Reconnaissance
Interview Mag

 
 

Jörg Stingl
Höhenbergsteiger, Seven-Summits-Bezwinger, Autor

 
„Auf dem Gipfel fällt man sich nicht um den Hals“
 

Über die Arbeit im VEB, die Olympischen Spiele in Moskau, das Glück auf dem Achttausender, Reinhold Messner und neue Projekte

 

Jörg Stingl (Jahrgang 1961, *Karl-Marx-Stadt) gehört zu den vielseitigsten Extrembergsteigern der Welt und er ist trotzdem ein normaler Typ geblieben. Unter den bekanntesten Chemnitzern ist er vielleicht der unbekannteste geblieben: Nicht wegen seiner herausragenden Leistungen als Extrembergsteiger, sondern weil er seine Projekte abliefert und trotzdem nicht ständig mit dem Lasso schwingt.

Der Olympiateilnehmer im Rückenschwimmen in Moskau 1980 blieb nach seiner Leistungssportzeit beim SC Karl-Marx-Stadt in der Heimat und studierte Maschinenbau an der TU Karl-Marx-Stadt. Stingl, ein völlig normaler Typ wie man es eben als Chemnitzer, der etwas erreicht hat, immer bleibt, war der erste Deutsche, der die Seven Summits - die höchsten Berge aller Kontinente - ohne zusätzlichen Sauerstoff bestieg. Dieses Ziel war im Jahr 2008 schließlich realisiert.

In ansehnlichen Buchwerken, die gemeinsam mit Thomas Treptow entstanden, erinnert sich der Ausnahmesportler an die Erfolge, aber auch an die Niederlagen in den höchsten Gebirgen der Erde. Und eines ist Fakt: Stingl hat noch ein gerüttelt Maß an Projekten im Kopf. Mit seiner Lebensgefährtin und ihren zwei Kindern lebt er im Chemnitzer Stadtteil Adelsberg, wo wir ihn auch zum Interview trafen. (Jahrgang 1965) gehört zum unverzichtbaren Personal, das eine lebendige Kunstszene benötigt: Er ist originär, cool und in verschiedenen Sparten bestens zu Hause. Er lebt in der Einsicht, dass die althergebrachten, eingefahrenen Lebensläufe, die sich aus Unbeweglichkeit doch viele Zeitgenossen wünschen, nicht mehr funktionieren.

Wir fangen etwas niedriger an, aus Sicht der Ostdeutschen. Erster bestiegener Berg in der Hohen Tatra?

Zunächst ging es los mit Wandern mit den Eltern. In die Hohe Tatra sind wir erst später gefahren. An die Aufstiege zum Kriván und zur Lomnitzer Spitze erinnere ich mich, aber das war noch nichts zum Klettern im eigentlichen Sinne. Was man eben so erreichen konnte.

Nach 1990 noch mal dort gewesen?

Ja, natürlich. Mittlerweile kann man dort sehr gut hinfahren. Wir waren in den 90er mal zum Eisklettern dort. Das war ganz unterhaltsam mit ein paar tschechischen Freunden.

Sie haben Maschinenbau an der TU Chemnitz studiert. Auch abgeschlossen?

Auch abgeschlossen. Das war damals noch so üblich.

Auch noch als Diplom-Ingenieur gearbeitet?

Im VEB Spinnereimaschinenbau Karl-Marx-Stadt. Das war natürlich superunterhaltsam die ganze Geschichte. Nach der Wende war ich dann noch einige Jahre im Vertrieb. 1997 habe ich mich dann als Bergsteiger selbstständig gemacht. Das war der Situation geschuldet, dass man sich nicht ständig von der Firma freistellen lassen wollte, als uns das Bergfieber angesteckt hatte. Da konnte man nicht ständig drei Monate eine Freistellung beantragen.

Als 19-jähriger Leistungssportler haben Sie an den Olympischen Sommerspielen in Moskau teilgenommen. Es lief nicht so wie erwartet?

