Reconnaissance
Interview Mag

 
 

Peter Imhof
Fernsehmoderator

 
„Witzig sein ist unglaublich schwierig“
 
Über seine Zeit bei MTV, die Scherze von Christian Ulmen, das Publikum aus Deutschlands vergessenen Nachmittagsshows und Sven Regners schriftstellerisches Werk

 

Peter Imhof ist sehr freundlich, und er sieht erholt aus. Er war länger im Urlaub, wie er bereitwillig erzählt. Imhof ist in gewisser Hinsicht ein Überlebender des Talk-Show-Reigens, der Gesamtdeutschland je nach Sendung mit seiner unbekannten Unterschicht, Soziopathen und harmlosen Narzissten auf eine völlig neue Weise bekannt machte. Und wochentägliche Sendungen wie „Hans Meiser“, „Ilona Christen“, „Ricky!“, „Arabella“, „Fliege“, „Andreas Türck“, „Bärbel Schäfer“, „Sonja“, „Vera am Mittag“, „Kerner“, „Birte Karalus“, „Absolut Schlegl“, „Sabrina“ oder „Jörg Pilawa“ eignen sich auch aus heutiger Sicht bestens für ein Grundseminar in Kommunikationswissenschaften zur Thematik „Vergleich des Grauens im deutschen Fernsehen in privat- und gebührenfinanzierten Sendern“. Es war die Anhäufung einer stumpfsinnigen Struktur, die man heute kaum noch nachvollziehen kann.

Im März 2000 war schließlich Peter Imhofs Personality-Show bei SAT.1 auf Sendung gegangen. Vorher hatte Imhof bei MTV moderiert, was vermutlich ein Grund war, ihn zu engagieren. Zu jener Zeit galten die beiden deutschen Musiksender als Castingpool, in erster Linie freilich für junge Frauen, die nach oben wollten: Wer dort als blonde oder kastanienbraune Hilfsmoderatorin stammelte, konnte seit Heike Makatsch ohne Umweg Filmschauspielerin werden. Die männlichen Moderatoren hatten es schwerer und waren auf wirkliche Fähigkeiten angewiesen. Aber der Zenit der Talkshows war bereits überschritten. Keine zwei Jahre war „Peter Imhof“ zu sehen.

Dieser Hölle ist er entkommen. Seit März 2003 teilt er sich mit mdr-Allzwecktante Katrin Huß und Andreas Fritsch die Moderation der mdr-Nachmittagsshow „Hier ab vier“. Wer vermutet, dass es sich bei einer Moderatorentätigkeit dieser Form um einen Job handelt, den man im Vorbeigehen erledigen kann, liegt völlig falsch. Die Vorbereitungszeit ist immens. Jede Sendung ist live, das beinhaltet ein gewisses Restrisiko, trotz vorproduzierter Einspieler und sorgfältig eingewiesener Studiogäste. Wir treffen uns vor der Aufzeichnung im mdr-Hochhaus in Leipzig. Die überaus freundliche Pressefrau will noch Kaffee beschaffen, aber den brauchen wir heute nicht.

Bei könnten Sie die Fragen bekommen, die Sie sonst nicht bekommen. Ist das okay?

Ja natürlich.

Oh, wir sind erfreut. Also dann: Doch etwas glücklich, der wochentäglichen Nachmittagstalktretmühle des Privatfernsehens entronnen zu sein?

Jein. – Ja, es gab Momente, da habe ich mich gefragt, was ich in dieser Nachmittagshölle bei SAT.1 eigentlich mache; hoffentlich sieht das meine Mutter jetzt nicht, dachte ich dann. Aber ich habe damals auch viel gelernt – über Menschen und deren Probleme, zu denen Leute wie wir im Grunde keinen Zugang haben. Und das war nicht unbedingt das, was in der Sendung zu sehen war, sondern das, was hinter den Kulissen passierte. Das hat mich gelegentlich erschüttert. Allein wie unfähig manche Menschen sind, Kinder zu erziehen und trotzdem immer mehr in die Welt setzen, die Formen von Gewalt als probates Erziehungsmittel sehen und ihre Kinder mit Gummibärchen und Cola füttern. Ich war damals noch recht jung für einen Fernsehmoderator, und in diesen Augenblicken merkte ich plötzlich, wie gut ich es doch in meiner Kindheit hatte.

Es war ein Ausflug in die Realität, die der Mehrzahl der Deutschen nur aus der Ferne oder beim Aufeinanderprallen an bestimmten Lokationen bekannt ist.

