Reconnaissance
Interview Mag

 
 

Hans Zippert
Satireautor und Ex-Chefredakteur der Titanic

 
Ich hab’ immer sehr gern den Namen Karl- Marx-Stadt benutzt…
 
Über seine Lieblingskrankheit, warum die Deutschen so gern zum Arzt gehen, was man bei der Titanic lernt und seine Lieblingszeitschrift

 

Hans Zippert war acht Jahre beim westdeutschen Satireschlachtschiff Titanic, von 1990 bis 1995 als Chefredakteur. In seine Amtszeit fiel das berühmte Titelbild mit dem grinsenden Björn Engholm in der Genfer Hotelbadewanne – ähnlich wie einst Uwe Barschel. „Sehr witzig, Herr Engholm“ lautete die Hauptzeile.

Seit einer Dekade ist Hans Zippert auf eigene Rechnung unterwegs. Von Montag bis Sonnabend veröffentlicht er seit 1999 in der Tageszeitung Die Welt seine nicht sehr unkomische Kolumne Zippert zappt. Regelmäßig arbeitet er auch für Cicero oder Geo-Saison. Unlängst erschien sein neuer Sammelband Die 55 beliebtesten Krankheiten der Deutschen: Im Selbstversuch getestet. „Ein unersetzliches Nachschlagewerk und Pflichtlektüre für alle Deutschen, die wissen wollen, welche Krankheit am besten zu ihnen passt“, so bewirbt der Verlag Klaus Bittermann sein Produkt. Als Hans Zippert im vergangenen Jahr im Flemming Stargast der Reihe Dialog und Dinner war, baten wir ihn zum Gespräch. Diese Offerte konnte er nicht ausschlagen.

Welche Chemnitz-Klischees haben Sie über die Jahre mal genutzt?

In den 90ern wurde die Stadt ja oft etwas lächerlich gemacht… Ich hab’ immer sehr gern den Namen Karl- Marx-Stadt benutzt… Das ist einfach ein schöner Name, grundsätzlich gesehen.

Das hätten Sie sicher nicht gedacht, dass Chemnitz so ein Krankenhaus hat?

Nun, ich hatte zunächst nicht damit gerechnet, dass Chemnitz überhaupt ein Krankenhaus besitzt…

Aber die Aussicht aufs Erzgebirge…

Ja, das ist großartig. Hier lohnt sich Kranksein tatsächlich.

Klappern Sie jetzt eigentlich alle deutschen Krankenhäuser mit Ihrem neuen Buch ab?

Ich hoffe, dass sich das irgendwie ermöglichen lässt. Ich hab’ auch so einige Sachen, die gerichtet werden müssen, von daher würde sich das anbieten.
Er hat offenbar keine Ahnung, wovon er redet: Es gibt 2100 Krankenhäuser in Deutschland, ein Irrsinn.

Aber reden wir frei heraus: Ihre ganz persönliche Lieblingskrankheit?

Meine persönliche Lieblingskrankheit? Im Prinzip die, an der ich gerade leide. Das ist dann mein Favorit.

Welche Krankheit empfiehlt sich für einen Profiautor?

Größenwahn, nehme ich mal an.

 

 

Hans Zippert sieht eigentlich auf jedem Foto gleich aus – auch auf dem Dach des Klinikums Chemnitz. Man beachte seine roten Schuhe.
 
 

Warum gehen die Deutschen so gern zum Arzt – weil die so nett sind?

Nett, nein, das wohl nicht. Sie gehen so gern zum Arzt, weil da endlich mal jemand mit ihnen redet und ihnen zumindest ein paar Minuten zuhört.

Wie finden Sie Dr. House?

Bin kein regelmäßiger Zuschauer der Serie. Auf die Dauer kommt er mir ein bisschen manieriert vor. Aber so alle vier Wochen kann man sich das ganz gut angucken, glaube ich.

Generieren Sie Ideen für Texte im Wartezimmer, Sie wissen schon: herumliegende Lesezirkel-Zeitschriften, komische Leute, armeestrenge Sprechstundenhilfen?

Nein, niemals. Niemals.

Ihre Lieblingszeitschrift?

Meine Lieblingszeitschrift ist MOJO, eine englische Musikzeitschrift für den älteren Herrn.

Lesen Sie als WELT-Autor jeden Tag die gesamte Ausgabe?