Für mich schon. Klar, du fährst dort hin, um eine Medaille zu gewinnen. Aber mein Leistungsvermögen war damals nicht so, dass es realistisch gewesen wäre, dort Gold zu gewinnen. Es wurden dann ein 7. und ein 9. Platz im 100 Meter und 200 Meter Rücken. Das war schon in Ordnung.

Also in Chemnitz nach Stev Theloke der zweitbeste Rückenschwimmer in der Stadt?

Nur in der kürzeren Historie. Es gab noch Joachim Rother, der wohl 1966 eine Bronze-Medaille bei der Europameisterschaft holte und später ein bekannter Trainer beim SC Karl-Marx-Stadt war. Der wäre locker vor mir einzusortieren.

Welche Erinnerung an die Olympiastadt Moskau?

Da haben wir nicht so viel von der Stadt gesehen. Du bist drei Tage vorher hingeflogen und drei Tage nach dem Wettkampf zurück, da ist man nicht die ganze Zeit bei den Spielen geblieben. Aber wir waren auch schon vorher zu Länderkämpfen, wo etwas mehr Zeit war. Moskau war immer ein Erlebnis.

Wenn man sich in den gängigen Medien umsieht, herrscht in Moskau die totale Krise in einem Obrigkeitsstaat. Genau das stimmt aber nicht: Es herrscht Prosperität, die Sicherheit und Sauberkeit, auch im Nahverkehr, sind vorbildlich, zehnmal besser als in Berlin.

Moskau ist eine großartige Stadt. Ich hab da immer wieder mal Station gemacht, wenn es passte. Das könnte auch dieses Jahr zur Elbrus-Expedition wieder der Fall sein.

 
 
Jörg Stingl, Chemnitz-Adelsberg 2017. Fotos (2): Kreißig
 
 

Schon mal nachts geträumt, an der Steilwand abzustürzen?

Gott bewahre. Das wäre dann der richtige Zeitpunkt, mit dem Bergsteigen aufzuhören.

Wann den Pik Kommunismus und den Pik Lenin das erste Mal bestiegen?

Zu Ostzeiten. Das muss 1988 gewesen sein. Mein Spruch lautete damals so: Wenn du lange genug in den Osten fährst, kommst du auch irgendwann in den Westen. Das war für uns das höchste erreichbare Gebirge mit bis zu 7.500 Metern.

Wie kam man dahin? Lief das damals privat oder über staatliche Kanäle?

Man musste sich etwas einfallen lassen, so einfach war das leider nicht. Aber dort gab es die sowjetische Veranstaltung Alpinade, und dort sind wir dann mit einer Truppe halboffiziell vor Ort gewesen. Das war eine coole Zeit. Wir haben dort viel gelernt, zumal der Pamir sicher eine der großen Gebirgszüge der Erde ist.

In Chemnitz sind Sie nicht die Berühmtheit, die Sie - gemessen an Ihren alpinen Erfolgen - sein müssten. Empfinden Sie das anders?

Nun, das ist so ein bisschen wie mit dem Rufer in der Wüste. Ich bin hier aufgewachsen und einige kennen mich schon.

Zu bescheiden oder zählt die herausragende Leistung bei uns nicht so?

Das zählt nicht. Da ist Chemnitz nicht so, aber vielleicht ist das auch eine sächsische Sache. Da kriegt man nicht mal eine Einladung zur Sächsischen Sportlergala, da kommt eher noch eine Einladung aus Berlin. Aber solche Dinge sind am Ende auch nicht wichtig.

Aber für den Chemnitzer Sportpreis
Chemmy bekommen Sie eine Einladung?

Ja, aber das sind auch meine Freunde und Partner. Auch wenn er eine Berühmtheit ist und man sich damit nicht vergleichen kann: Der Reinhold (Reinhold Messner; kr) würde in seiner Heimat Südtirol auch gefeiert werden, wenn er nur die Hälfte seiner Berge bestiegen hätte.

Wir kommen zu den fünf Messner-Fragen. Der Altmeister sagte bei uns im Interview, dass man ganz oben auf einem Achttausender kein Glück empfinde. Dazu sei man viel zu fertig. Wie ging es Ihnen auf dem Mt. Everest?

