Reconnaissance
Interview Mag

 
 

Ingrid Mössinger
Generaldirektorin Kunstsammlungen Chemnitz

 
„Ein Leben ohne Nachdenken macht schneller alt“
 
Über Chemnitz, das Ende der Art Frankfurt, Klaus Werner, ihren Golf II, Larry Gagosian und Jay Joplin und die schönsten Museumsbauten in Deutschland

 

Ingrid Mössinger kommt gerade aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, ein schneller Besuch der Kunstmesse Art Dubai – der billige, aber zeitraubende Via-Flug über Muscat habe doch ein paar Energien gekostet, entschuldigt sie sich. Im aufgefächerten Geschäft der Kunstmuseen ist sie längst eine bekannte Persönlichkeit: Ausstellungen wie Claus, Cranach, Dibbets, Dylan, LeWitt, Munch, Picasso, Rembrandt oder Rickey wurden unter ihrer Regie in Chemnitz präsentiert – nicht wenige davon waren Großprojekte mit langwieriger Vorbereitungszeit und europäischer oder gar globaler Ausstrahlung. Als unzweideutiger Beleg mag ein Beispiel aus einem Artikel von Andrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung vom 27.11.07 über den südafrikanischen Künstler Pieter Hugo dienen: „Seine Arbeiten wurden in Genf, Rom, New York und Chemnitz ausgestellt.“ Eine solche Reihung von Städten mit Chemnitz wäre noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen, Ingrid Mössinger hat diese Entwicklung durch ihre Arbeit und ihr Team in die Wege geleitet.

Ihr Büro im Haus hat sie inzwischen verlegt: nicht mehr wie einst unter dem Dach, wo wir uns im Oktober 1996 das erste Mal sprachen, damals zur Audienz über die Erwerbung des „Kopf eines Denkers“ von Wilhelm Lehmbruck. Heute empfängt sie im Erdgeschoss, dort sind hohe Decken und sehr originelle Türen, man ist eben „State of the Art“. Es kommen noch Kaffee und Plätzchen von Frau Mothes, wir können anfangen.

Denken Sie noch manchmal zurück, dass man Ihnen 1996 in Chemnitz einen leicht unterkühlten Empfang bereitet hat?

Ich habe das gar nicht als so kühl in Erinnerung…
Damals streuten einige Skepsis: Wer gut gekleidet ist und von der Welt etwas gesehen hat, passt nicht „zu uns“. Und eine satte Portion Verklärung ihrer Vorgängerin Dr. Susanne Anna, die Chemnitz wohl aus Karrieremotiven wie einige Wessis der ersten Stunde recht schnell wieder verlassen hatte, kam dazu. Frau Dr. Anna ist heute übrigens nahezu unbekannt…

Ihr Schreibtisch war noch nicht eingeräumt, als Sie schon den „Kopf eines Denkers“ von Lehmbruck für Chemnitz ersteigert hatten. Der ideale Einstieg?

Das war wohl schon ein guter Einstieg. Unser Haus hatte die Arbeit durch die Nationalsozialisten – wie viele expressionistische Kunstwerke von Weltrang – verloren. Und wir konnten nun ein weltbekanntes Schlüsselwerk wieder dahin zurückholen, wo es hingehört. Nach Chemnitz.

Aus heutiger Sicht war das vermutlich ein Sonderangebot?

Damals kostete die Plastik rund 300.000 DM, bereits ein paar Monate später war es das Doppelte. Heute wäre es noch wesentlich mehr.

Ich verstehe nicht, warum die Leute von Privatleben sprechen; man arbeitet doch immer, meinte Andy Warhol. Dieser Interview-Sentenz müssten Sie doch beipflichten?

In gewisser Weise könnte ich da zustimmen. Bei mir kommt allerdings auch dazu, dass meine berufliche Tätigkeit und mein privates Hobby zusammenfallen.

 
 
Ingrid Mössinger mit Sean Scully in seiner Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz, August 2010.
 
 

War Bob Dylan vielleicht doch heimlich in seiner ersten musealen Ausstellung 2007 in Chemnitz? Jetzt können Sie es ja sagen…

Er war nicht da. Nein.

Beschreiben Sie Dylan, als Sie ihm hinter der Leipziger Konzertbühne Arbeiten signieren ließen?

Nun, es war ein ungewöhnliches Ambiente für mich. Normalerweise hält man sich als Museumsleiter nicht „Backstage“ auf. Aber Mr. Dylan ist ein viel beschäftigter Künstler, und da war es einfach praktisch, einige seiner Arbeiten, die bereits im Chemnitz waren, in Leipzig signieren zu lassen.

