Reconnaissance
Interview Mag

 
 

Michael Morgner
Maler, Graphiker, Plastiker

 
"Jetzt würde Baselitz sagen, dass Mattheuer und Heisig keine Arschlöcher mehr sind"
 
Über Georg Baselitz, Carl Vogel, Kunstprofessuren, Gerd Harry Lybke, Leichtigkeit und Liebe, Angela Merkel, Wikileaks und die Schrecken der Kunst im öffentlichen Raum

 

Mit den Dresdnern Max Uhlig und Eberhard Göschel gehört Michael Morgner zu den übrig gebliebenen Vertretern einer ständig schwindenden Künstlergeneration aus Ostdeutschland: akzeptierte nonkonformistische Größen vor und nach der Wende, aber nie jene Stars, die die Branche vor allem aus kommerziellen Absichten braucht und hofiert.

Sein Weg ist klar und verschwommen zugleich. Morgner studiert von 1961 bis 1965 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Nach dem Abschluss geht er zurück nach Chemnitz, das mit dem Nationalsozialismus seine moderne Affinität zu Kunst und Architektur verloren hatte und nun auch noch sozialistische Industrieparadestadt werden soll. Die Jahre vergehen schnell in Tristesse, bis eine überschaubare Gruppe beschließt, die Enge der Kunstszene der DDR etwas über normal zu dehnen: Und mit der Galerie Oben in Karl-Marx-Stadt etabliert sich ab 1973 die zeitweise wichtigste Galerie in der DDR. Es entwickelt sich ein von der offiziellen Kulturpolitik nahezu unabhängiger Ort, trotz beständigen Streites mit örtlichen Statthaltern und der Beobachtung durch eine Hundertschaft Stasi-IM im Umfeld.

Morgners Kunst, die einem internationalen Vergleich ohne Probleme standhält, hat dieser doch etwas abgelegene Lebensort nie geschadet. Präsent war er ohnehin, lokal und mehr noch überregional: Mit Ausstellungen in Athen, Berlin, Charkow, Jekaterinburg, Kaunas, Kiew, Köln, Leipzig, Lwow, Madrid, Meißen, Mexiko-Stadt, Minsk, Montevideo, Moskau, München, Nowosibirsk, Riga, Tartu, Thessaloniki, Tula, Washington oder Zagreb gehört Morgner mit Karl Schmidt-Rottluff und den Brüdern Carsten Nicolai / Olaf Nicolai zu den Künstlern mit Chemnitzer Provenienz mit der größten Präsenz weltweit. Auch zu Hause führt kein Weg an ihm vorbei: Ende Januar 2011 wurden die Türen zu seiner seit langem überfälligen Soloshow Bilder 1985 - 2008 in den Kunstsammlungen Chemnitz aufgesperrt.

Wir machen uns auf zum Besuch, weit hinaus in den Chemnitzer Südosten, wo Morgner (Jahrgang 1942) mit seiner zweiten Familie lebt und wo er sein Atelier hat. Im Interview ist er dann abgeklärt wie desillusioniert. Das erscheint wenig verwunderlich: Der Maler, Grafiker und Plastiker ist seit vierzig Jahren im Geschäft. Seine Frau bringt noch Kaffee und Obstsalat, der sei von gestern und müsse jetzt schnell auf den Tisch. Man fügt sich.

Sie hatten den Traum wie die meisten Künstler der Branche: Sie wollten Weltkünstler werden. Hat es geklappt?

Da könnte ich jetzt sagen: von der Arbeit her ja. Karrieremäßig nicht.

Noch Erinnerungen an die Art Basel im Jahre 1997, als Ihr mit der Galerie Oben auf der Kunstvertriebsshow der Superlative, die ja fast schon wieder auch eine Karikatur der Szene ist, einen Stand hattet? Das wäre doch heute undenkbar.