Der Reinhold erzählt manchmal kluge Sachen. Wir schätzen uns auch, aber auch da hat er wieder mal Recht. Ich kann mich auch an hohe Siebentausendern erinnern, wo man sich auf dem Gipfel nicht um den Hals gefallen ist. Und es ist ja so: Wenn du oben stehst, hast du die Hälfte des Wegs geschafft. Beim Everest war ich auch alleine unterwegs, da bist du noch viel angespannter. Und ich weiß noch genau, dass ich mich damals extrem konzentriert habe. Eine große Pause gab es da nicht. Ein Foto von sich mit Selbstauslöser, ein paar Aufnahmen vom Berg und es ging zurück.

Seit Mitte der 80er ist Reinhold Messner der ewige Maßstab für das alpine Klettern in den höchsten Gebirgen der Erde. Sie kennen ihn persönlich: Was haben Sie vom Altmeister übernommen und was gerade nicht?

Der Reinhold ist sicher ein guter Freund als Bergsteiger, ohne dass man sich jedes dreimal sieht. Er ist für mich kein Vorbild in dem Sinne, dass ich ihm nacheifere. Was uns beide verbindet, ist das minimalistische Klettern ohne Sauerstoff und ohne Träger. Dann hast du als Stingl die Chance, den Berg alleine zu besteigen oder du musst auf der Hälfte umkehren, wenn du noch nicht so weit bist. Mit minimalistischer Ausstattung und guter körperlicher Verfassung, mit fairen Mitteln, diese Ansicht teilen wir. Alles selber zu organisieren und sich nicht für 100.000 Dollar einer kommerziellen Expedition anzuschließen, selbst zu entscheiden, wann breche ich ab, wie sind die Wetterbedingungen. Du kannst dich auf niemanden verlassen, nur auf dich selbst.

Messner kann begnadet vortragen und macht das seit Jahrzehnten erfolgreich. Wo sehen Sie Ihre Stärke im Vortrag?

Vorträge müssen unterhaltsam sein. Das hat nichts damit zu tun, dass man sich dann ständig als der Superbergsteiger darstellt, sondern man sollte natürlich bleiben. Da sollte man schon ein paar spannende Geschichten präsentieren. Die Leute wollen unterhalten werden, und man will sie nicht schweren Herzens entlassen.

Zu DDR-Zeiten war Messner für die Interessierten eine Ikone. Natürlich birgt so eine exponierte Situation auch viele Gefahren für einen Star, da sie ihn zur Zielscheibe vieler Attacken macht. Aber wo liegt das Problem seiner Feinde?

Er kann sich auch gegen etwas stellen, gegen den Mainstream. Wenn du Erfolg hast, kommt der Ruhm. Und mit dem Ruhm kommt der Neid. Dieser Kette bist du immer ausgesetzt, nicht nur im Sport, sondern auch in der Wissenschaft zum Beispiel.

Wann den besten Messner-Witz zum ersten Mal gehört?

1973 oder so. Der Yeti-Witz. Vielleicht war es auch 1978. Es gibt ja die Theorie, dass er in der DDR erfunden wurde.
Für alle, die den Witz noch nicht kennen sollten: Treffen sich zwei Yetis. "Du, ich hab' g'rade den Messner getroffen." - "Was? Den gibt's wirklich?"

Er selbst meinte, er hätte ihn vielleicht 1995 das erste Mal gehört - übrigens mit dem Anhang, dass er über diesen Witz sehr glücklich, weil er sehr gut sei.

Der Reinhold war da etwas spät dran. Der Witz kursierte definitiv schon zu Ostzeiten.

Die 80er haben Kultur, Kunst, Literatur und sicher auch die Popmusik haben die westliche Gesellschaft stark beeinflusst. Ihre persönlichen Erinnerungen an Ihre 80er?