Machte er seine Signatur wirklich mit einem tschechischen Bleistift von Koh-i-Noor?

Ja. Der hat ihm gefallen, und er durfte ihn behalten.

Einen solchen Bleistift hatte zu DDR-Zeiten vermutlich jedes Schulkind.

Dazu kann ich nichts sagen. Es ist auf jeden Fall ein wunderbar weich schreibender Stift.

Wieviel kostet ein Dylan-Aquarell?

Den Marktwert kenne ich nicht, und ich mache mir darüber auch keine Gedanken.

Die Chemnitzer Kunstszene konnte sich in den 80ern locker mit Dresden und Leipzig messen, die Kunstsammlungen spielten damals nicht diese Rolle. Heute ist das umgekehrt. Warum musste das so kommen?

Das Haus der Kunstsammlungen Chemnitz war sehr heruntergekommen, das Programm war aus verschiedenen Gründen begrenzt. Die hiesige Kunstszene verstand sich im Kontext der DDR – die eben auch Enge bedeutete -, war aber in manchen Dingen auch freier und souveräner als in Dresden und Leipzig. Heute muss sich jede lokale Szene deutschland- und europaweiten, ja weltweiten Vergleichen stellen, das ist sehr problematisch. Für die meisten Künstler ist es daher schwieriger geworden, für einige wenige leichter, weil sie sich auch weltweit bewegen können, woraus wieder neue Ideen erwachsen.

Heute sind die Kunstsammlungen Chemnitz im Grunde bekannter in der Welt als die Stadt Chemnitz. Stimmt oder stimmt nicht?

Man könnte sagen, dass die Kunstsammlungen Chemnitz die Stadt Chemnitz in der Welt bekannter gemacht haben.

Ihre Zeit als Chefin der Art Frankfurt war recht kurz. Warum?

Die Organisation einer Kunstmesse ist extrem anstrengend. Man ist dort ständigen Veränderungen unterworfen, die man nicht selbst beeinflussen kann, Kontinuität ist nahezu undurchführbar. Zwei Jahre waren daher für mich genug.

Welche Persönlichkeiten der Kunst konnten Sie damals nach Frankfurt holen?

Es kamen unter anderen Leo Castelli, der Galerist von Andy Warhol, Robert Rauschenberg, Ed Ruscha, Roy Lichtenstein, Julian Schnabel. Castellis Besuch und sein Stand waren eine große Ehre. Und zur Eröffnung sprach einmal Dennis Hopper, den die meisten nur als Schauspieler kennen und der auch seine Bilder bei Hans Mayer ausstellte.

Heute existiert die Art Frankfurt, die einst als cool galt, nicht mehr. Wie konnte es dazu kommen?

Am Ende hat die Art Frankfurt wohl als Markt nicht mehr funktioniert.

So einfach?

So einfach.

 
 
Ohne Zweifel einer der schönsten Ausstellungsräume in Deutschland: der große Oberlichtsaal im Museum am Theaterplatz in Chemnitz, ein Entwurf von Richard Möbius. Die Abbildung (2010) eröffnet einen Blick in die Ausstellung mit Arbeiten von Gerhard Hoehme. Fotos (3): Kreißig
 
 

Ein wenig Angst, dass eine Nachfolge in den Kunstsammlungen Chemnitz alles schnell wieder vergeigt?

Das hängt davon ab, ob man eine gute oder schlechte Wahl trifft. Niemand ist unersetzlich wie man weiß.

Fahren Sie noch Ihren Golf II?

Ja. Warum auch nicht?

Kilometerstand?

Das weiß ich nicht.

Baujahr?

1991, vielleicht 1992?

Kommt immer noch die alte Dame zu Ihnen und bringt handgemachte Konfitüre als Dank, dass Sie Chemnitz wieder zu einer Kunststadt gemacht haben?

Ja, die Dame kommt weiterhin, erst vor kurzem war sie da. Diese Geste erfreut mich sehr.

Welche Sorten hat die Dame im Angebot?

Quittenkonfitüre, Apfel – schmeckt alles sehr gut.

Ich gehe davon aus, dass Sie so manche Party in Manhattan und in den Hamptons besucht haben. Dort das Diktiergerät mitlaufen lassen wie Andy Warhol, um ein paar Sentenzen aufzufangen?

