Reconnaissance
Interview Mag

 
 

Prof. Dr. Werner Franke
Dopingexperte, Leistungssportkritiker

 
"Profi ist Kacke. Dann bin ich abhängig, das gesamte Leben. Was wollen sie dann machen?"

Über Fuentes, Erfolge von Asthmatikern im Leistungssport, Radsportler, die nachts mit 23 sterben, Gehälter für Tour-de-France-Fahrer und die Motivation von Ärzten im Dopinggeschäft
 

Das Auditorium im großen Rad-Geschäft in der Chemnitzer Markthalle schien überschaubar besetzt. "Doping im Radsport" war die Veranstaltung überschrieben, das war immer eine heikle Beziehung. Mit Prof. Werner Franke, der am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg tätig ist, hatte man sich den härtesten Referenten ins Haus eingeladen, den man hierzulande zu dieser Thematik finden kann. Gemeinsam mit seiner Frau Brigitte Berendonk enthüllte er zahlreiche Dopingaffären im Sport von Ost und West.

Werner Franke (Jg. 1940) ist keineswegs ein blinder, überheblicher Fundamentalist in Sachen Doping, wie ihm seine Gegner gern unterstellen. Er bestreitet übrigens nicht, dass auch Sieger im Spitzensport unter gewissen Umständen ohne Doping auskommen können. Ebenso betrachtet er die gewöhnliche Begründung für Leistungssteigerungen, nämlich die "Veränderung von Trainingsplänen", als nachvollziehbar. Seine Präsentation ist ein Parforceritt durch die subtile wie skrupellose Dunkelwelt des Dopings, in der Sportler zur austauschbaren Ware verkommen, die nach ihrem sportlichen Verbrauchsprozess wie abgelegte Hüllen sich selbst überlassen werden. Wohl dem, der dann genug auf dem Konto hat, halbwegs gesund ist und über eine reale berufliche Perspektive außerhalb der Sportwelt hat.

Nach seinem denkwürdigen Auftritt, der deutlich über zwei Stunden geht, ist Werner Franke gern bereit, im benachbarten Diebels Fasskeller unsere Fragen zu beantworten. Es ist sehr spät geworden, dennoch überlegt er sich jeden Satz genau. Es ist schwere Kost, doch eines ist klar: Beim Doping werden Sport, Medizin, Pharmazeutik, Staatsinteressen, privates Ego, das Marketing von Weltfirmen und Geld im übertragenen Sinne zu einer Art Superamalgam, dessen Zusammensetzung für Außenstehende nicht mehr zu durchschauen ist. Die neue Anti-Doping-Gesetzgebung in Deutschland sowie die aktuellen Entwicklungen im Weltleichtathletikverband IAAF, in dem möglicherweise hunderte positive Dopingfälle aktiv vertuscht wurden und dessen volles Ausmaß bis jetzt unbekannt ist, bewogen uns, das Gespräch, das im November 2014 stattfand, noch in Druck zu bringen.

Der bislang größte Blutdoping-Arzt, der Spanier, Eufemiano Fuentes, soll auch der Gynäkologe mit den meisten männlichen Patienten weltweit gewesen sein. Können Sie über solche Ironien noch lachen?

Na ja. - Ich kann deshalb nicht so darüber lachen, weil ich weiß, dass seine Frau, eine Leichtathletin, wohl auch mal wegen Dopings gesperrt war. Da kann ich an keiner Ecke mehr lachen.

Sie haben ja angeblich einen Teil der Ermittlungsakten zu Eufemiano Fuentes, der angeblich auch mal eine Zeit in der DDR studiert habe, einsehen können.

Ja. Das war eine diplomatische Aufregung. Ich bin mit meinem Anwalt und einem Kollegen nach Madrid geflogen. Dort wurden wir von der Guardia Civil, die dort die Ermittlungen führte, abgeholt. Ich habe denen geholfen und die haben mir geholfen. Da war der Teufel anschließend los.

Kann man sagen, dass ein großer Teil des Fuentes-Komplexes - nennen wir das mal so - bislang weder an die Öffentlichkeit gelangt ist, geschweige denn aufgeklärt. Lag das auch am fehlenden Aufklärungswillen des spanischen Staates?

Offensichtlich. Das zeigten ja die Gerichtsverhandlungen gegen Fuentes. Die Richterin hat ja immer abgeblockt, wenn irgendwelche Themen oder Fragen aufkamen, die außerhalb der sehr engen Dinge lagen, die aufzuklären waren. Fragen nach Fußball wurden abgeblockt.

