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Interview Mag

 
 

Reinhold Messner
Bergsteiger, Abenteurer, Autor und Südtiroler Legende

 
"Ob nun Gott alles sieht oder nicht, ist mir völlig wurscht"
Über seine Zeit als Politiker, warum der Yeti-Witz in der DDR entstand, über Trenker und Hillary, Neid und Erfolg, sein Parfüm und das Altern
 

Die Legende sieht noch etwas müde aus, als wir uns in der Frühstückshalle des nicht unschicken Hotels an der Oper in Chemnitz begegnen. Reinhold Messner (Jahrgang 1944, Brixen) ist nicht ganz so groß wie man vermutete, aber er sieht sich sehr ähnlich. Dass er in die Zeitgeschichte einging, ist letztlich nicht nur die Folge der überlebensgroßen Reihung von 8000er Besteigungen und Wüstenquerungen, sondern im gleichen Maße auch eine Reaktion auf seine schwer beschreibbare Ausstrahlung.

Am Vorabend hat er in der Chemnitzer Stadthalle, die in jedem Detail einen seltsamen Ostblock-Westsanierungscharme bewahrt hat und zugleich das Wohnzimmer von Florian Silbereisen ist, einen Abriss seiner Projekte präsentiert, die bis auf wenige Ausnahmen selbst im Scheitern noch Triumphe waren. Anders als im Fernsehen, in dessen Senderegime auch der Souverän in seinen Aussagen unversehens verstümmelt wird, eröffnet sich, dass Messner auch ein großer Erzähler ist. Hinter diesen Geschichten stecken ungefähr fünf Leben, jedes für sich genommen ein Vielfaches größer als ein normales Dasein in der Gegenwart. Seine Passion der Gegenwart sind freilich die Selbstversorgerhöfe und das Messner Mountain Museum in Südtirol. Mit Konzept und Optik der Museenkette versetzt er wieder einmal die Maßstäbe der Branche auf seine Weise und verwirrt jene zugleich, aber dazu kommen wir noch.

Freundlich weisen wir darauf hin, dass wir für heute einige Fragen vorbereitet haben, die ihm neu sein könnten. Messner antwortet mit einem freundlich-skeptischen Blick, so richtig kann er sich das nicht vorstellen. Überlegt er, ob wir ihn nach seinem Porsche-Cabrio befragen, in dem er unlängst gesehen wurde? Nein, Porsche ist ein so langweiliger Gesprächsgegenstand, dass sich jede Frage verbietet. Wir wollen aber das Thema Berge so lange wie möglich aussparen - einen Messner langweilt man nicht. Er sich selbst auch nicht: Schon ein paar Tage später will er wieder in Nepal sein.

Seine recht übersichtliche Frühstückswahl hat er schon auf dem Tisch bereit gestellt, wir zögern noch mit der ersten Frage. Und dann kommt der unnachahmliche Stimmfall, den man schon seit 30 Jahren kennt, damals noch aus dem Westfernsehen.
Sie können auch anfangen.

Enger Terminplan heute?

Keine Enge.

Ihre machtloseste Phase war sicher die Zeit als Europa-Abgeordneter?

Das würde ich nicht sagen. Nein. Die machtloseste Phase war, als ich mit einem faschistoiden Expeditionsleiter auf Expedition ging. Der hat uns einen Vertrag untergejubelt, mit dem man heute nicht mehr durchkommen würde. Kein Mitglied der Expedition durfte irgendetwas veröffentlichen. Damit hatte er ein Monopol und konnte im Grunde die gesamte Veröffentlichung fälschen, was er auch getan hat.
Damit könnte möglicherweise Karl Herligkoffer gemeint sein. Wir fragen nicht weiter.

Wenigstens etwas enttäuscht von der Politik?

Nein, das würde ich nicht sagen. Ich habe kein gebrochenes Verhältnis zur Politik, aber ein differenzierteres, seit ich das gemacht habe. Ich habe vor einigen Politikern mehr Respekt als früher. Die Politik kann viel weniger tun als wir alle glauben. Ich bin heute der Meinung, dass in Mitteleuropa die Medien schon mehr Macht haben als die Politik.

