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Interview Mag

 
 

Hellmuth Karasek
Literaturkritiker, Journalist, Autor

 
Im Privatleben kommt man mit Lügen und Heucheln besser zurecht
 
Über das Kommunistische Manifest, Erinnerungen an die Napola, befreundete Schriftsteller, den letzten Kunstkauf, Telenovelas und warum er nie die Politik gegangen ist

 

Ohne Marcel Reich-Ranicki wäre das Literarische Quartett undenkbar gewesen, aber im Grunde gilt das genauso für Hellmuth Karasek, der nur scheinbar milder agierte. Von 1988 bis 2001 kultivierte man dort eine Form von unterhaltsamem Luxus-Fernsehen, wie es heute kaum mehr zu finden ist. „Er ist ein glänzender Mann… Von der Freundschaft mit Karasek habe ich etwas ganz wichtiges gelernt: Was nämlich Freundschaft sein kann“, meinte Reich-Ranicki unlängst in einem Interview über ihn.

Karasek, 1934 im Brünn geboren, war zu NS-Zeiten einige Monate Schüler einer Nationalpolitischen Erziehungsanstalt (Napola). Nach dem Krieg kam er mit Eltern und Geschwistern nach Stollberg bei Chemnitz. Später zogen sie nach Bernburg/Saale, wo er das Abitur ablegte. Der Ängste und neuerlicher Lügen überdrüssig ging er in den Westen und studierte in einem freien Land. Nach mehreren Zwischenstationen war Karasek von 1974 bis 1996 beim SPIEGEL, davon 17 Jahre als Kulturchef, eine lange Phase, in der er zum Starautor im Feuilleton avancierte. Nach Differenzen verließ er die Zeitschrift und wechselte als Herausgeber zum Tagesspiegel. Heute arbeitet er oft für die WELT oder die Berliner Morgenpost. Als Autor kultivierte Karasek glänzend Glosse, ironische Selbstbeobachtung und Schnurre in einer Qualität, wie es hierzulande vielleicht noch Gregor von Rezzori vermochte. Dem Film galt ebenso immer seine Begeisterung als Kritiker wie Konsument.

Im erzgebirgischen Aue las er zum Jahreswechsel im Kulturhaus vor einem begeisterten Publikum aus seiner neuen Anthologie „Vom Küssen der Kröten und andere Zwischenfälle“, die im Verlag Hoffmann und Campe erschien. Wir baten Hellmuth Karasek im Anschluss zum Interview, und er war sofort dabei.

Auf wie viele Lesungen blicken Sie zurück?

Vielleicht 350 bis 400…

Vielleicht doch 1.000?

Nein, niemals. Na vielleicht 500, gut.

Wie viele Bücher verkauft?

Ich schätze insgesamt 300.000-400.000.

Weniger als die "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche also…

Viel weniger…

Mehr als 20.000 Bücher zu Hause?

Nein. Ich nehme an, dass es zwischen 8.000-12.000 sind.

Das Kommunistische Manifest gelesen?

Natürlich. Ihr habt nichts zu verlieren als eure Ketten…
Unglaublich. Er kann es frei zitieren. Wer könnte das schon im Osten?

Und das Manifest auch noch im Bücherschrank?

Ja.

Noch Kindheitserinnerungen an Brünn?

Ganz wenige. Wie ich mit dem Großvater in die Berge zum Jägerhaus ging, das war ein Lokal.

Und an die Zeit in der Napola?

Da in Lublinitz war ich jetzt kürzlich und habe für einen Film diese Schule besucht. Das war wirklich ein so grauenhaftes Erinnerungserlebnis, vielleicht auch, weil die Gegend so trostlos war.

Welche Erinnerungen an Ihr DDR-Abitur?

Nur Gute. Ich erinnere mich an eine rothaarige, hübsche Russisch-Lehrerin. Sie hat mir versprochen, als ich zum Geräteturnen musste, dass sie die Augen zumacht.
Was meint er damit genau? Wir fragen nicht nach. Jetzt müssen wir mal zur Literatur kommen.

Die Abenteuer des Werner Holt gelesen?

Ja, natürlich.
Wir haben den ersten Teil geliebt. Holt galt als cool.

Welcher DDR-Schriftsteller hatte Niveau?

Sehr viele. Hans-Joachim Schädlich wäre dann mein Lieblingsautor in dieser Gruppe.

Zu den Amerikanern: Bret Easton Ellis oder Jay McInerney?

Beide.

Befreundete Schriftsteller: Gibt es das überhaupt für einen Berufskritiker?