Für mich waren die 80er Leistungssport im Schwimmen, Olympia, nach 1981 dann abtrainieren, Studium und ein neues Hobby suchen. Nach zehn Jahren Leistungssport und Fliesen zählen in der Halle bin ich dann aber auf eigenen Wunsch ausgeschieden. Bis zum Olympiasieg hätte es bei mir nicht gereicht, und deshalb bin ich über diese Zeit auch nicht traurig. Und als neues anspruchsvolles Hobby habe ich mir dann das Höhenbergsteigen gesucht, was dann nach einer Anlaufzeit für mich auch eine Art Leistungssport wurde.

Selbst in einer Seilschaft ist man wohl die meiste Zeit mit sich allein. Philosophiert man am Steilhang über das Leben?

Am Steilhang sicher nicht, da will man durchkommen und stimmt sich vielleicht ab, was der beste Weg ist. Aber im Basecamp verbringt man viele Stunden und denkt über das Leben nach. Da philosophiert man mit Freunden und erzählt sich Geschichten, teilweise auch beim Bier…

Großunternehmen der Industrie werden häufig durch Hierarchien und Eitelkeiten gelähmt: Von manch groß angekündigten Projekt hören die Beteiligten nie wieder. Ist das ein Grund, warum Sie in der Organisation oft nur auf sich selbst setzten?

Es war schon eher so, dass ich die Herausforderung immer mehr genossen habe, ein großes Projekt allein oder zu zweit umzusetzen als vielleicht mit 10 oder 14 Leuten. Du bist enger miteinander, du kannst schneller reagieren und du bist schneller unterwegs. Du brauchst nicht so eine Riesenlogistik für das Gepäck und letztlich gibt es auch nicht die enormen Leistungsunterschiede, die man oft in einer großen Gruppe hat. Dabei will ich nicht den Eindruck erwecken, dass ich immer der Stärkste war.

Der Schwache zweifelt vor der Entscheidung; der Starke hernach, stellte Karl Kraus richtig fest. Herausragende Projekte sind nicht nur riskant, sondern neigen zum Scheitern. Waren Ihre Zweifel bei der Vorbereitung in Deutschland größer oder wenn Sie vor Ort vor dem Bergmassiv standen?

Als wir 1996 das erste Mal vor dem Everest an der Nordseite standen, war man schon tief beeindruckt. Aber ich habe eigentlich nie gezweifelt - wenn ich mir nach reiflicher Überlegung sicher war, dass es machbar ist. Dann ist man mental in der Lage, das Ding durchzuziehen. Du kannst alles erreichen, was in deinem Kopf ist, aber du musst es drin lassen, nicht rein und raus und wieder rein. Und dann darfst du dich bei deinem Plan nicht zurückfallen lassen. Man muss vorher abwägen, ob man sich die Sache zutraut. Wenn ja, stecke ich die ganze Energie, Zeit und Geld, die ich zur Verfügung habe, in das Projekt hinein.

Um Dinge wirklich zu spüren, braucht man Distanz. Wann war der Punkt bei Ihnen erreicht, wenn Sie nach der Expedition wieder in Chemnitz waren?

Manchmal hat es nach der Rückkehr Monate gedauert, bis du überhaupt wieder hier angekommen bist. Als meine Eltern noch lebten, haben sie gesagt: "Junge, du bist doch immer noch auf Expedition."

 
 
In eisigen Höhen: Jörg Stingl auf dem Mount McKinley in Alaska, dem höchsten Berg Nordamerikas, der seit 2015 wieder Denali heißt, so wie ihn einst die ortsansässigen Indianer genannt hatten. Foto: PR
 
 

Sie haben die höchsten Gipfel der Erde bezwungen. Wir bleiben in der Nähe: Ihr Lieblingsberg im Erzgebirge?

Ganz klar immer noch der Fichtelberg, da kenne ich so viele Leute. Dort sind wir nicht als Bergsteiger unterwegs. Da gehen wir mal Skifahren, machen uns nicht tot und trinken auch mal einen, glaube ich…

Wenn man 18 ist, glaubt man, fast alles zu wissen. Jetzt bin ich fast 60 und weiß fast gar nichts
, schreibt der portugiesische Großautor António Lobo Antunes. Sie gehen auch langsam auf die 60 zu. Stimmen Sie dem Dichter und Psychiater zu?