Das wäre mir zu indiskret.

Ein leere, geistig etwas begrenzte Welt – diese Parties?

Mitunter. Aber man kann auch interessante Menschen kennenlernen, Mitarbeiter vom Metropolitan Museum of Art oder vom Museum of Modern Art, und daraus ergeben sich dann neue Kooperationen – auch Leihgaben, die Chemnitz in der Welt bekannter machen. Bei einer solchen Gelegenheit traf ich auch Françoise Gilot, die dann 2003 bei uns im Hause ausstellte.

In der Kunst gibt es jede Menge Scharlatane und Ideenschmarotzer. Wie identifizieren Sie diese?

Das ist eine Frage, die sich nicht in Kürze beantworten lässt. Die Identifikation solcher Künstler ist möglich, wenn man jahrelange Erfahrungen in der Branche hat. Allerdings: Niemand schöpft ausschließlich aus sich selbst. Und nur im Abendland zählt die Kopie nicht.

Erkennt man im Alltag das Wirken von Gott?

Weiter.
Frau Mössinger hat länger überlegt, aber die Antwort ist in der heutigen Situation inzwischen etwas riskant…

Unsere beliebten Entscheidungsfragen lassen sich aber kurz beantworten. Damien Hirst oder Jeff Koons?

Weder noch.

Ed Ruscha oder David Hockney?

Beide.

Michael Morgner oder Carlfriedrich Claus?

Dann muss ich wohl Claus sagen.

Wer hat die Kunst der Gegenwart mehr verändert: Picasso oder Warhol?

Weder noch. Marcel Duchamp hat am meisten verändert. Er eröffnete der Kunst neue Räume.

Woran zuerst gedacht, als Sie vom Tode von Klaus Werner hörten?

An unsere erste Begegnung, das war wohl in Frankfurt. Bei ihm überlegte man nicht, ob er aus dem Westen oder aus dem Osten kommt. Er war souverän.

Worin könnte Klaus Werners Vermächtnis bestehen?

Das Vermächtnis könnte sein, sich für Kunst und Künstler kompromisslos einzusetzen – auch gegen entschiedene politische Widerstände. Dass man sich für Künstler engagiert, ohne dass sich sofort Erfolg einstellt. Dass man wesentliche Werke von älteren Künstlern nicht übersieht.

Unsere Gesellschaft lebt im Grunde auf Pump. Welche Funktion nimmt die Kunst in diesem System ein?

Die Kunst ist das Korrektiv des Systems. Die Kunst zeigt das, was nicht mehr fassbar ist, nicht aussprechbar ist. Kunst geht über die Gegenwart hinaus.

 
 
 
Ingrid Mössinger, 2009, in der Ausstellung Playgrounds von Olaf Rauh.
 
 

Warum sammelt man heutzutage Kunst? Aus Trost oder aus Show?

An sich aus Freude und Interesse. Und auch wenn Prestigegründe bei einer Sammlung oft eine Rolle spielen, dienen diese Kollektionen dennoch der Kommunikation.

Welchen Marktwert hat denn nun die Gunzenhauser-Sammlung, die Chemnitz in das gleichnamige Museum integriert hat. 500 Mio € oder doch nur 100 Mio €?

Das lässt sich nicht genau taxieren, zumal sich ein fiktiver Gesamtwert ohnehin ständig ändert. Aber sehen Sie: Vor nicht allzu langer Zeit wurde eine Zeichnung von Otto Dix für 1,5 Millionen Dollar versteigert – und wir haben allein rund 300 Arbeiten von Dix in der Sammlung Gunzenhauser.

Mal die Lust verspürt, selbst eine kommerzielle Galerie zu eröffnen?

Nein, hatte ich nie.

Warum nicht? Sie haben die Kontakte, kennen Käufer und Sammler…

Gute Kunst soll öffentlich zugänglich sein. Kunst allen zugänglich zu machen, fällt in einem Museum leichter.

Spricht Stargalerist und Superverkäufer Larry Gagosian eigentlich mit jemanden, der nichts kaufen will?

Er spricht schon mit den Leuten. Er kann ja nicht sicher sein, ob man nicht doch etwas kauft…

Ist Brit-Art-Mogul Jay Joplin wirklich so witzlos wie er aussieht?

Ich kenne ihn als sehr freundlichen Herren, der größer ist, als man von den Zeitschriftenfotos her vermutet.

Sie fliegen vermutlich viel. Ihre Lieblingsairline?