Tyler Hamilton (Ex-Radprofi, Edelhelfer von Lance Armstrong und überführter Doper): "Du schluckst eine Pille oder klebst dir ein Pflaster oder bekommst eine kleine Injektion - das ist doch nichts. Aber wenn du einen großen, durchsichtigen Plastikbeutel vor dir siehst, wie er sich langsam mit deinem warmen, roten Blut füllt, das vergisst du niemals."

Eine sehr beliebte Erklärung von Dopingsportlern zur Erklärung von Leistungsexplosionen war in den 90ern und jetzt übrigens jetzt wieder, dass man seine Trainingspläne umgestellt habe? Ist das Humbug oder möglich?

Das ist durchaus möglich, wenn ein anderes Trainingsmittel genommen wird und man neue Reize setzt.

Wolfgang Lötzsch, die Chemnitzer Radsportlegende, hat freilich bewiesen, dass man mit einem extremen Trainingsumfang auch Staatsprofis im Alleingang besiegen kann. Lötzsch ist sicher eine singuläre Persönlichkeit, der in einer anderen Zeit akt iv war. Aber halten Sie es auch heute für möglich, als Extremtrainierer gegen gedopte Kollegen siegreich zu sein?

Ja und nein. Man kann sich ja auch kaputt trainieren. Aber Einzelfälle sind nicht das Phänomen.

Werner Franke: "Heute werden sogar Krebsmittel zur Leistungssteigerung eingesetzt. Und es gibt auch EPOSINO aus China, das klingt wie ein Hustensaft für Kinder, oder Polvos rojos oder "Urine Luck", dass man in seinen Urin kippt, um eine chemische Analyse auf Doping unmöglich zu machen.

Der extrem hohe Anteil von Asthmatikern im Spitzensport ist auffällig. Ihre Meinung zu solchen Attesten?

Am häufigsten sind die Asthmatiker, weil die ein Attest bekommen und leistungssteigernde Asthma-Mittel einnehmen zu dürfen. Ich habe mal vorgeschlagen, zwei Tour de France zu fahren. Eine für Nichtasthmatiker und eine für Asthmatiker. Und das komische wäre, dass die Asthmatiker schneller wären.

Sie sagen klar, dass sie die Täter nicht unter den betroffenen Sportlern verorten, sondern in den Fachgruppen, die wissen, wie Doping funktioniert und dieses Wissen vermarkten.

Ja, genauso ist das. Das ist wie bei Patrick Sinkewitz: "Irgendwann kommt man ja dann an einen Punkt, wo du die Wahl hast zwischen Scheiße und Scheiße. Entweder du fällst hinten raus oder du nimmt das Zeug." So einfach ist das.

Eufemiano Fuentes: "Radsport - das ist etwas aus der Vergangenheit mit vielen guten Erinnerungen… Radprofis sind wie Minenarbeiter. Sie kennen ihr Risiko, aber es ist ihre Arbeit… Profisport beeinträchtigt die Gesundheit und deshalb müssen Ärzte helfen."

Warum übertrifft die Realität des Dopings längst die Fiktion?

Da gibt es irre Sachen. Da gibt es den französischen Radfahrer Fabrice Salanson, der in Dresden vor einem großen Rennen ein Bein aus dem Bett nimmt und tot ist. Ein völlig gesunder Mensch, fliegt vor einem Rennen aus dem Bett und ist tot - mit 23 Jahren.

Auch den ungeklärten Tod des Radsportlers Frank Vandenbroucke, einem notorischen Doper, 2009 in einem Hotel in Westafrika würde man in einem fiktiven Spielfilm als irrea l einstufen.

Da würde man sagen, dass eine solche Darstellung völlig übertrieben ist. Aber man muss hier sagen, dass diese Fälle nicht adäquat aufgeklärt werden. Und es hat den Anschein, dass manche Staatsanwaltschaften nicht ermitteln wollen.

Dieser Aspekt findet auch in den Medien oft nur im Nachhinein eine Erwähnung. Wie bewerten Sie generell die Rolle der Medien hierzulande, deren Vertreter sich weiterhin in einer hohen gesellschaftlichen Position sehen, auch wenn die Medienkritik aufgrund der Faktenlage zunehmend stärker wird?

Das sind eigentlich zwei Leute, einer in der Süddeutschen und einer in der FAZ, die über Doping schreiben. Aber die brauchen immer einen Anlass, sonst geht das nicht so einfach als Thema durch.