Vielleicht, was die Welt anbelangt. Über mich weiß ich jetzt schon eine ganze Menge. Was eigene Ziele und den eigenen Weg betrifft, ist man darauf angewiesen, dass man sich selbst hinterfragt und sich auch seinen großen Ängsten stellt. Das hat dann auch den Vorteil, dass du nach großen Herausforderungen, die du bewältigt hast, dich auch den größten Freuden hingeben kannst. In diesem Spannungsfeld ist Extrembergsteigen besonders geeignet.

Welche Lehren für das Leben haben Ihnen die herausragenden Touren vermittelt?

Mit Lehren fürs Leben tue ich mich jetzt noch etwas schwer, weil wir noch viel vorhaben. Es ist also zu früh fürs Resümee. Von daher würde ich das noch einmal zurückstellen. Vielleicht für unser nächstes Interview in zehn Jahren?

Auch wenn man nicht übermäßig religiös ist, kann man in bestimmten Situationen oder Orten starke spirituelle Erfahrungen machen. Wo haben Sie diesen Effekt am Stärksten erfahren?

Also immer in abgelegenen Situationen, wo man nicht auf Hilfe hoffen konnte, auch in Situationen, wo man beste Freunde verloren hat.

Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, sagte Jesus Christus. Eitelkeit ist Ihnen definitiv fremd, aber in Ihrer Branche muss man mit dem Erfolg werben, um die nächsten Projekte anzubahnen. Wie geht das zusammen?

Wenn du erfolgreich Projekte realisiert hast und auf den Punkt lieferst, findest du auch das Vertrauen der Partner. Das geht vielleicht sogar so weit, dass welche fragen: Mensch Stingl, wie machst du denn das? Eitel muss man deswegen nicht sein, aber von seinem Tun sollte man schon überzeugt sein. Aber man kann sich nicht jeden Tag totlachen, gerade bei anstrengenden, komplexen Projekten. Aber ich muss bis zu einem gewissen Punkt auch verkaufen und Unterstützer begeistern.

Auf einigen ihrer Touren sind Sie dem Tod begegnet. Fragt man sich dann noch dem Sinn solcher Extremtouren? Ich frage mich immer nach dem Sinn solcher Extremtouren.

Ich beantworte den Sinn, an die Grenzen zu gehen, vielleicht ein Stück darüber hinaus und den Weg wieder zurückzufinden. Extrembergsteigen bietet eine Nische, aus der Absicherung im Alltag herauszukommen, mit dir und dem Berg alleine zu sein, dich dort zu testen und vielleicht auch zu scheitern. Damit umzugehen, vielleicht auch noch einen zweiten Anlauf zu nehmen. Aber du musst eben den ersten Anlauf überleben.

Ihr Dasein ähnelt etwas dem des Künstlers. Ein Privileg oder letztlich doch eine Last, weil man nicht weiß, wie lange man das noch fortsetzen kann?

Wenn man seine Ideen verliert, ist es schwierig, bei uns kommt noch der körperliche Aspekt dazu, wie lange die Knochen halten werden.

Ideen können auch große Werke sein. Welche Idee steht hinter dem Höhenbergsteigen?

Weil es möglich ist, weil die Berge da sind. Lyonel Terray, ein französischer Bergsteiger, hat einmal gesagt:
"Bergsteigen ist die Eroberung des Nutzlosen." Also vielleicht ist die Idee für mich, etwas zu machen, was nur für dich selber wichtig ist.

Schreiben kann sehr harte Arbeit sein, wenn das Ergebnis Qualität sein soll. Sie haben sich bei Ihren gelungenen Büchern für einen Co-Autor entschieden.

Weil ich denke, dass es damit besser wird, noch besser. Aber es ist jetzt nicht so, dass Thomas Treptow alles allein geschrieben hat. Wir haben sehr viel zusammen gearbeitet. Ein guter Co-Autor zieht das Vorliegende noch einmal glatt, der Text wird dann aus einem Guss. Man hatte ja manchmal auch Pausen, da wurde nicht das Buch in einem Ritt geschrieben. Also brauchte ich jemanden, der das Buch in einem vertretbaren Zeitraum zu Ende bringen konnte.

