Reconnaissance
Interview Mag

 
 

Die Wildecker Herzbuben
Gesangsduo

 
„Natürlich habe ich die Internationale gesungen“
 
Über die Ironie von Herzilein, Oliver Kalkofe und Hans R. Beierlein, die Suche nach Rainer Calmunds Humor und Intellektuelle, die ihre Musik mögen

 

Es ist eine Seltenheit geworden, dass ein einziger Hit eine große wie geschlossene Szene – in diesem Fall die barockbunte Szene der Volksmusik – langfristig verändern kann. Das gelang mit dem Lied „Herzilein“ nur den Wildecker Herzbuben, deren Besetzung mit Wolfgang Schwalm (Jg. 1954) und Wilfried Gliem (Jg. 1946) seit der Gründung 1989 unveränderlich ist wie der Sonnenaufgang. „Das Duo… verband im Lied traditionelle Trinkgewohnheiten mit zärtlich-vorsichtiger Selbstironie – was die Hermetik der Volksmusik wegzwinkerte“, schrieb Tim Hofmann fast schon wissenschaftlich in der Freien Presse über „Herzilein“. Zudem meinte der Journalist, dass sich die Ostgruppe „Herzbuben“ flugs in „Die Prinzen“ umbenannte, weil der Erfolg des Duos aus dem Westen zu übermächtig gewesen sein soll. Legende oder Wahrheit?

Sicher ist, dass man die Wildecker Herzbuben nicht mehr langwierig beschreiben oder gar erklären muss: Das Duo gehört zu dem personell sehr kleinen Kreis deutschsprachiger Künstler, die nahezu allen Deutschen von 18 bis 88 bekannt sind, eine Tatsache, die selbst Volksmusikskeptiker nicht widerlegen können. In diesem Herbst zelebrierten die Wildecker Herzbuben wieder mal einen Auftritt in Chemnitz. Das war die Gelegenheit, beide vor dem offiziellen Teil um unser alternatives Interview zu bitten, und sie waren gleich dabei. Und man darf vorausschicken: Es war ein schönes Gespräch - in einer drögen Künstlergarderobe, die sonst als Zimmer in einem Altenheims genutzt wird.

„Herzilein“ mehr als 3.000-mal präsentiert?

Sicher!
Beide Herzbuben haben sich kurz angesehen, und ihr Blick war eindeutig: Na klar doch. Wahrscheinlich waren es 10.000 Auftritte mit dem Lied, das wirklich ziemlich gut ist.

Sehen Sie es auch so, dass im Text von „Herzilein“ subtile Ironie steckt?

Gliem: Aber natürlich, subtile Ironie ist der Sinn des ganzen Textes. Denken sie an die zweite Strophe: Normalerweise ist es eher ungewöhnlich, dass der Mann betrunken nach Hause kommt und die Frau nur freundlich meint, dass es die Hauptsache sei, dass er überhaupt kommt – wo es normalerweise das Nudelholz gibt…
Und die Zeile „Und Schuld war doch nur der Wein“ hätte auch Goethe in einer guten Burgunder-Laune schreiben können.

Ihr Erfolg von 1989 erscheint aus heutiger Sicht fast unwirklich. Wie denken Sie zwanzig Jahre später darüber?

Schwalm: Wir freuen uns darüber. Gliem: Natürlich freuen wir uns darüber, aber es ist heutzutage eben nicht mehr nachvollziehbar. So was gibt es heute nicht mehr, dass es über Nacht so kracht und gerade mit einem deutschen Schlager. Es ist praktisch ausgeschlossen, weil die Leute satt sind. Sie sind so berieselt worden mit der Musik, dass da heute eigentlich kaum noch was in dieser Größenordnung geht. Aber Spaß macht es immer noch, und Sie sehen es ja an diesem Tag wieder: Die Leute warten zwei Stunden draußen, dass wir endlich auftreten. Und deshalb haben wir „Herzilein“ mehr als 6.000 mal gesungen.

Mal in jüngeren Jahren geträumt, ein klassischer Rockstar zu werden?

Gliem: Nicht nur geträumt. Wir haben das durchgezogen. Ich war Rockmusiker. Ich wurde zwar kein bekannter Rockmusiker, aber regional ging da schon was. Wir hießen erst The Tigers. Dann kam uns das doch zu hausbacken vor, und so nannten wir uns The-Rock-A-Teens. Das wurde dann auch ein Markenbegriff bei uns in der Gegend – im Kreis Hersfeld-Rotenburg.
Sie lachen beide herzlich, die Herzbuben sind wirklich Pfundskerle.

 

 

Wolfgang Schwalm ist der jüngere der Herzbuben.
 
 

Schon mal eine Sinnkrise gehabt, dass es mit dem Volksmusikzirkus schon ein Kreuz ist?

Schwalm: Nee.
Gliem: Nee.
Da bleiben beide völlig ernst, und man glaubt es ihnen.