 

 
Prof. Werner Franke beim Auftritt in der Chemnitzer XXL-Emporon-Arena mit Moderatorin Stephanie Pohl. Fotos (3): Kreißig
 
 

Modernes Doping ist ja sicher keine Billigveranstaltung. Der ehemalige Radprofi Bjarne Riis räumte Jahre nach seinem Karriereende ein, dass er rund 130.000 Euro für Doping ausgegeben habe. Damit kommt man aber automatisch zu der Frage, ob sich anspruchsvolles Doping nur die Erfolgreichen unter den Berufssportlern leisten können?

Nein, das können Sie ruhig mal schreiben, das können die sich leisten. Das Jahresgehalt von Jan Ullrich bei Telekom betrug einmal 4,5 Millionen Euro. Da sind 55.000 Euro an Herrn Fuentes kein Problem.

Aber für die normalen Radprofis, die kaum jemand beim Namen kennt?

Die haben weniger, aber es geht auch. Unter 300.000 Euro geht es da nicht.

Pro Jahr für Tour-de-France-Teilnehmer?

Ja.

Werner Franke: "Wenn man in vielen internationalen Gremien war und ist wie ich, kann man frei sprechen. Einem jungen Kollegen würde ich das nicht unbedingt empfehlen."

Die Profiteure im Hintergrund der illegalen Leistungssteigerung bleiben ja oft im Dunkeln: Kommen Ärzte und Apotheker am leichtesten an die interessantesten Präparate heran?

Apotheker dürften so etwas ohne entsprechendes Rezept nicht herausgeben. Aber man weiß natürlich teilweise, woher das kam. Man wusste zum Beispiel bei den Freiburger Ermittlungen, von welcher Apotheke das Zeug kam, aber da machen die hiesigen Staatsanwaltschaften eigentlich nichts dagegen.

Was liegt die Motivation für angesehene Berufsgruppen, sich an diesem Betrugsmodell zu beteiligen? Das kann doch nicht unbedingt Geld sein?

Ja, Geld ist eines dabei. Lothar Heinrich und Andreas Schmidt, die für Telekom tätig waren, haben zusätzlich zu ihrem Uni-Gehalt in Freiburg für ihre Telekom-Tätigkeit 50.000 Euro bekommen.

Pro Jahr?

Ja. Also das ist nicht wenig.

"Der Körper, wie man ihn sich in Amerika vorstellt, der amerikanische Körper, ist eine komplexe Maschine, die auch aus einem Stimm-Modul, einem Sex-Modul und etlichen weiteren Modulen, darunter sogar einem psychischen Modul, besteht. Sportler auf der ganzen Welt haben sich das amerikanische Modell vom Ich und vom Körper zu eigen gemacht, vermutlich wegen des Einflusses der amerikanischen Sportpsychologie", schreibt der südafrikanische Schriftsteller John M. Coetzee ("Tagebuch eines schlimmen Jahres").

In der Biographie "Ich war der Sport" über Manfred Ewald, der für die DDR-Politiker die Ergebnisse liefert, wird vor allem der wendige Funktionär beschrieben. Wie bewerten Sie die dortigen Aussagen?

Die sind bescheuert.

 
 
Eine singuläre Gestalt, die nachweislich ohne Doping 600 Radrennen gewann, besagt für Werner Franke noch nichts: Wolfgang Lötzsch aus Chemnitz.
 
 
Und wie bewerten Sie sein Wirken? Ewald lässt sich in diesem Buch von Reinhold Andert mit einem halben Doping-Eingeständnis zitieren: "Nur mit Bewusstsein waren die Dinge nicht zu machen." War er wirklich der große Macher des DDR-Sports, der sogar in der New York Times einen Nachruf ("East Germany's Doping Chief, Manfred Ewald, Is Dead at 76") bekam?

Er war - komischerweise - ein dummer Partei-Fuzzi. Das sieht man auch daran, dass er immer eingegriffen hat, wer mit auf das Belohnungsschiff durfte. Wen er nicht mochte, der durfte nicht mit auf das Schiff.

Aber Ewald hat in einem wesentlichen Punkt Recht gehabt, indem er in diesem Buch behauptet, dass auch im Westen sehr wohl von Staatswegen mit Doping hantiert wurde.

So einfach war es nicht. Im Westen war es sehr kryptisch gewesen, das ist der Unterschied. In der DDR gab es den Staatsplan 14.25. Da war alles klar vorgesehen und bürokratisch geregelt. Das waren viel mehr, da kamen jedes Jahr 2.000 Fälle dazu. In der DDR war das Besondere, dass man den Sieg als außenpolitisches Mittel einsetzte - nach dem Motto "Umso mehr wir gewinnen, umso mehr wird unsere Hymne gespielt."