So kann man es wohl sagen. Die Frage ist aber grundsätzlicher Natur. Warum kommen Menschen in eine Fernsehtalkshow? Um über ihre Probleme zu sprechen? Das offenbart ja schon das größte Problem überhaupt: Diese Gruppe hat niemanden sonst, der ihnen zuhört. Die fanden in unseren Talk-Show-Redakteuren so etwas Ähnliches wie einen Zuhörer, für kurze Zeit vielleicht sogar etwas wie einen Freund. Das war für unsere Gäste eine ungewohnte Situation.

Aber liegt es nicht wirklich daran, dass die Botschaft der Zeit lautet, dass jemand, der im Fernsehen zu sehen ist, erst in diesem Augenblick zu existieren scheint? Das ist ziemlich genau jene Ausprägung dieser inzwischen etwas abwetzten Warhol-Sentenz, dass in der Zukunft jeder einmal 15 Minuten seines Lebens berühmt sein wird…

Auch wenn es diese Form von Nachmittagstalkshows – mit Ausnahme von „Britt“ – nicht mehr gibt, muss man doch sagen, dass für jene Menschen, die dort zu sehen sind oder die sich das anschauen, Fernsehen einen ganz anderen Stellenwert hat als für uns. Für sie war das eine Erhebung in den Adelsstand, wenn sie in der Sendung waren. Selbst die Buhmänner sagten, dass das der schönste Tag ihres Lebens gewesen sei. Die meinten das ernst, weil sie eine Aufmerksamkeit erfahren hatten, die sie so nicht kannten.

Und ihre Gäste haben ein bisschen Schmalspurrummel genossen.

Das auch. Es ist schon was anderes, ein Gratisticket für einen Inlandsflug zu bekommen, am Flughafen vom Chauffeur abgeholt zu werden, um ins Studio gefahren zu werden. Oder auch den Moderator kennenzulernen…

Bei aller Härte der Produktionen: War es eine gute Zeiten für Sie?

In gewisser Weise schon. Die Moderatoren wurden vom Publikum auch teilweise glorifiziert. Das war schon ungewöhnlich: Auch die fiesesten Typen, die in der Sendung ausgebuht wurden, bekundeten einem im Anschluss ihren Respekt.

Wann die letzte Talkshow dieser Art in voller Länge gesehen?

Noch nie eine einzige. Noch nie in voller Länge.

 

 

Peter Imhof - hier in den Redaktionsräumen im mdr-Hochhaus in Leipzig - ist sehr höflich. Und er gehört zu den wenigen Überlebenden der deutschen Billigtalkshow-Schwemme der 90er.
 
 

Sie waren eine Zeitlang bei MTV. Ihre Lieblingskollegin damals?

Auf jeden Fall Claudia Hiersche, aber sie wurde dann eher bekannt durch ihre Rolle bei „Verbotene Liebe“. Dann sicher Nandini Mitra. Und wenn ich die Antwort erweitern darf: Ich habe auch mit Christian Ulmen gearbeitet. Mit ihm und Claudia Hiersche haben wir „MTV – live aus Berlin“ moderiert.

Ist er ein angenehmer Kollege?

Ja.

Das müssen Sie jetzt sagen.

Muss ich nicht sagen, aber er ist sehr angenehm. Er ist schon ein bisschen verrückt, aber auf eine angenehme Weise. Ich kam mit ihm sehr gut klar und freue mich auch, wenn ich ihn sehe. Und er sorgte auch mal dafür, dass ich mit meiner damaligen Mitbewohnerin zusammengezogen bin. Er hatte damals die Angewohnheit, mit herumliegenden Handys komische SMS an einzelne Personen aus dem Adressbuch zu versenden.

Wie witzig war er denn, der berühmte Herr Ulmen?

„Hey, ich hab’ heut Nacht von Dir geträumt“, „Du fehlst mir so!“ oder „Ich würde Dich gern wiedersehen“, etwas in dieser Preislage. Ich war bereits bei SAT.1, und so eine SMS bekam ich einer ehemaligen Kollegin bei MTV, die schon Jahre nicht mehr gesehen hatte. Und so kamen wir wieder in Kontakt und gründeten eine WG.

Und dann brauchen wir jetzt auch die Lieblingskollegin beim mdr.

Das ist schwer.

Zum Beispiel eine Kollegin, bei der man sich freut, sie in der Kantine zu treffen…

Also das ist ganz klar Mareile Höppner. Wir sind als Pendler sehr oft mit dem Zug zwischen Leipzig und Berlin unterwegs.

Eine etwas kompliziertere Frage, für die Sie vielleicht der Fachmann sind. Wieso kann man eigentlich von einer MTV-Viva-Moderatorenstelle ohne Bruch „Schauspielerin“ werden? Wir hatten früher immer gedacht, dass man zuvor wenigstens ein Studium absolvieren müsste.