Kann es sein, dass die Kritiker der Volksmusik müde geworden sind?

Gliem: Ein Kritiker ist jemand für mich dann, wenn er negative oder positive Gedanken entwickelt. Wenn er nur ablästert, ist er für mich kein Kritiker: Das sind für mich Dummschwätzer, die es nicht die Bohne interessiert, ob auch irgendein Wert hinter der Volksmusik stecken könnte.

Eine Erinnerung an Ihren Auftritt in der Krimi-Parodie Der WiXXer von und mit Oliver Kalkofe?

Schwalm: Wir haben gefroren ohne Ende.
Gliem: Unser Auftritt ist in Prag gedreht worden, in einer Art Mausoleum. In der zweiten Etage unter uns standen die Sarkophage von Staatsmännern, und es war jedenfalls saukalt.
Die Wildecker Herzbuben spielten im WiXXer die „Bande des Schreckens“.

War Kalkofe wenigstens etwas nett?

Schwalm: Ja, absolut. Nicht dieser Fiesling aus dem Fernsehen. Da kommt er ja sehr fies rüber mit seiner Blödelei. Kalkofe war sehr angenehm.

Sind Sie nicht auch mal dran gewesen in seiner TV-Spottsendung Kalkofes Mattscheibe auf Premiere…?

Gliem: Ja, aber in sehr milder Form. Ich weiß nicht mehr genau, aber es war jedenfalls sehr mild...
Mild? Da wäre ich mir jetzt nicht so sicher. Aber die Herzbuben sind eben Profis.

Wie würden Sie Ihre Freundschaft beschreiben?

Schwalm: Unser beider Freundschaft? Lang und heftig.
Gliem: Wir gingen durch alle Höhen und Tiefen… Wir sind eine Einheit. Peng und aus.

Ihr Leben mit der Yellow-Press?

Gliem: Ja, mit der Yellow-Press… (Er stöhnt etwas.)
Schwalm: Es tauchen dort Geschichten über uns auf, die keinerlei Hintergrund haben. Wir haben Stories erlebt, bei denen man um ein paar Fotos Geschichten konstruiert hat, von denen absolut alles erfunden war. Der Boulevard produziert immer halbe Geschichten, halb stimmt es und der Rest besteht aus Erfindungen. Yellow-Press richtet sich ja hauptsächlich an Frauen, um somit ist diese pure Verarsche auch eine Beleidigung unserer Frauen. Das find’ ich schlimm.

Mal was mit dem Paten der Volksmusik zu tun gehabt?

Gliem: Wer ist der Pate?

Der große Hans R. Beierlein!

Gliem: Nein.
Schwalm: Ja…doch. Natürlich. Aber geschäftlich hatten wir mit ihm nichts zu tun.
Gliem: Wir haben mal ein Lied für ihn aufgenommen: „Ein Lied für unsere Tiere“. Das war auf einer CD für den Deutschen Tierschutzbund. Kannst Du Dich noch daran erinnern?
Schwalm: Ja. Richtig.
Die beiden sind schon so etwas wie ein altes Ehepaar. Und Hans R. Beierlein wurde berühmt und mächtig als Manager von Udo Jürgens. Auf dem Zenit dessen Berühmtheit verließ er den Star Ende der 70er, um einen neuen Markt zu eröffnen und weltgrößter Volksmusikmanager zu werden. Er entwickelte in der Folge Stars wie Stefanie Härtel, Stefan Mross und Florian Silbereisen. Vorher hatte er noch Größen wie Charles Aznavour, Gilbert Becaud oder Adamo in Deutschland populär gemacht. Das kann man sich kaum noch vorstellen.

 
 
Wilfried Gliem ist der ältere.
 
 

„Volksmusik ist Musik für das Volk.“ Wer hat das gesagt?

Schwalm: Weiß nicht.
Gliem: Weiß nicht.

Hans R. Beierlein, der Pate der Volksmusik. Aber er hat das einem Artikel aus der Financial Times entlehnt…

Gliem: Ach so… Könnte ich genauso gesagt haben.

Aber Hans R. Beierlein hielt auch die Rechte an der Internationale. Haben Sie die mal gesungen?

Gliem: Natürlich habe ich das – in Leipzig im Ratskeller… Ich war Betriebswirtschaftsstudent, und zur Messe durften wir rüber. Wir saßen an einem Tisch mit lauter Studenten. Es war eine lockere Runde, und wir haben das zum Spaß gesungen. Das ist schon viele Jahre her, wohl 40…

Komisches Gefühl, bei Sony Music gemeinsam mit Harry Belafonte, Gianna Nannini, Sade oder ZZ Top in der Künstlerliste zu stehen?

Gliem: Komisches Gefühl? Nö.
Schwalm: Nö. Warum?
Gliem: Es gibt sogar ein Harry-Belafonte- Medley von uns.
Das gibt es doch nicht. Und Wilfried Gliem setzt sogleich zum Singen an, und es klingt wunderbar: Ein Herzbube singt Harry Belafonte.