Der aktuelle Literaturnobelpreisträger Vargas Llosa umschreibt die Politiker Südamerikas der Gegenwart als „schaurige Clowns und aufgeblasene, eitle Schwindler“. Nur ein Problem dieser Region?

Zum Teil gilt das für Südamerika. Ich weiß nicht, ob es auch für Brasilien gilt. Dort gibt es wohl eine gute Entwicklung.

Mit Alberto Moravia nur über Literatur gesprochen?

Über Politik und Literatur. Aber mehr Politik. Aber das ist lang her.

Was hält Christoph Ransmayr von Ihrem Schreibstil?

Christoph Ransmayr ist ein Literat, und ich bin ein Sachbuchautor. Ich bin der Sache verpflichtet…

Über Stilistik unterhält man sich folglich nicht unter Freunden.

Nein.

Ihre dichteste Erinnerung an Luis Trenker?

Mit Luis Trenker hatte ich am Ende seines Lebens ein sehr nettes Verhältnis. Aber wir haben uns ein paar Mal im Jahr in der Wolle gehabt, weil der liebe Trenker lange Zeit all seine heldischen Vorstellungen, die er in den zwanziger, dreißiger Jahren in seine Filme gepackt hatte, zu relativieren versuchte. Er hat sich einfach geweigert, sich seiner Blut- und Boden-Romantik und dem heroischen Getue, das er in seine Filme hereingesteckt hatte, zu stellen. Das war NS-Filmerei, das war Propaganda, da gibt es gar keine Zweifel. In öffentlichen Auseinandersetzungen hat er sich oft als NS-Gegner beschrieben, aber da musste ich ihm ein paar Mal sagen, dass das leider nicht so war. - Nun, er war ein großer Erzähler, aber er eben ein Erzähler aus seiner Zeit. Er war kein Revolutionär.

Favorisierte bildende Künstler?

Recht gern mag ich den Herbert Brandl. Gerhard Richter mag ich sehr. Ich hätte gern ein Bergbild von Richter. Diese Bergbilder sind wunderbar. Richter ist ein großartiger Künstler. Und Anselm Kiefer – auch wenn das im Geist der Kunst faktisch das Gegenteil von Richter ist.

Sie haben dann noch keinen Gerhard Richter?

Nein. In unseren Museen arbeiten wir mit Originalen, ein Richter ist zu teuer für mich.

Ihre Autoren?

Mein favorisierter Autor ist Christoph Ransmayr, was immer er schreibt. Und Cormac McCarthy. In Die Straße zaubert er so starke Bilder, das ist ja sehr schwierig. Der Film kommt da nicht heran.

 

 
Reinhold Messner, 2010: Er sieht sich verblüffend ähnlich.
 
 

Die Naturwissenschaftler stehen auf den Schultern von Newton. Sie standen auf den Schultern von Edmund Hillary?

Das stimmt nicht. Ich bin ein großer Bewunderer von Edmund Hillary geworden, aber mehr wegen seiner sozialen Arbeit als wegen seiner bergsteigerischen Tätigkeit. Als Bergsteiger war Hillary in keiner Weise wichtig. Die Erstbesteigung des Mount Everest ist kein Zufall, sondern sein Verdienst, aber er hat keine großen Bergtouren gemacht. Das Bergsteigen wurde immer an kühnen Touren gemessen, die jemand in der Heimat macht. Die großen Berge sind bergsteigerisch relativ leicht, die gelten eben nicht als extremes Bergsteigen. Aber man muss sagen, dass die englische Expedition ohne den Neuseeländer Hillary 1953 nicht den Mount Everest erreicht hätte, denn er hatte diese Gabe, es gegen jede Vernunft zu wagen. Die Engländer - bessere Bergsteiger als er - hatten es versucht und mussten abbrechen. Damit ist der Everest im Grunde seine Leistung. Seine Route heißt heute auch Hillary-Route.