Sind die Bücher durch den Co-Autor länger oder kürzer als in der Planung geworden?

Sie sind durch den Co-Autor möglich geworden.

Ihre Ideen haben Sie an Orte gebracht, die die meisten Menschen niemals aufsuchen werden. Schon mal darüber nachgedacht?


Darüber habe ich immer nachgedacht. Aber es ist natürlich auch für andere möglich, das zu machen, aber sie machen es eben nicht.

In der reichen westlichen Gesellschaft wird über "Projekte" gern geredet, aber meistens geschieht dann nicht viel.

Das ist es. Aber es ist eben auch ein großes Privileg. Das ist ja vielleicht auch der tiefere Sinn vom Extrembergsteigen: So zu leben, wie ich will.

 
 
Ein ganz normaler Typ: Jörg Stingl in der Pause während seines Vortrages über den Aufstieg zur Carstenz-Pyramide im Hotel Kleinolbersdorf.
 
 

Ab und an muss man vergessen, wofür man sich hält. Richtig oder falsch?

Man muss sich immer wieder mal ändern, muss sich abgleichen.

Letzten Endes imponiert doch den meisten Menschen die kapitalistische Welt, unabhängig der Religion: Das anschaulichste Beispiel dafür ist wohl Dubai. Das anschaulichste Beispiel für Nachahmung ist Dubai.

Mit diesem finanziellen Hintergrund hätte man dort die Möglichkeit gehabt, etwas Neues zu etablieren. Wir reden jetzt die ganze Zeit über Umweltschutz: In den Oasen und den Wüsten hätte man viele Möglichkeiten gehabt. Doch man hat einfach das nachgebaut, was es schon seit 100 Jahren in New York gibt.

Welche Welt imponiert Ihnen?

Die Möglichkeiten der westlichen Welt, die auch meine Expeditionen ermöglicht haben, darf man nicht bestreiten. Was die Ferne betrifft: Im gesamten Raum Asien fühle ich mich sehr wohl. Da finden sich noch viele Gegenden wie im Karakorum, wo von Industrie und Wirtschaft nicht viel zu sehen ist. Da gibt es auch großartige Lebensentwürfe, die für uns im Westen natürlich keine Gültigkeit haben. Wir vergleichen das mit Armut, was aber auch ein Missverständnis ist. Daraus resultieren auch die allergrößten Verspannungen in der Weltpolitik. Mich wundert, dass man in den zurückliegenden 50 Jahren vom Verständnis her nicht weitergekommen ist.

Politik beschäftigt die Deutschen gegenwärtig so stark wie seit 1989 nicht mehr. Aber das Lieblingsvergnügen der Politiker scheint zu sein, ihr Volk in Freund und Feind zu teilen, je nach Wahlsituation. Warum tun sich Berufspolitiker, die auch einmal ganz normale Bürger waren, oft so schwer, die wirklichen Probleme der Menschen zu akzeptieren und Lösungen anzubieten?

Es gibt eine schöne Theorie: Wenn ein Unternehmen über 600 Mitarbeiter, fängt es an, mit sich selbst zu beschäftigen. Um es anders zu sagen: Man muss sich schon um sein Zeug kümmern und vom reinen Selbstzweck wegkommen.

Früher mussten herausragende Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wissenschaft einem einflussreichen Politiker nur etwas ins Ohr flüstern, um politisch etwas in Bewegung zu setzen. Heute würden die meisten Spitzenpolitiker in der Welt darüber lachen, denn sie wissen alles besser.

Jetzt flüstert niemand mehr.

Was die Zukunft betrifft, sind viele Bürger trotz des noch bestehenden Wohlstandes hierzulande total desillusioniert. Der Durchschnittspolitik fehlt jede Art von ehrlicher Ausstrahlung. Wo sehen Sie die Ursache?