Diesen Weg haben schon einige geschafft. Aber die können was, sie müssen über ein Talent verfügen, was denen gegeben wurde. Und es gibt wohl auch ein paar Schauspielerinnen, die nach Typ gecastet wurden und nicht nach Können.

Also Sie kennen den Trick nicht genau. Könnte es also sein, dass es nur am Aussehen liegt?

Vielleicht. Vielleicht ist es auch so, dass die Berufung zur Schauspielerin bei einigen früher da war, nur der Weg zum Fernsehen war schneller.

 

Sie wirkten laut Internet auch als "Stand-up-Comedian".

Jein. Ich habe viele Jahre als Kleinkünstler gearbeitet, als Artist, Jongleur, Comedien – im Alter zwischen 12 und 20. Ich habe das vor zwei Jahren wieder aufleben lassen.

Haben die Leute wieder gelacht?

Die Leute haben zum Teil gelacht – aus Freude und Irritation. Die beste Show braucht einen langen Atem, das geht auch den Großen so. Die brauchen mit einem Programm oft eine lange Zeit, bis es wirklich witzig ist. Witzig sein ist unglaublich schwierig.

Wir bohren jetzt mal ein bisschen in den Wunden der Vergangenheit.

Ja gerne.

Schön. Bei Wikipedia wurde ein „Warm-up-Job“ bei „Schreinemakers“ vermerkt.

Ich kam vom Radio, und das war meine erste Berührung mit dem Thema Fernsehen. Aber das war eigentlich ein „Warm down“, weil „Schreinemakers“ in der Regel mit Themen wie Tod, Vergewaltigung und Sterben eröffnete, und da war es nicht gewünscht, dass das Publikum total ausrastete. Die Sendung ging mit sieben Werbeunterbrechungen bis 0 Uhr, und ich musste auch dafür sorgen, dass keiner das Studio verlässt. Das war wirklich ein komischer Job, er hatte den Namen „Warm up“ nicht verdient. Aber es war mein erster Job im Fernsehen, 500 Mark habe ich dafür pro Sendung bekommen.

In unserer Erinnerung hat sich „Schreinemakers“ als eine gruselige Sendung festgehakt…

Ja, das war hart. Es war damals mit drei Stunden die längste Talk-Show im deutschen Fernsehen, und das live.

 

Die Opulenz des mdr-Hochhauses und der umliegenden Gebäude in der Leipziger Kantstraße verrät einiges von Finanzausstattung der Öffentlich-rechtlichen Sender, Karl-Heinz Richters krude Plastik einer dicken Frau im Brunnen davor verrät dagegen etwas von Geschmack und Anspruch des alten mdr. Fotos (2): Kreißig
 
 

Schon mal eine richtige Homestory mit einer Illustrierten gemacht?

Ja, schon.

Auch zu Hause, mit Frau?

Ja. Für die SUPERillu.

Können Sie das weiterempfehlen?

Ja, in diesem Fall kann ich das schon empfehlen. Die von der SUPERillu schreiben ja immer sehr nett über mich. Ich weiß, dass das viele nicht so wollen, aber das sind meist Berühmtere als ich. Ich freue mich über Aufmerksamkeit, aber ich muss sie nicht um jeden Preis haben. Aber wenn jemand fragt, ob man das verliebte Pärchen in der Berliner Wohnung besuchen kann, sage ich nicht nein.

Wie weit würden Sie noch gehen?

Ich würde nicht ins „Dschungelcamp“ gehen. Gegen eine schöne Geschichte in einer Illustrierten habe ich nichts einzuwenden.

Aber „Promi-Dinner“ war ein Fehler?

Ganz im Gegenteil. Es hat bei der Produktion viel Spaß gemacht. Und das „Promi-Dinner“ war für viele auch schon eine Chance, sich einmal von einer persönlichen Seite zu zeigen. Das ist bei vielen Formaten im Fernsehen ja eher schwierig, das kann auch schief gehen. Und ich hatte unfassbar viele Reaktionen darauf und zu hundert Prozent positiv. Und das lag möglicherweise auch daran, dass mich vorher viele für blöd hielten und nachher für ganz nett. So was gibt’s. Ich kann es mir auch nicht erklären… (Imhof lacht.).

Die drei stilistisch stärksten Bücher, die Peter Imhof gelesen hat?

Neue Fahr Süd. Der kleine Bruder. Herr Lehmann.
Diese Trilogie.

Interview: Uwe Kreißig

 
 
 
 

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