Laden große Plattenfirmen auch mal zu einem Sommerfest oder veranstalten eine Weihnachtsfeier, wo sich die Künstler des Labels dann zwanglos treffen?

Schwalm: Das gab es mal... Das war zu den Zeiten, als es den Plattenfirmen noch gut ging. Aber das ist denen jetzt zu teuer.
Die großen Plattenfirmen streichen Sommerfest und Weihnachtsfeier, weil es ihnen zu teuer ist, das ist schon eine komische Geschichte.

Sind Ihre Fans bei einem Konzert mal richtig ausgeflippt, wie Jugendliche das angeblich gelegentlich tun?

Schwalm: Das haben wir öfters erlebt…
Gliem: Aber nichts Gewalttätiges! Unsere Fans, die ja öfters jenseits der 60 sind, sind allein körperlich schon nicht in der Lage, so auszurasten. Aber Rumtoben tun sie schon.

Vor der Wende mal in der DDR aufgetreten und wenn wo?

Gliem: Wir haben im Juli ’89 eine Tournee mit G. G. Anderson durch die DDR gemacht, da hat noch kein Mensch was gemerkt von Leipzig und so.
Schwalm: Na ja, wir haben es gehört. Im Hotel wurde gemunkelt, dass es in Leipzig kleine Demos gibt.
Gliem: Stimmt.

Sammeln Sie noch Zeitungsausschnitte über sich?

Gliem: Nur wenn’s was Besonderes ist.

Und was wäre etwas Besonderes?

Schwalm: Eine Geschichte im SPIEGEL.
Gliem: Es kommt drauf an, was drinnen steht...
Sie lachen beide, ihr Lachen ist wirklich herrlich.

Herr Gliem, als Versicherungsverkäufer kam man alles erreichen..?

Gliem: Man kann nicht alles erreichen, aber wer als Versicherungsverkäufer fleißig und konsequent ist, wird ein gutes Einkommen haben.
Wilfried Gliem ist gelernter Versicherungskaufmann.

Ist Hape Kerkeling wirklich witzig?

Gliem: Ja.
Schwalm: Absolut.
Schade, jetzt hatte ich eine andere Antwort erhofft.

Ist Rainer Calmund, mit dem Sie auf Mallorca eine Fernsehshow aufzeichneten, nicht vielleicht noch witziger?

Gliem: Ne, ganz sicher nicht.
Schwalm: Ich hab’ mal versucht, Calies Humor zu finden, aber das ist ziemlich schwer. Und dazu kommt der Kölsche Dialekt, mmh, ich weiß nicht…

Wie ist es möglich, dass Sie im Internetauftritt von Wildeck nicht zu finden sind?

Schwalm: Tatsächlich? Mein Kollege soll bei seiner Rückkehr den Bürgermeister mal so richtig zusammenscheißen, das geht ja nicht. (Sie lachen.)
Gliem: Ich bin seit 2004 Ehrenbürger von Wildeck. Aber sie können doch nicht auf der Homepage einer Gemeinde Werbung für irgendeinen Betrieb machen…
Für irgendeinen Betrieb? Für die bekanntesten Wildecker, die
Herzbuben! Und Wilfried Gliem war wohl wirklich beim Bürgermeister: Seit kurzem ist das Duo unter dem Menüpunkt „Wildeck weltbekannt“ auf www.wildeck.de vermerkt. Es hat also gewirkt.

 
 

 
Die Wildecker Herzbuben vor dem Auftritt: Sie sind im übrigen Profis und völlig normal. Fotos (3): Kreißig
 
 

Welche Bücher haben Sie zuletzt wirklich geliebt?

Schwalm: Bücher? Eines meiner liebsten Bücher ist und bleibt „Serengeti darf nicht sterben“ von Prof. Grzimek.
Gliem: “Die Straße der Ölsardinen“ und „Die Brüder Karamasow“.

Mal nach einem Auftritt zu Tränen gerührt gewesen?

Gliem: Das passiert immer wieder – auch während des Auftritts…

Gibt es vielleicht doch Intellektuelle, die Ihre Musik heimlich gut finden?

Schwalm: Die gibt es zur Genüge!
Gliem: Es können sich Intellektuelle durchaus dazu bekennen. Nur die Semi-Intellektuellen und die Halsaufreißer, die können das nicht – weil die denken, dass sie richtig denken.
Sie lachen wieder gemeinsam. Die Herzbuben sind gut drauf.

Ein bisschen Neid auf die Posterboys wie Hansi Hinterseer?
Schwalm: Nein.
Gliem: Nein.

Ein Leben als Volksmusikstar ist lang mit dem richtigen Hit?

Gliem: Jaaa.
Schwalm: Vor allem wenn der Hit der jüngste Evergreen ist, den wir in Deutschland haben.

Interview: Uwe Kreißig

 
 
 
 

© 2009 Interview Mag Uwe Kreißig