Prägendste Erinnerung an Hillary?

Er hat sich ein Leben lang den Sherpas gewidmet und hat die zu einem Vorzeigevölkchen gemacht. Er hat mit einer Stiftung, die er auf die Beine gestellt hat, Schulen und Krankenhäuser bauen lassen. Und diese Leistung ist für mich viel größer als die Erstbesteigung des Everests.

Insofern stehen Sie doch auf seinen Schultern - auf der Ebene einer Hilfe vor Ort?

Das ist richtig. Ich habe dann ein paar Stiftungen in Europa geholfen. Wenn wir dort schon unsere Erfolge geholt haben, dann haben wir auch die Verpflichtung, diesen Menschen, die dort zum Teil unter sehr ärmlichen Bedingungen leben, irgendwie zu helfen. Als ich dann aber gemerkt habe, dass diese Stiftungen zum Teil als reiner Selbstzweck von einer paar Leuten angelegt waren, um sich wichtig tun, habe ich mir selbst eine Stiftung gemacht.

Aber Sie sind Hillary persönlich begegnet?

Ja, doch. Ich bin noch kurz vor seinem Tod bei ihm in Neuseeland gewesen.

Man merkt an Trenker und Hillary, dass auch Bergsteiger alt werden können.

Ja und noch ein paar andere wie der Anderl Heckmair, der Erstbesteiger der Eiger-Nordwand.

Der Sinn des Lebens besteht in der Arbeit, meinte Kant.

Da bin ich ganz anderer Meinung. Es gibt keinen Sinn des Lebens. So etwas wird über die Religion postuliert. Das Göttliche ist nicht Gott, sagte Hölderlin. Und ich sehe es im Hölderlinschen Sinne: Wir haben die göttliche Möglichkeit, Sinn zu stiften. Ich kann mir die Möglichkeit machen, etwas wichtiger zu machen als anderes und dadurch entsteht Sinn. – Das ist eine Kantsche Aussage, die für eine bestimmte Zeit galt, und so haben das die Leute auch damals empfunden.

Sie mögen Hölderlin?

Ja, den mag ich.

Kann man sich auf die Intuition verlassen oder ist das Unsinn?

Man muss sich zum Teil auf die Intuition verlassen. Intuition ist nichts anderes als die Summe aller Erfahrungen, die der Mensch aus dem Tierreich heraus mitgenommen hat. Im Grunde sind wir ja Intuitionsentscheider für schwierige und gefährliche Situationen: Da kann ich nicht rational entscheiden, weil die Ratio viel zu langsam ist.

Liebe und tu, was du willst, schrieb Augustinus. Könnten Sie dem beipflichten?

Ja - das würde ich sagen. Warum soll ich nicht meine Sache machen? Wundert mich, dass das Augustinus sagt… Es wird ja gern als Egoismus kritisiert, wenn jemand seine Sache machen will. Aber warum sollte ich auch den Spießbürgern nach dem Munde reden und nachgeben und deren Sache machen?

Weil die zeitgenössische Gesellschaft so etwas voraussetzt und gelegentlich auch einfordert…

Weil die zeitgenössische Gesellschaft den Moralkodex geschaffen hat. Der Moralkodex ist ja nicht in der Kirche entstanden, sondern in Millionen von Spießbürgern, die glauben, sie wissen, wo’s hingeht. Und das lass’ ich mir nicht vorschreiben, da merken sie meine Vehemenz.

Gott sieht alles, heißt es im Alten Testament. Könnte da etwas dran sein?

Ich glaube nicht. Wir Menschen haben keine Instrumentarien, um das, was als Gott gesehen werden könnte, zu greifen oder zu erkennen – das ist uns nicht zugänglich. Wir Menschen haben einen Zugang zur Natur, wir haben einen Zugang zu uns selbst, wir haben eine Sprache zu kommunizieren, aber wir haben kein Instrumentarium, um das Göttliche zu greifen. Ob nun Gott alles sieht oder nicht, ist mir völlig wurscht.
Jetzt lacht Messner. Das klingt sehr schön.