Nein.
Er macht uns nichts vor: Jeden Tag die WELT – das würde kein Mensch aushalten.

Ihre Lieblingsillustrierte deutschen Fabrikats?

Ich lese eigentlich überhaupt keine Illustrierten mehr... Ich könnte mir aber vorstellen, dass es GALA sein könnte, aber dafür bin ich dann doch zu wenig in Wartezimmern.

Noch auf der Schreibmaschine getextet?

Angefangen habe ich auf der Schreibmaschine. So richtig hab’ ich sogar handschriftlich angefangen, aber ich kann meine eigene Schrift dann nicht lesen…

Kennen Sie noch jemanden, der konsequent die Schreibmaschine nutzt?

Eckhard Henscheid.

Warum haben Sie die Titanic nach acht Jahren verlassen – wurden Sie gefeuert?

Ich wollte mal sehen, wie das im wirklichen Leben ist. Ich wollte einfach wieder mal, wie man so schön sagt – und das können Sie sicher gut verstehen – Grenzen spüren…
Woher kennt Zippert meinen Job?

 
 
Hans Zippert ist dafür bekannt, etwas komische Vorträge zu halten. Fotos (2): Kreißig
 
 

Was lernt man so auf der Titanic?

Man lernt, vor nichts Respekt zu haben und tatsächlich weiterzugehen, als man sich das jemals vorher hat vorstellen können.

Sie leben angeblich in Oberursel. Ist das nicht ziemlich langweilig?

Ja, das ist sehr langweilig, aber das ist auch das, was ich an Oberursel schätze.

Wo haben Sie die Idee mit den 55 beliebtesten Krankheiten geklaut?

Die Idee hab’ ich nirgendwo geklaut. Den Titel habe ich einfach auf eine ziemlich unzusammenhängende Menge von Texten obendrauf gesetzt, damit die so eine Art roten Faden bekommen. Sonst hätte es nämlich keiner gedruckt.
Seine Antwort habe ich schon im Internet gelesen. Aber Zippert kennt seine Verlagspappenheimer: Mit so einem Titel hat er die Lektoren sofort an der Angel.

Wie oft schon Klageandrohungen für Texte erhalten?

Klageandrohungen…? Seit ich bei der Titanic weg bin, eigentlich keine mehr. Ich weiß nicht genau, was die WELT da immer am Hals hat, die halten das glücklicherweise von mir fern.

Schon mal Comedy im deutschen Fernsehen angeguckt?

Schon gemacht.

Sehr gelitten?

Je nach dem. Meistens nicht lange ausgehalten.

Wie schnell kann einem Satire auf die Nerven gehen?

Sehr schnell.

Wie sehr kann man Mario Barth gefressen haben?

Mario was?

Mario Barth, diesen etwas seltsamen Berliner Komiker, der auch ein Stadion mit Zuschauern voll bekommt.

Ich weiß fast gar nicht, was er macht. Aber wenn er ein Stadion voll bekommt, dann wird er auch Profi sein.
Zippert ist so feige. Dass Mario Barth eine Oberlusche ist, bei dem inzwischen selbst der Plebs nicht mehr lachen kann, müsste ein Ex-Titanicer doch wohl noch zugeben können.

Wie halten Sie es mit dem immer noch extrem ostdeutschen Eulenspiegel?

Hab’ ich schon lange nicht mehr reingeguckt. Seit ich nicht mehr bei der Titanic bin, liegt er mir nicht vor. Kann ich nichts dazu sagen.

Seit wie vielen Jahren kann man in Deutschland mit Satire so richtig Kohle machen?

Das muss noch kommen, diese Zeit.

Wie viele Bücher schon verkauft? 100.000?

Nie im Leben. Obwohl: Da kommt nämlich hinzu, dass ich irgendwann mal das Filmbuch für das Kleine Arschloch geschrieben habe, das ging wahnsinnig gut. Mit dem Buch kommen wir vielleicht tatsächlich an die 100.000 ran.

Warum müssen Autoren immer Bücher mit ihren schon anderweitig gedruckten Geschichten veröffentlichen – Ego oder Geld?

Beides. Das hat mit dem Geltungstrieb zu tun, und was man nicht zwischen zwei Buchdeckeln hat, das existiert auch nicht.


Interview: Uwe Kreißig

 

 

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