickelhahn mit dem Goethehäuschen gewesen?

Ja, klar.

Die schönste Schauspielerin?

Ich bin in Scarlett Johansson verliebt…, aber ich glaube, das wird nichts.

Kinder sind das Beste, was man haben kann?

Ist bei weitem der richtigste Satz.

Mal in jungen Berufsjahren Angst gehabt, bis zur Rente als Lokaljournalist zu arbeiten?

Nein, weil ich gleich zum Fernsehen gegangen bin.

Theodor Herzl gab seinen Beruf als Journalist auf, weil er nicht immer nur für den nächsten Tag arbeiten wollte, sondern etwas Wirkliches vollbringen wollte. Können Sie das nachvollziehen?

Kann ich gut verstehen, und ich erfühle das jetzt gerade: Eigentlich hätte ich früher in Rente gehen sollen.

Wenn Leute von Netzwerken und Visionen reden, was denken Sie dann?

Dann denke ich an Handwerk, Bescheidenheit und Zurückhaltung – als den notwendigen Gegenpart.
Auch wenn er sich gelegentlich als Egoist beschreibt: Kuntze ist sehr sympathisch.

Lieblingshasssendung im deutschen Fernsehen?

Hab’ ich nicht, weil ich kaum Fernsehen gucke.

Schon mal heimlich Germany’s Next Top Model gesehen?

Nee.

Lieblingsregisseur im Theater?

Thalheimer.

Lieblingsinszenierung von Thalheimer?

Die Ratten.

Nervt Sie der Berlin-Hype?

Den braucht die Stadt. Es kann gar nicht genug sein.

In welche Talkshow würden Sie gern eingeladen werden?

Zu Frank Elstner. Das ist eine kleine, bescheidene Talkshow.

Ihre Magister-Arbeit noch griffbereit?

Nein, die hab’ ich verloren.

Traurig, dass sie weg ist?

Nö.

Also: Welcher Titel?

Der Einfluss von Wohn-Umwelt-Strukturen auf menschliches Verhalten am Beispiel einer Obdachlosensiedlung.

Schönste Erinnerung an die Studienzeit?

Die Besetzung des Luftschutzhilfsdienstes durch die revolutionäre Tübinger Studentenbewegung.

Ging es Ende der 60er wirklich so freizügig zu oder ist das eine späte entwickelte Legende?

Legende, ganz klar.

Damals auch mal so eine richtig schräge Versammlung – z. B. vom KBW, dem Kommunistischen Bund – besucht?

Da war ich Mitglied. Also um genau zu sein eigentlich in der KPD/ML-ZB.

Gibt’s das noch?

Nein, wir haben uns aufgelöst. Wir wurden damals von den Trotzkisten unterwandert.

Konfuzius meinte, dass sich die Kinder um die Eltern kümmern sollen, wenn sie alt sind. Stimmt das?

In Maßen. Wir sind schon für uns selbst verantwortlich – und bleiben das auch.

Ihre Reportage aus einem Kölner Altersheim ist schon etwas wie eine Fernsehlegende. Wie denken Sie über das Leben in so einem Hause?

Ich träume von lebenswerten Altenheimen, Heime, in die man gerne einziehen würde.

Angst davor?

Vor dem Altersheim? Eigentlich nicht. Vor dem Alter habe ich immer wieder großen Respekt.

Interview: Uwe Kreißig

 
 

© 2009 Interview Mag Uwe Kreißig