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Interview Mag

 
 

Michael Schanze
Moderator, Schauspieler, Sänger und ehemaliger Schlagersänger

 
Und ich kann das ja auch heute zugeben: Ich glaube, dass ich mich etwas an dem Tag in die Frida verliebt hatte. Ich stand mit großen Augen da und war trotzdem glücklich verheiratet
 
Über ABBAs letzten Auftritt, warum die Deutschen so gern zum Arzt gehen, was man bei der Titanic lernt und seine Lieblingszeitschrift

 

In den 70er und 80er Jahren soll es Schanze in Westdeutschland auf Bekanntheitsgrade von 96 % gebracht haben, das schafft kein pflichtbewusster Bundespräsident. Er parliert auf Französisch und übersetzt sofort korrekt aus dem Lateinischen, man ist erstaunt. Er fuhr internationale Skirennen, war einst die Nummer 3 im Tennis in Oberbayern und belegte den 7. Platz im Jahr 1977 bei der Weltmeisterschaft im Windsurfen, als Robby Naish seinen ersten Titel holte.

ABBAs allerletzter Auftritt war in Ihrem Showexpress im ZDF. Welche Erinnerungen daran?

Sie waren unglaubliche Weltstars damals. Wie habe ich den Abend in Erinnerung? Es war ein Auftritt, wo die ersten 30 Sekunden mit einem so großen Aufwand inszeniert wurden wie sonst die ganze Show. Aber da war auch kein Geld zu teuer: Wenn die zu uns kommen, muss das der Auftritt schlechthin werden. Zusammen mit James Last habe ich mir das von der Seite angeschaut. Und ich kann das ja auch heute zugeben: Ich glaube, dass ich mich etwas an dem Tag in die Frida verliebt hatte. Ich stand mit großen Augen da und war trotzdem glücklich verheiratet.

Sie standen neben den vier Schweden auf der Bühne im Schlussbild und wurden auf gewisse Weise Teil einer bis heute nicht verblassten Weltlegende. Wie lange kann man davon zehren?

Ich hab' das nie so hoch gehängt. Dass es der letzte Auftritt von Abba werden würde, wusste ja kein Mensch. Im Nachhinein ist man in diesem Augenblick ein Teil dieser Legende geworden, aber damals habe ich das nicht so empfunden.

Auch wenn man dort schöne Zeiten haben kann: Nichts verschleißt einen Künstler mehr als das Fernsehen?

Das war mal die gängige Meinung. So hieß es mal, aber ich glaube es nicht mehr.

Personalien wie Harald Juhnke oder Joachim Fuchsberger, die auch nie unumstritten waren, erscheinen doch heute als unvorstellbar. Warum?

Ja. Das liegt aber auch daran, dass - wie überall - am Fernsehen gespart wird. Und am einfachsten kann man an der Zeit sparen. Und eine Kunst, die zum Beispiel der Harald beherrschte, die man dann für die Kamera umsetzt, bedarf nicht einer fünften zusätzlichen Kamera, die irgendwo umherfliegt, sondern die muss präzise geprobt sein. Und für das Proben ist nicht mehr viel Zeit.

Unsere Entscheidungsfragen: Gottschalk oder Jauch?

Jauchschalk.

ZDF oder MTV?

ZDF.

Goethe oder Schiller?

Goethe. Warum? Ich habe mich immer im Leben für Menschen begeistert, deren Spektrum groß war.

Erkenne dich selbst soll eine der Inschriften am Orakel von Delphi, weil es eine unlösbare Aufgabe für den Menschen ist. Mal wirklich selbst erkannt?

Ich glaub' spät. Ich hab so sehr immer versucht, einem Bild zu entsprechen, das erfolgreich war und das habe ich so grndlich gemacht wie die meisten Dinge, die ich tue und mir damit selbst buchstäblich die Sicht verstellt habe. Der letzte entscheidende Punkt war, als meine Ehe auseinander gegangen ist.

Sie haben lange Zeit in Südfrankreich gelebt. Warum?

Ich habe auch neun Jahre lang in Monte Carlo gelebt. Nun, ich hatte zu Frankreich eine große Affinität, aber in erster Linie hatte ich dort die absolute Privatsphäre für meine Frau und später unsere Söhne.

In diesen Plattenbauten für Superreiche? Wegen der Steuer?

Das Steuersparen hat bei mir nicht gegriffen, denn das Deutschlandeinkommen muss man in Deutschland versteuern und das "Welteinkommen" ist dann in Monaco frei.