Lieblingssentenz aus der Bibel?

Die Bibel sagt Am Anfang war das Wort. Goethe sagt Am Anfang war die Tat. Und ich halte es mit Goethe, denn durch die Tat ist die Sprache entstanden, vor allem durch die Gefahr. Wissen tun wir es nicht, aber ich behaupte das einfach.
Er wird etwas ungeduldig. Fehlen Messner die Bergfragen? Wir müssen da jetzt etwas halbwegs seriös einschieben.

Sie haben zeitweise in ihrem Metier alle Grenzen überschritten und hinter sich gelassen, die möglich waren. Waren Ihre Eltern wenigstens einmal in der Lage, sich über diese Grenzüberschreitungen zu freuen?

Nein. Mein Vater war absolut der Meinung, dass ich mit meinem Bergsteigen außerhalb der Moral lebe, weil es so gefährlich ist. - Aber ich habe die Grenzen nicht überschritten, ich habe vielleicht ein, zwei Mal einen Schritt zu weit getan. Aber im Grunde kann niemand seine Grenzen überschreiten. Nur in dem Bereich, in dem ich aktiv war und zum Teil noch bin, wenn sie sehr nah an die Grenze gehen, dann ist es nur mehr eine Nuance und sie sind über die Grenze hinaus, weil die Natur chaotisch und nicht berechenbar ist.

Warum diese Form der Bergsteigerei?

Wir stellen uns im Grunde nur in Frage, wenn wir Bergsteigen. Im Großen und Ganzen geht es um unsere Zweifel und Ängste. Ich habe noch nie jemanden getroffen beim Bergsteigen, der nicht Angst gehabt hätte, der auf dem Everest nicht sofort wieder abgehauen wäre: Da oben ist nicht der Himmel und die Euphorie. Jetzt kommt das alles wieder, dass auf dem Everest das große Glück sei. Das glaube ich keinem Menschen. Das ist alles Lug und Trug.

Sie mussten lernen, mit der Tatsache umzugehen, dass sie in ihrem Metier aufgrund natürlicher Begrenzungen der Größte bleiben werden.

Das sehe ich nicht so. Ich sage, dass es plus/ minus alle zehn Jahre eine Person gibt, die diese Szene beherrscht. Ich habe mein Tun lange hinausgezogen, zumal es heute nur noch Spezialisten gibt. – Dann habe ich mir noch die Freiheit herausgenommen und das Ganze aufgeschrieben. – Und dann habe ich es hingekriegt, eine museale Struktur zu machen, die heute weltweit das erfolgreichste Bergmuseum ist. Damit habe ich eine Aussage geschafft, und da läuft auch gerade der ganze Neid ab. Es gibt drei große alpine Museen in Europa und die waren alle sicher, das schafft er nicht, da geht er daran pleite. Wir haben es nur mit einem großen Verein im Hintergrund geschafft. Manche haben 3000 Besucher im Jahr, und wir haben 150000.

Sie kriegen von Herrn Durnwalder Geld?

Null.

 
 

Der Mann und der Berg: Wenn der Südtiroler in Fotos und Videos sein Leben passieren lässt, so scheint es fast, als verschwinde er noch einmal darin.

 
 
So, wir müssen jetzt mal an unsere Leser denken, wenigstens für ein paar Boulevard- Fragen. In welchem Jahr das erste Mal den besten Messner-Witz gehört?

1995 vielleicht.

Ich hörte den Witz das erste Mal 1986...

Das ist nicht möglich.
Den Witz erzählte mir damals die schöne Anke aus meiner Klasse.

Reden wir über den gleichen?

Das ist der mit dem Yeti. Der ist nämlich sehr gut. Ich bin glücklich über diesen Witz.

Der Witz kursierte schon 1986 in der DDR.