Tja, Erinnerungen ja. Ein wunderbarer Stand: Glöckner, Claus, Altenbourg, auch mit Morgners. - Was verkauft? Als Künstler waren wir einfach zu billig, viel zu billig. Das klingt verrückt, aber deshalb waren unsere Sachen auf der Art unverkäuflich. Die haben dort nur alle Glöckners weggekauft. Auch Hermann Glöckner war damals noch viel zu billig - aber mit diesen Verkäufen konnte man den Stand finanzieren. Ich hab' nichts verkauft.

Hätte man die Galerie Oben, die über 15 Jahre die Off-Szene der DDR-Kunst aus Chemnitz heraus dominierte, nicht am Abend des 2. Oktobers 1990 schließen müssen, um mit einer neuen Galerie ohne Altlasten und Nostalgia neu zu starten?

Ja. Unkommentiert ja.

Könnte es im Nachhinein ein Fehler gewesen zu sein, als Marketingstrategie zu nachdrücklich auf eine Stasi-Verfolgung zu setzen?

Das hat bei einigen wohl so ausgesehen, aber ich habe nie darauf gesetzt. Wir waren nie Opfer, und so habe ich das auch immer gesagt. Der große Fehler aber war, auf den Osten zu setzen - aus verschiedenen Gründen. Und der zweitgrößte Fehler war, dass ich gedacht habe, dass ich so gut bin, dass ich das alles - die zielstrebige Eingliederung in den Kunstmarkt - nicht brauche. Ich hatte nach der Wende alle Chancen und dachte, dass die im Westen hingucken. Ich hätte sofort zu einem Großgaleristen gehen müssen. Ich dachte, ich schaffe es mit einem Ossi und mit meiner Kunst. Da war ich natürlich auch bockig. Es musste doch einen geben, der es kann…

Es gab einen: Gerd Harry Lybke. Er war Ossi durch und durch, hat aber gezeigt, dass gerade dieser Status auch im undurchsichtigen Kunstmarkt dieses Planeten kein Nachteil sein muss.

Er war im Nachhinein der Beste. 1990 waren die Galerie Oben und seine Galerie EIGEN + ART mit meinen Arbeiten auf der ART Cologne, ich habe da noch Käufer an seinen Stand geschickt. Ich saß damals auf dem hohen Ross der Galerie Oben und habe überhaupt nicht verstanden, was da für eine Kapazität entsteht.

Gutes ohne Böses kann es geben, Böses ohne Gutes niemals, schrieb Thomas von Aquin. Wäre das auch ein möglicher Betrachtungsspiegel für die großen IMs im Umfeld der Galerie Oben wie Georg Brühl und Ralf-Rainer Wasse?

Die Zeit stimmt einen ja milde, besonders im Fall Wasse. Und nach 15 Jahren werden auch Lebenslängliche begnadigt, so sagt man doch. Bei Georg Brühl fällt es mir wirklich schwer. Er war zwar aufgrund seiner Homosexualität und seiner für DDR-Verhältnisse übermäßig großen Kunstsammlung immer erpressbar, aber dass er den Kronzeugen gemacht hat und seine engsten Freunde verriet, ist ja die blanke Infamie. Der Witz ging ja bis zu seinem Tod weiter. Brühl schenkte dem Schloss Lichtenwalde die Reste seiner Sammlung, und alle dachten, jetzt macht er es wieder gut. In Wirklichkeit wohnte er dort kostenfrei, bekam 1000 € Rente pro Monat obendrauf und sagte dann am Ende, dass das alles nur Spaß war.

Heute zeigt sich aber auch, dass nicht alle Enttäuschungen mit der Stasi zu tun hatten.

Und solche Enttäuschungen sind letztlich viel größer. Das gilt auch zur Beziehung zu unserem früheren Galeristen. Solche Brüche gibt es dann vermutlich nur in der Kunst. Aber das ist eine andere Geschichte. - Es entsteht immer ein Problem, wenn Galeristen auf die Idee kommen, dass 100 % besser sind als 50 %. Aber so sehen die dann auch irgendwann in der Realität aus: wie das Bildnis des Dorian Gray.

Der große Hype kam letztlich bei Ihnen nie. Etwas traurig?