Kann man so nicht sagen. Der Preis spielt immer die erste Rolle.

Welchen Ort auf diesem Planeten können Sie für eine vollendete Entspannung befürworten?

Ich empfehle die afrikanische Steppe. Oder auch die Gegend um Alice Springs in Australien. In Frage kommt auch eine Südseeinsel.

Sie gelten als Fan von gehobener Mode. Also: Sie sind in Paris und haben zeitgleich eine Einladung zur Prêt-à-porter-Show von Chanel oder einer Vernissage im Louvre mit Kunst aus dem Alten Reich: Wohin gehen Sie?

Auf jeden Fall zur ägyptischen Kunst.

Das müssen Sie jetzt sagen – an sich würde doch jeder zu Karl gehen…

Nein. Eine solche Vernissage ist etwas geistig sehr Anregendes. Hingegen habe ich noch nie etwas von Chanel gesehen, was man sich wirklich leisten kann.

Wo kaufen Sie dann Ihre Couture?

Hier in Chemnitz und auch anderswo.

Tatsächlich auch in Chemnitz?

Ja, das geht. Auch das, was ich gerade trage, habe ich in Chemnitz gekauft.
Sie zeigt auf ihr Kostüm, das tadellos ist.

Jeder muss seinen Weg finden, das, was ihm entspricht. Und da ist es gleichgültig, was es ist. Schade finde ich nur, wenn jemand unter seinen Möglichkeiten bleibt. Wer hat das gesagt?

Ich.
Sie weiß es noch!

Lieblingskirche in Italien.

Der Sieneser Dom.

Die drei architektonisch wichtigsten Gebäude in Chemnitz – die Kunstsammlungen ausgenommen.

Die van-de-Velde-Villa, das Schocken-Kaufhaus von Mendelsohn, das Stadtbad.

Die drei schönsten Museumsbauten in Deutschland – Ihre Rangliste bitte.

Die Kunstsammlungen Chemnitz, das Museum für moderne Kunst in Frankfurt/M., das Bode-Museum.

Was empfindet man, wenn man nachts allein durch sein Museumshaus gehen und Kunst für sich betrachten kann?

Das ist ein Privileg, auch wenn man es letztlich nicht so oft nutzt. Unser Gebäude ist überschaubar, da kann man das auch machen, im Louvre wäre es vermutlich schwierig. Aber so ein Rundgang ist schön, ich habe die Nacht gern – wegen ihrer Stille.

Können Sie den Ankauf der opulenten Feininger-Sammlung für Chemnitz noch einmal übertreffen?

Das glaube ich nicht, allein aus finanziellen Gründen halte ich das für nahezu unmöglich.

Sie haben Ihre Träume wahr gemacht – mit unermüdlicher Arbeit. Wo genau liegt der Sinn – kurzfristig und langfristig?

Kurzfristig? Vielleicht darin, dass man Chemnitz das erste Mal in der Stadtgeschichte „unsere Kunstsammlungen, unser Kunstmuseum“ sagen kann. Und dieses Denken bleibt langfristig haften.

Ein Leben ohne Ziel macht schneller alt.

Klingt nach Sport… Ich persönlich würde sagen, dass ein Leben ohne Nachdenken schneller alt macht.
Unglaublich, dieses Zitat kommt tatsächlich aus dem Sport: Louis van Gaal, Trainer von Bayern München, hatte dies kundgetan.

Sie haben eine große, relativ späte Karriere realisiert. Welcher Job könnte Sie noch beeindrucken, vielleicht etwas in London oder Paris?

Das ist schwierig zu sagen, weil ich in Chemnitz noch etliche Aufgaben sehe. Es käme auf die Sammlung an, auf die Stadt. Ich weiß es noch nicht so genau.

Welche Aufgabe sehen Sie denn noch in Chemnitz?

Chemnitz müsste sich einen Museumsturm leisten, wir brauchen mehr Ausstellungsfläche für unsere hochkarätige Sammlung. Ich denke da an so etwas wie den Neubau für das New Museum in New York. Der Platz wäre gleich hier in der Nachbarschaft vorhanden, und man könnte damit parallel auch das unglücklich verbaute Areal hinter dem Museum aufwerten.

Mit 10 Millionen € müsste man da locker hinkommen, eher weniger.

Das denke ich auch.

Was dagegen, wenn Ihnen Chemnitz einst ein Denkmal aufrichten lässt?

Das würde ich für etwas unangemessen halten.


Interview: Uwe Kreißig

 

 

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