Dann wäre er da geboren... Das kann schon sein, dass dieser Witz in der DDR geboren wurde. 1986 habe ich das erste Mal in meinem Leben überhaupt etwas über den Yeti ausgesagt.
Für alle, die ihn nicht kennen: Begegnen sich zwei Yetis. „Du, ich hab’ g’rade den Messner getroffen.“ – „Was? Den gibt’s wirklich?“

Sie sind in eher einfachen Verhältnissen aufgewachsen und haben ein halbes Leben im Zelt zugebracht. Weiß ein Messner heute ein gutes Hotel zu schätzen?

Ja, das weiß er. – Aber ich kann immer noch springen: vom guten Hotel ins Zelt in Nepal und bin zufrieden.

Schon mal die Haare gefärbt?

Nein. Das werde ich auch nie tun, höchstens umgekehrt. Ich schließe nicht aus, dass ich meine Haare nächstes Jahr weiß färbe.

Yak-Fleisch oder europäisches Rind?

Also dann ziehe ich Yak-Fleisch vor. Aber ganz selten.

Sie bauen Wein auf Ihren Höfen an. Trinken Sie ihn auch?

Ja, wir trinken auch Wein.
Da sind wir beruhigt. Von seinem Frühstück hat er noch immer keinen Bissen angerührt, aber in Entbehrungen hat er ja einige Erfahrungen gesammelt.

Südtirol ist heute eine der reichsten Regionen der Welt. Dennoch: Was empfinden Sie, wenn Sie das durch den Verkehr völlig zerstörte Eisacktal und Etschtal durchqueren?

Ja, das ist eine Katastrophe. - Aber wir können dem nicht ausweichen. Wir sind nun mal das Nadelöhr zwischen Süden und Norden. Wir brauchen den Brennerbasistunnel, aber jetzt ist die Frage, ob das noch finanzierbar ist. Wenn nicht, werden wir im Verkehr ersticken.

Ein Teil dieses Reichtums von Südtirol beruht sicher auf dem Tourismus, der es wiederum zerstört hat.

Das ist eine ganz schwierige, komplexe Geschichte. - Wenn wir die Brennerautobahn, die in Südtirol herbeigebetet wurde, nicht gekriegt hätten, wären wir heute Dritte Welt: Man wäre um uns herumgefahren. Aber ist es auch ein riesiger Verlust an Stille und an Schönheit der Landschaft.

Ihre persönliche Auffassung: Ist Marco Polos Reise nach China eine Legende oder eine historische Begebenheit?

Ich halte sie für eine historische Begebenheit. Es gibt in seinem Reisebericht so viele genaue Schilderungen von Tatsachen, die ich kenne – ich stütze die historische Begebenheit.

Der Tag ist ein leeres Blatt Papier. Lässt sich das leere Blatt mit originären Abenteuern füllen oder bleibt letztlich doch alles offen?

Ein Abenteuer dauert länger als einen Tag.

Dann reduzieren wir die Frage: Bleibt letztlich alles offen?

Letztlich bleibt nicht alles offen. In dem Moment, wenn ich handle, dann entsteht aus dieser Handlung eine Handlungsnotwendigkeit, und am Ende gibt es eine gelebte Realität.

Sie haben in Padua studiert. Was singen die Kommilitonen bei den Erniedrigungsprozeduren der Absolventen der Universität in der Innenstadt eigentlich genau – man versteht immer nur „Dottore, Dottore…“

Ich weiß es nicht.

Dieses Prozedere ist an Ihnen vorübergegangen…

Ich habe das nie absolviert, ich habe nicht fertig studiert.

Mal am Hofer-Denkmal in Mantua gewesen?

Nein. Ich lebe in Meran neben dem Hofer-Denkmal. Das ist genug.

Gemeinsam mit Andreas Hofer sind Sie der berühmteste Südtiroler, wobei Hofer seinerzeit ja nur Tiroler war. Ihnen ist dieser Status bewusst…?