An meinem Leben hätte sich auch mit einem größeren Erfolg nichts geändert, und meiner Kunst hat das Ausbleiben eines Hypes letztlich auch nicht geschadet. Und manchmal denke ich, dass eine gewisse innere Wut - dass es so nicht ganz geklappt hat - einen munterer hält. Mein spätes Zeug ist vielleicht munterer als das späte Zeug von Baselitz. Aber das gehört nicht hierher.

Gehört es schon.

Aber nein. Wie könnte ich mich an solchen Zeitgrößen vergreifen…

Warum nicht?

Wozu, was würde das ändern. Ich gehofft, dass Westmuseen an unserer Arbeit genauso interessiert sind wie wir an der Arbeit unserer Westkolllegen.

Ob Baselitz seine Worte heute noch mal so wiederholen würde, käme auf einen Test an…

Jetzt würde Baselitz sagen, dass Mattheuer und Heisig keine Arschlöcher mehr sind, weil er inzwischen mit denen gemeinsam im Bundestag hängt.

Sie kaufen, was du ihnen vorsetzt, urteilte Damien Hirst mal in einem hellen Augenblick über sein unkünstlerisches Verhältnis zu Händlern und Käufern. Und Kritik muss doch noch ungestraft möglich sein. Die Granden geben doch auch keinen Rabatt.

Nein, das geht nicht. Das sei Neid, so hat man uns das inzwischen erklärt. Da sind wir sozialisiert worden. Aber das Wort von den Arschlöchern, selbst wenn er damals meinetwegen nur Sitte und Heisig gemeint haben sollte, hat Baselitz ja nie zurückgenommen oder relativiert. Alle Ostkünstler sind eben Arschlöcher, also auch ich.

 
 
Politik und Kunst? Barbara Ludwig, Oberbürgermeisterin von Chemnitz, mit Michael Morgner, Vernissage seiner retrospektiven Ausstellung, Kunstsammlungen Chemnitz, 29. Januar 2011.
 
 

Ein Abend in der Schmiede, unweit vom Alten Chemnitzer Rathaus unterirdisch gelegen, war in den Jahren 1989 und 1990 noch ein Erlebnis, das mit vermutlich jedem coolen Klub zu jener Zeit in Berlin messen lassen konnte. Etwas Wehmut danach?

Große Wehmut. Sehr große. Das waren goldene Zeiten, vor allem die allererste Phase der Schmiede als umgewidmeter "Frauenruheraum".

Eine Standardfrage von uns: Es gibt verschiedene Theorien, warum die einst real existierende Kunstszene allmählich und plötzlich aus Chemnitz verschwand. Wie lautet Ihre Version?

Es gibt die Tatsache, dass nach und nach wichtige, jüngere Künstler verschwanden. Carsten Nicolai und Olaf Nicolai folgten später Judy Lybke nach Leipzig und Berlin. Dann ging noch Olaf Rauh, der die Überväter satt hatte - in einer übersichtlichen Szene wie Chemnitz ist das ja wirklich ein Problem. Ein anderer Grund ist das Verschwinden des Voxxx', das ja auch Carsten Nicolai lange Zeit mit seiner Präsenz unterstützt hat. - Ich kenne nichts schöneres als das Voxxx der 90er, das habe ich nirgends auf der Welt gesehen. Wenn man dort in den Hof kam, passierte etwas. Das Personal, das dort war, die schönen Ausstellungen, die Künstler, die dort auftraten, es war wunderbar. Egal wie das Weltecho als Nachfolger jetzt aussieht, das Ende des Voxxx' ist der größte Kunstverlust für Chemnitz nach der Wende gewesen. Das Voxxx hätte sich noch weiter entwickeln können, aber man hat sich so blöd angestellt, dass man den Ruf von Chemnitz als Provinz mit der Schließung nachwies.
Jahrelang wurde das Voxxx auf dem Chemnitzer Kaßberg als abrissreife, nicht sanierungsfähige Ruine runtergekocht. Heute finden sich im gleichen Gebäude komischerweise nicht unschicke Eigentumswohnungen. Im
Übrigen war das Voxxx auch ein Club, in dem reihenweise spätere Größen auftraten.*

Worin gründet das etwas alberne DDR-Klischee, dass ein, meist unansehnlich gewachsener, Vollbart angeblich ein Zeichen des Protests gewesen sei?