Diese Überlegung war nicht ganz falsch.

Das hat geklappt. Ja.

Werner Franke: "Täter können nur die intellektuellen Täter sein, die um die Folgen wissen: Ein Radsportler, dem man sagt, du musst das jetzt nehmen, sonst wird es nichts mit dir, der ist ja fast schon ein Opfer."

Erfolg ist ja auch ein Gift und hat oft eine dunkle Seite. Macht man sich als Molekularbiologe darüber auch Gedanken?

In meiner Betrachtung spielt es eine Rolle, wenn sich Mediziner sozusagen mit dem Erfolg ihrer Patienten identifizieren.
 
 
Ex-Radprofi Udo Bölts erzählte beim seinem Auftritt in Chemnitz, dass er "die Tour" mit und ohne Doping gefahren ist. Das heißt dann wohl, dass man die übermenschlich schwere Frankreich-Rundfahrt auch so überstehen kann.
 
 

Herr Prof. Franke, Doping ist in gewisser Weise Ihr Lebensthema geworden, obwohl Sie einen Lehrstuhl für Zell- und Molekularbiologie hatten. Wo lag Ihre Motivation, sich mit Doping zu befassen?

Es geht um die Verhinderung des Missbrauchs von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Und intellektuellen Tätern muss man mit intellektuellen Methoden begegnen.

"Ich will nicht mit 50 sterben", sagte der schwer krebskranke Ex-Radprofi Laurent Fignon resigniert und räumte ein, dass er einen Zusammenhang zwischen der Erkrankung und seinem jahrelangen Dopingmissbrauch erkannte. Er starb 18 Tage nach seinem 50. Geburtstag.

Wenn man sich die Doping-Entwicklung der zurückliegenden 20 Jahre ansieht, muss man feststellen, dass sich nichts verbessert hat, vielleicht aber verschlechtert hat. Für Sie könnte das bedeuten, dass Ihr Wirken folgenlos oder gar sinnlos war.

Sinnlos kann man nicht sagen. Man muss sich heute bewusst sein, dass man erwischt werden kann. Und bestimmte Rekordwerte wie der 400-Meter-Weltrekord von Marita Koch wurden nie wieder erreicht. Selbst im Radsport hat man bestimmte Profile nicht mehr erreicht.

Welchen ehrlichen Rat würden Sie einem jungen Sportler, der in den Leistungssport strebt, geben?

Dasselbe, was ich meinen Sohn und anderen jungen Leuten gesagt habe: Seid anständig, trainiert überzeugend, wisst über die Dinge Bescheid, seid aufgeklärt. Profi ist Kacke. Dann bin ich abhängig, das gesamte Leben. Was wollen sie dann machen?

Interview: Uwe Kreißig


Nachtrag: Der ehemalige französische Radprofi Robert Sassone nahm sich am 21. Januar 2016 im Alter von 37 Jahren das Leben, nachdem er an Krebs erkrankt war. Nach Frank Vandenbroucke († 2009) und Philippe Gaumont († 2013) ist er der dritte in die Doping-Affaire "Cofidis" verwickelte Fahrer, der bereits in jungen Jahren starb.

 
 
 
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Die deutsche Hauptstadt vibriert im Spätsommer 2015 als Weltmetropole von Politik und Kunst. Zur gleichen Zeit ziehen durch Osteuropa kolossale Menschenströme aus dem Nahen Osten, Mittelasien und Afrika, geleitet durch Schlepperbanden und bestärkt durch leichtsinnig agierende Regierungen, die Ausmaß und Motive der Wanderung auf eine ideologische Weise interpretieren. Das Ziel der Migranten sind die reichen Länder Westeuropas. Im Berliner Kanzleramt berauscht man sich an einem späten Augustabend im engsten Kreis um Kanzlerin Barbara Weller an einer riskanten Idee, über deren mögliche Folgen man sich zunächst keine Gedanken machen will. Mit der weltweiten Verkündung einer offenen deutschen Grenze und einer oberflächlichen Integration der Migranten will die Bundeskanzlerin die Kandidatur als neue UNO-Generalsekretärin anbahnen. Ein Triumvirat beschließt in einer informellen Beratung, die Realität zu kuratieren. Aber die Geheimoperation entwickelt bald ein ungeplantes Eigenleben. Ein Verschwörungsthriller als Referenz an "Ghostwriter" von Robert Harris.

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