Nein. - Ich mag den Hofer gern, er ist demokratisch zum Führer der Aufständischen der Tiroler geschickt worden, ein typischer Südtiroler Bauer. Ich glaube, dass er in erster Linie gegen die Aufklärung gekämpft hat, und da bin ich umgekehrt. - Der Trenker war lange Zeit im deutschen Sprachraum der berühmteste Südtiroler. Jetzt ist es der Ötzi.

Heutzutage werden nicht selten geschaffene Werte aus Dummheit, Unfähigkeit oder Korruption vernichtet. Wie kann sich die überreiche Gesellschaft des Westens von diesem Faktum lösen?

Die überreiche Gesellschaft des Westens muss Verzicht als Wert einführen. Bis jetzt gilt bei uns Konsum als hoher Wert. Wer konsumieren kann, ist höherwertiger als der andere, der das nicht kann. Und das ist absoluter Unsinn.

Im Leben der meisten normalen Menschen passiert zu wenig. Aber der Mensch braucht Ungewissheit. Sie auch?

Ja. – Mein Erfolg beruht darauf, dass ich bereit bin, Ungewissheit anzunehmen. In einer Gesellschaft, die den frühen Erfolg huldigt wie überschätzt, spielt Geduld keine Rolle mehr.

Hatten Sie Geduld?

Ich brauchte für meine verschiedenen Lebensphasen 10 bis 15 Jahre. Ich habe immer mehr oder weniger bei Null angefangen, habe bei den guten Leuten abgeschaut und brauchte diese Zeit, um an mein oberstes Level zu kommen. Ich habe sehr viel Geduld. Und ich brauchte mehr als 15 Jahre, um das Museum fertigzumachen, und im Frühling wird es fertig. Wenn ich vorher gesagt hätte, das mache ich in zwei Jahren, wäre ich untergegangen.

Sie fragen selbst nach dem geheimen Sinn des Bergsteigens. Jetzt können Sie ihn ja verraten?

Jeder Mensch hat das Recht, dort seinen Sinn hineinzulegen.

Sie sprechen darin auch, dass Sie ein Renaissance-Mensch seien. Welche Idee der Renaissance hat sie am stärksten berückt?

Zuerst, dass man in der Renaissance den Mut hatte, der Kirche skeptisch gegenüberzustehen.

In dieser Zeit sind die schönsten Kirchen gebaut worden…

Die schönsten Kirchen, die schönsten Häuser, die schönsten Paläste. Mein Schloss, in dem ich selber wohne, ist in der Renaissance umgebaut worden, sonst wäre es eine arme Hütte.

Heute wollen viele Menschen an einen Ort, der alles besser macht – wenigstens eine Zeitlang. Doch nicht an den Orten liegt der Fehler, sondern in uns selbst, oder?

Ja, das stimmt.

Ihre einzige Wettkampfniederlage – wenn man es so umschreiben darf – als Bergsteiger war, dass Ihnen Pat Morrow bei den „Seven Summits“ zuvorkam. Das hätten Sie bei strikter Planung vermeiden können.

Ich hätte es nicht vermeiden können. Das war eine Frage, vor Ort in die Antarktis zu kommen. Wenn die Amerikaner großzügiger gewesen wären, dann hätten sie mich mitgenommen. - Damals, als ich das machen wollte, war es im Grunde nicht finanzierbar, sie mussten einen eigenen Flieger umrüsten lassen. Die ersten, die das getan haben, gaben dafür Millionen Dollar aus. Dass Morrow mir zuvorkam, war mir völlig wurscht, heute wie damals.

 
 

Messner signiert für seine Fans. Und dieses Zeremoniell trägt den Charakter einer Audienz – ob er will oder nicht. Fotos (3): Kreißig

 
 

Durch mediale Überpräsenz können auch Schieflagen am wahren Bild eines Menschen entstehen. Da haben Sie Ihren Neidern und Konkurrenten gelegentlich Vorlagen gegeben?