Ich hatte eine Schnurrbartzeit, ich hatte eine Vollbartzeit, aber bei mir war das immer Faulheit.

Kein Protest?

Kein Protest. Also ich nicht.

Früher oder später wird der Tod ein evidenter Wegbegleiter für jeden Künstler von Welt. Welche Imaginationen, wenn Sie an Begegnungen mit Klaus Werner, Carl Vogel oder Werner Schmidt zurückdenken?

Das ist eigentlich das Schlimmste im Moment an meinem Leben: Mit Klaus Werner, Carl Vogel und Werner Schmidt hat es ja die getroffen, die in ihrer Argumentation immer zu mir standen. Mit Klaus Werner starb vergangenes Jahr mein einziger Seelenvertrauter, den ich noch hatte. Auch Werner Schmidt hat uns bis zu seinem Tod verteidigt. Jetzt gibt es für meine Generation niemanden mehr von Rang unter Kunstwissenschaftlern. Uns hätte man jetzt gerne weg, das merkt man richtig, also Leute wie Max Uhlig, Eberhard Göschel, Morgner. Man stört.

Und Künstlerfreunde ersten Ranges wie Carlfriedrich Claus oder Klaus Hähner-Springmühl?

Hähner-Springmühl sehe ich immer noch vor mir, ständig. Ich sehe ihn, wie er in der MARTA in Chemnitz sitzt und Kognak trinkt... Er war auf seine Weise als Künstler unheimlich stark präsent. Und Carlfriedrich? Er bedeutet mir über die Jahre immer mehr. Ich habe mir jetzt einen ganzen Raum mit seinen Arbeiten eingerichtet. Später bereut man dann manches: Ich habe meine gute Bekanntschaft zu Carlfriedrich zu wenig genutzt und ihn nur zweimal in Annaberg besucht. Das kann man nicht mehr gutmachen, aber er ist ein Maßstab im Leben gewesen. Er hat eine Kunst geschaffen, die mich zutiefst beeindruckt, ohne dass ich weiß warum. Das ist für mich immer der eigentliche Sinn von Kunst.

Carlfriedrich Claus lässt sich nicht in seiner Gänze erfassen.

Völlig unmöglich. Aber ich sehe bei ihm inzwischen auch Details - was im Übrigen noch nie jemand geschrieben hat - die man so zunächst nicht verstehen will: Man sieht in seinen Blättern überall Erzgebirgslandschaften. Das sind alles die Bäume da draußen, in ihren doch feinen Strukturen. Ich finde diese Erzgebirgslandschaften inzwischen auch in meinen Arbeiten.
Man merkt das bloß nicht beim arbeiten.

In Rente zu gehen, ist der sichere Tod, meint Lemmy Kilmister, der Kopf von Motörhead. Sie sind ungefähr gleich alt.

Sind das die Langhaarigen? Nun ja: Aufhören zu arbeiten, ist für einen Künstler immer tödlich. Aber tödlich für einen Künstler ist natürlich auch eine Professur. Das ist dasselbe wie in Rente gehen. Ich hab' die in Filzschuhen die Gänge langschleichen sehen, unglaublich.

Das wäre ein guter Einstieg für unsere Entscheidungsfragen. Nie eine Professur angestrebt?

Nie.

Ed Ruscha oder Anselm Kiefer?

Kiefer.

A. R. Penck oder Joseph Beuys?

Beuys.

Klaus Hähner-Springmühl oder Wolfram Adalbert Scheffler?

Beide.

Sie haben mit Klaus Werner eine der ersten Videoinstallationen in der DDR realisiert. Solche Projekte waren eher eine Idee ihrer selbst, an Verkauf hat damals keiner gedacht, oder?