Ja, ja doch. Ich mag Michael Kleeberg sehr. Und ich würde sagen, dass ich wirklich befreundet bin mit Stuckrad-Barre.

Wer war der beste Gast aller Zeiten im Literarischen Quartett?

Peter Wapnewski vielleicht.

Etwas wehmütig, wenn Sie sich an die Glanzzeiten des Quartetts erinnern?

Im Alter erinnert man sich an alles wehmütig.

 

 

Wer nicht völlig verbiestert ist, wird eine Lesung mit Hellmuth Karasek genießen. Nach seinem Auftritt in Aue zeigte er sich zufrieden. Foto: Kreißig
 
 

Welches Interview hätten Sie gern geführt, das aber nie geklappt hat?

Ich habe mit John Huston („Moby Dick“), dem Regisseur, ein Interview verabredet gehabt. Als ich schon auf dem Flugplatz war, kam die Nachricht, dass er gestorben ist.

Favorisierter bildender Künstler?

Ich würde schon sagen: Beuys.

Privat auch Kunstbesitzer – oder gar Sammler?

Ein bisschen.

Was zuletzt gekauft?

Einen Bisky.

Es wird behauptet, dass die meisten Bilder von Norbert Bisky angeblich Guido Westerwelle besitzt…

Ich glaube das.
Karasek lacht herzlich. Er ist übrigens ein außergewöhnlich sympathischer und offener Gesprächspartner, sehr angenehm.

Ihre Jahre als Herausgeber des Tagesspiegels in einem Satz.

Schöne Zeit, Berlin im Aufbruch.

Was ist Berlin für Sie heute?

Ein Versprechen und eine Erinnerung.
Karasek erwartet sicher ein paar Theaterfragen. Er soll sie bekommen.

Letzte Inszenierung, die Sie wirklich berührt hat?

Don Giovanni in Salzburg von Claus Guth.

Thalheimer oder Castorf?

Thalheimer.

Auch irgendwo auf der Bühne gespielt?

Ich war in Fernsehspielen dabei, einmal habe ich auch einen Literaturkritiker gespielt.

Auf der Theaterbühne?

Ganz kleine Auftritte. Als junger Mann habe ich in „Emil und die Detektive“ den Professor gegeben. Das war in Bernburg, ein schönes, anhaltinisches Landestheater.

Als Kritiker mal ernstlich von einem Künstler bedroht worden?

Nicht ernstlich. Aber vielen Kritiken folgten Vernichtungsversuche an mir.

Ist Schreiben eine Form von Sucht?

Eine Sucht und eine Strafe für die Sucht.
Jetzt testen wir mal noch die Trivialkultur an.

Sagt Ihnen Dieter Bohlen etwas?

Eigentlich ist er ein ganz schlagfertiges Kerlchen.

Und was noch?

Eigentlich ist er auch ein Kotzbrocken.
Jetzt machen wir es noch eine Stufe trivialer.

Wer ist Lisa Plenske?

Wer ist das? Kenn’ ich nicht.

Eine Figur aus der Telenovela "Verliebt in Berlin".

Ja, hab’ ich gehört davon. Aber so richtig kenne ich es nicht.
Natürlich kennt er Lisa Plenske nicht. Warum auch.

Ist die Telenovela vielleicht die Zukunft des deutschen Fernsehens – so wie in Südamerika?

Ich habe in Südamerika Telenovelas gesehen, zuletzt in Caracas, und die sind noch schrecklicher angelegt als die hiesigen und dadurch noch schöner.
Er sagt das mit dem doppelbödigen Lächeln des Kritikers.

Für welches Medium hätten Sie gern geschrieben?

Ich denke, am liebsten hätte ich noch mehr fürs Theater geschrieben. Es hätten mehr Stücke sein können…

In Hanif Kureihis Buch In fremder Haut kann ein erfolgreicher, älterer Schriftsteller durch eine Operation in einen jungen Körper wechseln, ein sagenhafter Jungbrunnen mit allen Konsequenzen. Schon mal über so eine Möglichkeit nachgedacht?

Ich denke nur darüber nach, was ich mir realistisch zumuten kann. Ich glaube, das wäre letztlich eine sehr tragikomische Nummer.

Warum nie in die Politik gegangen – die gilt doch auch als eine Form von Theater?

Der Zwang, heucheln und lügen zu müssen, war mir ziemlich unvorstellbar, unerträglich. Wenn es sich aufs Privatleben beschränkt – das Heucheln und das Lügen – kommt man besser zurecht.

Interview: Uwe Kreißig

 
 
 

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