Die öffentliche Aufmerksamkeit wird heutzutage geneidet. Es geht nicht nur um Geld: Die Leute glauben, dass wer mehr Aufmerksamkeit findet, besser ist und den höchsten Wert hat – diese Aufmerksamkeit wollen viele auf ihre Mühlen lenken. In meinem Zusammenhang gibt es zwei Möglichkeiten. Man kann sich mir anschließen und sagen, ich bin mit dem Messner auf den Everest, das ist eine Möglichkeit, von dieser Aufmerksamkeit zu profitieren, oder man kann genau das Gegenteil machen. Und da habe ich natürlich unendlich viele Vorlagen gegeben.

Das Messner-Parfüm und Ihre neue Kosmetiklinie – da haben Ihre Feinde doch sicher ein wenig abgefeiert?

Diese Leute haben nicht gesehen, was das ist. Es gibt einen Südtiroler Kräuterbauer, der 3000 m² Grund hat und davon lebt. Das hat mich so beeindruckt, dass ich ihm erlaubt habe, meinen Namen zu nutzen und diese Kräuter kosmetisch zu veredeln. Das mache ich unentgeltlich, aber er schenkt mir ab und zu wieder so einen neuen Duft, das ist alles, was ich davon habe.

Nehmen Sie es selbst?

Nein. – Aber ich habe ihm auch gesagt, dass er keine Chance hat, mit diesem Parfüm auf den Markt zu gehen. Wenn heute Dior oder Chanel heute etwas neues herausbringen, kostet die PR einige Millionen, sonst geht das gar nicht.

Aber Ihr Name ist auch einige Millionen wert.

Nein. Aber der Kräuterbauer hat eine Chance, weil er diese Sachen lokal verkauft, ohne PR. Und damit kann er leben.

Ein Parfüm Nanga Parbat für die Frau geht aber schon etwas weit…?

Nein, nein. Er macht alle Jahre einen neuen Achttausender als Parfüm. Er nimmt halt diese Namen, die mit mir verbunden sind.

Das einfache Leben: Auch für einen Superstar noch machbar?

Ja. – Ich bin auch kein Superstar, da lebe ich ganz anders. Ich bin streitbar. Superstars sind gezwungen, stromlinienförmig zu sein oder eine populistische Haltung zu haben, sonst werden die ziemlich schnell niedergemacht.

Die wenigsten Menschen sind einer echten, lebenslangen Freundschaft fähig?

Das kann sein, das würde ich aber lieber nicht verallgemeinern. – Aber es ist auch schwierig, wenn sie sich völlig verändern: Sie sind ursprünglich ein Abenteurer und dann sind sie in irgendeiner Kunstszene, dann entstehen auch neue Beziehungen und neue Freundschaften. Meine Freunde, mit denen ich mich treffe, sind weniger Bergsteiger sondern mehr Künstler.

Viele Zeitgenossen fürchten sich letztlich vor der Beschäftigung mit ihrer Vergangenheit - Verdrängung und Verklärung sind einfacher. Wie hält es Reinhold Messner?

Ich habe meine Vergangenheit offen dargelegt, und ich trage die Verantwortung für meine Biographie. Ich denke nicht in gestrigen Dimensionen. Ich bin dauernd beschäftigt, was ich morgen, übermorgen und nächstes Jahr mache.

Sind die früh angehäuften Impressionen ein Lebenselixier oder im reifen Alter eher eine Last?

Die frühen Impressionen sind eine wesentliche Hilfe, den Gefahren aus dem Weg zu gehen. Die schreiben sich in unseren Intellekt, und die helfen uns dann später, wieder unterbewusst wieder richtig zu entscheiden.

Es ist vielleicht das schwierigste überhaupt für den Menschen: Wie lernt man, alt zu werden?

Das ist ein schwieriger Prozess. Ob ich es schaffe, weiß ich noch nicht. Sonst sagen die Leute, das kann er auch noch.

Interview: Uwe Kreißig

 
 

Wir empfehlen:
Reinhold Messner: Die Freiheit, aufzubrechen, wohin ich will – Ein Bergsteigerleben

Weitere Informationen zum Messner Mountain Museum:
www.messner-mountain-museum.it

 

 

© 2010 Interview Mag Uwe Kreißig