Überhaupt nicht, um Verkauf ging es da nicht. Das war für mich die reinste Kunst, die möglich ist. Du hast nur aus Freude an der Situation und an der Umgebung etwas gemacht. Du konntest es niemals verkaufen, du hast dafür höchstens Dresche bekommen.

Ist heute nicht der mögliche Verkauf eines Kunstwerks die erste Überlegung für jeden Profi?

Ich werde in der Woche ungefähr vier Mal gefragt, ob ich noch eine "blaue Arbeit" habe. Und wenn es danach ginge: Blumen und schöne nackte Frauen gehen immer. Das ist überall so, ob in Moskau, London oder New York. Möglichst schöne Nackte, auf Rosen gebettet, große Formate. Aber das geht mit mir nicht.

Eine gute Morgner-Arbeit entspricht nicht unbedingt dem, was sich Leute in ihre Villa hängen. Hat das in der laufenden Ära der Hedgefond-Kunst beim Abverkauf geschadet?

Geschadet? Ich bin nie in die Lage gekommen, in diese Kategorie zu rutschen. Ich habe aber ein paar Sammler, die gescheiter sind als ich; das lässt mich hoffen. Ein anderes Beispiel: Von Georges Rouault - mein Lieblingskünstler seit Studentenzeiten - habe ich unlängst vier Radierungen zum Ausrufpreis von 500 € erworben. Allerhöchste Qualität zu einem seltsam kleinen Preis. Ich wunderte mich und machte mich sachkundig. Ein Galerist antwortete mir lapidar: Dunkel und christlich ist das Allerschlimmste im Handel.

 
 
Viel schöner kann man nicht arbeiten: Der Ausblick aus Morgners Atelier in Chemnitz-Einsiedel hinaus in den Erzgebirgswald. Und da sind die Bäume, die sich in Carlfriedrich Claus' Arbeiten finden - und auch in Morgners Werken.
 
 

Sie sprachen von sich gelegentlich als Picasso-Fan. Aber der Großmeister ist vielleicht doch etwas überbewertet…

Nein.

10.000 Meisterwerke, die ihm Handel und Kuratoren gleichermaßen zuschreiben, kann doch niemand im Leben erschaffen…

Das sehe ich anders. Von einem Jahrhundertgenie gibt es grundsätzlich nichts schlechtes. Das sind andere Maßstäbe. Carl Vogel brachte das mal auf ein Gleichnis. Es sei wie im Sport: Es gibt Kreisklassenkünstler und Kreisklassensammler. Wenn die sich gegenseitig schätzen, ist alles bestens. Wenn aber der Kreisklassensammler in die Oberliga aufsteigen will, fühlt er sich mit seinen alten Sachen total unwohl. Gute Künstler unserer Zeit können zehn, zwölf Arbeiten in der Qualität Picassos schaffen, das ist möglich. Aber sie sind niemals in der Lage, Picassos Gesamtwerk aufzustellen. Und deshalb ist eine schwache Arbeit von einem Genie immer besser als eine gute Arbeit von einem mittelmäßigen Künstler.

Carl Vogel hat viel gesagt, gern auch zu Vernissagen, wo er die alternative Eröffnung zu zelebrieren versuchte...

Wenn im Westen drei Mann von Kunst Ahnung haben, seien es viele. Auch das hat Vogel gesagt.

Wobei er sich für einen dieser drei gehalten hat.

Auf jeden Fall.

Ernstzunehmende Kritiker bemängelten im Grunde nie Ihre Kunst, sondern eher Dinge wie das unglückliche Vorangehen wie im Jahr 1990 das Angebot an das Neue Forum, Ihren "Schreitenden" als Parteilogo zu übernehmen.

Also gut: Das war so eine Wahnidee aus der Freude heraus über die Veränderungen damals. Ich habe den Vorschlag Andreas Bochmann gemacht, der damals meine Siebdrucke herstellte und führend im Neuen Forum war. Vielleicht wäre der "Schreitende" ein Symbol für die Wende gewesen. Aber das war kein offizielles Angebot, das war so dahingesagt, einfach so. Vergessen.