Die 600-Personen-Theorie ist die Ursache. Man redet nur noch um sich selbst. Viele haben die Ziele, für die sie mal gestartet sind, komplett aus dem Auge verloren. Ein Beispiel: Ein Spitzenpolitiker fährt ins Ausland, um ein Land kennenzulernen. Aber das geht nicht, weil man sie auf dem roten Teppich empfängt und völlig abgeschottet zu den schönsten Orten hofiert. Er kann sich dabei kein eigenes Bild zu machen; er bekommt eine Scheinwelt präsentiert. Das Ergebnis ist dann auch entsprechend.

Um kritisch zu sein, muss man nur denken. Aber warum haben heutzutage in der angeblich so freien Gesellschaft des Westens so viele Menschen Angst, ihre kritische Meinung offen zu äußern?

Du wirst extrem angefeindet, wenn du nicht im Mainstream redest. Und warum das so ist? Weil wir es zulassen. Aber warum lassen wir das zu? Wenn du offen redest, wirst du dir Feinde machen. Und du wirst Nachteile haben. Aber das betrifft nicht nur die aktuelle Politik, da kannst du auch 100 Jahre zurückgehen: Wenn du dich mit dem Establishment anlegst, wirst du immer Nachteile haben. Die Frage ist, ob du das in Kauf nimmst, weil dir das Projekt so wichtig ist, die Nachteile auszuhalten, um irgendwas zum Besseren zu bringen. Und da gibt es wirklich nur noch ganz wenige Leute, die diesen Weg gehen.

Mit steigendem Alter sollte man lernen, sich der gewöhnlichen Welt zu entziehen, das war die Meinung von Gelehrten wie Konfuzius. Machen Sie das?

Das beobachtet man bei vielen Leuten, das habe ich auch bei meinen Eltern erlebt. Wenn man im Hamsterrad läuft, wie es die meisten Leute beschreiben, kannst du nichts erreichen.

Und könnten Sie sich vorstellen, in 20 Jahren zurückgezogen zu leben?

Das könnte ich mir vorstellen. Was ich mir nicht vorstellen könnte, ist ein Zurückgezogensein ohne geistigen Austausch.

Sie haben als Bergsteiger die Dinge auf die Spitze getrieben. Welches wirkliche Ziel ist in der Hochgebirgswelt für Sie persönlich noch übrig geblieben?

Es müsste noch mal ein zurück zu den Wurzeln gehen. Es wird etwas mit meinen Schwimmerfreunden werden. Am Berg muss ich nichts mehr machen. Was mir gefallen könnte, mit meinen Kindern einen großen Berg zu besteigen, sicher keinen Achttausender, vielleicht einen Vulkan, wo du oben vorm Zelt sitzt und den Sonnenuntergang ansiehst. Und dann koche ich allen einen Tee.

Interview: Uwe Kreißig

 
 
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Interceptor - der Verschwörungsthriller von Jay Michel Ellis
 
Die deutsche Hauptstadt vibriert im Spätsommer 2015 als Weltmetropole von Politik und Kunst. Zur gleichen Zeit ziehen durch Osteuropa kolossale Menschenströme aus dem Nahen Osten, Mittelasien und Afrika, geleitet durch Schlepperbanden und bestärkt durch leichtsinnig agierende Regierungen, die Ausmaß und Motive der Wanderung auf eine ideologische Weise interpretieren. Das Ziel der Migranten sind die reichen Länder Westeuropas. Im Berliner Kanzleramt berauscht man sich an einem späten Augustabend im engsten Kreis um Kanzlerin Barbara Weller an einer riskanten Idee, über deren mögliche Folgen man sich zunächst keine Gedanken machen will. Mit der weltweiten Verkündung einer offenen deutschen Grenze und einer oberflächlichen Integration der Migranten will die Bundeskanzlerin die Kandidatur als neue UNO-Generalsekretärin anbahnen. Ein Triumvirat beschließt in einer informellen Beratung, die Realität zu kuratieren. Aber die Geheimoperation entwickelt bald ein ungeplantes Eigenleben. Ein Verschwörungsthriller als Referenz an "Ghostwriter" von Robert Harris.

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