Das richtige Geld wird von den Ahnungslosen in der Branche erster Linie mit Auftragsarbeiten im öffentlichen Raum und mit Massenmultiples gemacht. Da gibt es komische Pinguine und billigste Spiralkalender. Ist das auch der Grund, warum in beiden Geschäftsgenres in der Regel eine haarsträubende Qualität vorherrscht?

Auch dazu gehören immer zwei. Nämlich auch der, der etwas will und dann bezahlt. Und bei der Kunst im öffentlichen Raum hat es sich so entwickelt, dass malende Hausfrauen und Hobbykünstler über große öffentliche Aufträge entscheiden. Ich habe mich immer gewundert, warum im Westen auf öffentlichen Plätzen so eine Scheißkunst steht, wobei es in Amerika noch schlimmer ist - das ist unbeschreiblich. Aber bei uns braucht der Staat einen Ansprechpartner, und da hat man sich für bestimmte Verbände entschieden, deren Expertise für Juryentscheidungen begrenzt ist. In diesen Gremien haben echte Profis lebenslanges "Abstimmungsverbot", und die Mitglieder der Verbände versorgen sich und ihre Kumpels, so scheint es mir, selber.

Künstler sind unfähig, sich in andere hineinzuversetzen, und jeder meint, er sei der Größte - eine Aussage in Abwandlung des Zitats von Thomas Bernhard. Könnte stimmen?

Überhaupt nicht, das Gegenteil ist richtig. Wenn ein Künstler sich nicht in andere Menschen hineinversetzen kann, dann kann er keine gute Kunst machen.

Bis vor zwanzig Jahren waren viele Künstler in irgendeiner Form politisch: Sie wollten einem System schaden oder helfen, auch wenn die Folgen letztlich überschaubar blieben. Heute spielt das keine Rolle mehr, auch weil diese politische Idee der Aktion nicht mehr funktioniert. Freut man sich da über Wikileaks, wo drei Leute mit einem Knopfdruck hundert Mal mehr erreichen als manche Opponenten nicht in 50 Jahren?

Ist das für die Amerikaner wirklich so schlimm? Ich glaube, das atmen die aus, und das war es dann. So wie früher die großen Funktionäre im Ostblock. Aber ich bin dieser Computerszene so fern wie man sich nur vorstellen kann. Dass es in diesem vollkommen undurchschaubaren System mal eine kleine Korrektur gibt, ist aber schon ganz gut.

Wer hat Ihren recht umfänglichen Eintrag bei Wikipedia geschrieben?

Keine Ahnung. Aber ich kann es mir selbst gar nicht ansehen, weil ich das Ding nicht anschalten kann.

 
 
Michael Morgner (Mitte) mit seinen Künstlerfreunden Thomas Ranft (l.) und Olaf Rauh, aufgenommen zur Vernissage der Ausstellung von Sean Scully in den Kunstsammlungen Chemnitz, August 2010. Fotos (4): Kreißig
 
 

Die Rituale der Politik erscheinen vielen als Leerformeln ohne Informationswert. Soll der Künstler überhaupt noch politisch arbeiten oder gibt es wichtigere Dinge?

Da erinnere mich an früher: Für uns, damit meine ich die Weggefährten, war damals politische Kunst die schlimmste Kunst, die es auf der Welt gibt. Deren Vertreter waren für mich Sitte, Heisig, Tübke, Mattheuer bis runter zu Bergander. Und auf der nach unten offenen Richterskala gäbe es da noch viele zu nennen. Auf der anderen Seite hat Kunst vermutlich immer einen politischen Ansatz, nur man sollte sich bei seinen Intentionen von der Politik fernhalten. Aber es gibt eben auch nicht die typische DDR-Kunst oder die typische Nazi-Kunst. Es gibt nur Kunst oder keine Kunst.

Mal darüber nachgedacht, dass eine Pfarrerstochter, einstige FDJ-Sekretärin und promovierte Physikerin den Laden Bundesrepublik ziemlich souverän übernommen hat?

Erst heute früh. Frau Merkel ist nicht hysterisch und logischerweise kein Macho, der permanent das Lasso schwingen muss. Das Ergebnis zählt ja, und da steht Deutschland mit Merkel im internationalen Vergleich glänzend da. Und in Deutschland geht es auch den Ärmeren gegenüber dem Arbeiter in China glänzend. Das muss man sich auch mal klarmachen. Über diesem Land schwebt im Augenblick noch ein Riesenglück, das ist eine Tatsache bei all dem Krisengerede.

Leiden Sie wenigstens ein bisschen unter der Welt mit ihren einspurigen Ideen, weil man nur mit dieser Variante einen größeren Publikumskreis erreicht?

Im Grunde hat man aufgeben, was das Transportieren von Inhalten betrifft. Da habe ich völlig resigniert. Aber darunter leide ich nicht mehr.

 
 
Morgner im Atelier. Keine Kraftposen a la Georg Baselitz, keine Poserei a la Daniel Richter. Eher Zweifel. Und es ist alles echt.
 
 

Nicht ist erregender als die Wahrheit. Stimmt oder nicht?

Ja. Wenn man wüsste, was die Wahrheit ist. - Aber wer weiß denn, was Wahrheit ist? Was heute Wahrheit ist, muss morgen schon lange keine Wahrheit mehr sein.

Geld bringt's nicht, Erfolg auch nicht. Nur Liebe, meint Robbie Williams nach 1000 Groupies im Rückblick.

Grauenvoller Sänger, auch weil ich noch das Original kenne, nämlich Frank Sinatra. Aber was seine Aussage betrifft, hat Williams vollkommen recht. Und sonst ist der schönste Satz in dieser Hinsicht von Osmar Osten: Kunst kommt von Küssen. Das ist mit das Beste, was ich je gehört habe. Wenn du nicht geküsst wirst, machst du Kunst aus Verzweiflung. Und wenn du geküsst wirst, machst du gute Kunst.

Leichtigkeit ist keine deutsche Spezialität. Hätte sie Ihrer Werkidee gut getan?

Ich denke, das hätte mir gerade nicht gut getan.

Die Oberfläche ist mein Beruf, meint Lagerfeld lapidar. Was genau eigentlich ist Ihrer?

Das, was unter der Oberfläche ist.

Interview: Uwe Kreißig

MICHAEL MORGNER
Bilder 1985 - 2008
30. Januar bis 20. März 2011

Parallel mit:
JAN DIBBETS
Horizons
30. Januar bis 13. März 2011

Kunstsammlungen Chemnitz
Theaterplatz 1
09111 Chemnitz
www.kunstsammlungen-chemnitz.de



* Um die Dimension nachvollziehen zu können, was das Voxxx für Chemnitz gewesen sein könnte, lässt eine Auswahl von Künstlern, die dort auftraten oder ausstellten - nicht selten, als sie noch etwas wie Geheimtips und bezahlbar waren - einen Rückblick zu:
Afrika Islam, Olaf Altmann, Louis Austen, Dorette Bárdos, Olaf Bender, Bohren & der Club of Gore, Frank Bretschneider, Chicks on Speed, Cobra Killer, Walter Dahn, Funny van Dannen, Martin Eder, Hartwig Ebersbach, Nina Fischer & Maroan el Sani, Carsten Gebhardt, Klaus Hähner-Springmühl, Maximilian Hecker, Herr Blum & Combo, High Kites, Jazzanova, Uwe Kowski, Jan Kummer, Peter Kurth, Frank Maibier, Florian Merkel, Miss Kittin, Neulander, Carsten Nicolai, Olaf Nicolai, Hans Nieswandt, Robin Minard, Andrea Parker, Pfelder, Pitchtuner, Neo Rauch, Maren Roloff, Isabelle Schad, Wolfram Adalbert Scheffler, Otto von Schirach, Tino Sehgal, Senking, solitaire FACTORY, Michael Sommer, Stereo Total, Michael Thalheimer, Stereo Total, Superpunk, Rainer Trüby, Uwe Walter, Hasko Weber und andere.

 

© 2011 Interview Mag Uwe Kreißig