Von Deutschland nach Monaco. Warum? Erst sind wir nach Saint-Jean-Cap-Ferrat gezogen in das Haus, wo vorher der damalige Formel-1-Rennfahrer Jochen Maas mit seiner Frau lebte, die ein Kind erwartete und zurück wollte. Wir waren befreundet, kannten das, also bin ich mit meiner Freundin und späteren Frau dorthin. Es war verrückt dort, so wohnte schräg gegenüber David Niven. Ich hatte auch meinen Grund, dorthin zu gehen. Ich hatte das Gefühl, in Deutschland meine Mitte zu verlieren, auch weil man zu viele fragwürdige Schulterklopfer hatte. Dort unten hatte man es mit Leuten zu tun, die ein ganz anderes Maß an Popularität hatten, weil sie Weltstars waren. Wenn man im Hotel de Paris in Monte Carlo hinter Paul McCartney die Lobby betritt und danach hallt ein Fanschrei durch den Raum, dass ich mich umdrehte. Dieser Fanschrei galt aber Roger Moore. Dort ist dann die Popularität eines Schanze eher klein gewesen. Als Erwachsener kann man seinen Frieden dort machen. Auch kulturell ist dort viel los, und es gibt das schöne Umland mit den Seealpen. Da sind viele Episoden geblieben. Ich hatte damals eine kleine Enduro und bin mit meinem Sohn Florian, brav mit rotem Sturzhelm, auf den Markt oder ins Hinterland gefahren. Die Polizisten grüßten ihn und er grüßte zurück. Wegen unserer Kinder sind wir dann doch zurück nach Deutschland. Wir hatten uns gefragt, wohin ihr Leben führt, wenn es in Monte Carlo startet. So wurden wir gefragt, warum unser Sohn beim Eintritt in den Kindergarten keine Rolex bekommt. Und dann sind wir zurück in die Nähe der beiden Großmamas, was eine gute Entscheidung war.

Du kannst dein Privatleben verkaufen, aber du kannst es niemals zurückkaufen, sinnierte Bob Dylan auch mit etwas Selbstkritik. Warum sind jene, die irgendwo im Mittelpunkt stehen, so erpicht darauf, genau diesen Verkauf zu tätigen?

Ich habe auch diese Homestories gemacht, aber nur wenige und mit Feigenblatt. Und jedesmal habe ich verlangt, dass jeder von den Buben 1000 Mark auf sein Konto für sein Studium bekommt. Da hatte dann jeder seine 5000 Mark. Es ist leider ein Zeichen unser Zeit, dass der Begriff "privat" einer totalen Verwandlung unterliegt. Dinge wie Twitter oder Facebook sind mir völlig unverständlich. Alles zu erklären mit dem Andy Warhol-Ding über die fünf Minuten Berühmtheit, die künftig jeder Mensch hat, ist Unsinn. Man muss den Wert der Privatsphäre wieder erinnern. Die meisten Menschen wissen überhaupt, was der Verlust der Privatsphäre für einen Verlust darstellt. Peter Schlemihl hat auch erst spät gemerkt, was es bedeutet, auf seinen vordergründig unwichtigen Schatten zu verzichten.

 

 

Michael Schanze in seiner Rolle als Alexander Obolski im "Feuerwerk" in der Oper Chemnitz.
 
 

Aber warum macht man das?

Ich hatte auch Angst vor dem Abgehobensein. Aber das war nie meine Welt. Und mit der Schickimicki-Gesellschaft hatte ich gleich gar nichts zu tun. Einmal stand in so einer Rubrik: "Und selten gesehene Gäste: Michael Schanze und seine Frau." Aber die Wahrheit liegt auch da in der Mitte. Man soll sich nicht zu sehr abschotten.

Die Karriere eines Künstlers ist auch eine langwierige Enthüllung, deren Hintergründe und Konsequenzen das breite Publikum kaum erahnt.

Ich glaube, ich wollte geliebt werden. Im "Drama des begabten Kindes" von Alice Miller ist sehr viel drin, was mich betrifft, zum Beispiel dieses Zurückgeworfensein. Mein Vater hatte sich 1956 das Leben genommen. Wir wohnten in Tutzing, einem stockkatholischen Dorf, und es ist uns passiert, wenn meine Mutter mit den beiden kleinen Söhnen an der Hand durch das Dorf lief, wechselten manche die Straßenseite, weil man mit solchen Leuten nichts zun tun haben wollte. Aber dann war von mir als großem Sohn von meiner Mutter verlangt worden, dass ich funktioniere und das habe ich auch von mir verlangt. Und hätte ich zu Hause nicht funktioniert, hätte ich wieder ins Internat gemusst, auch wenn ich dem Windsbacher Knabenchor viel zu verdanken habe.

Warum kann eine Bühne mit 300 Zuschauern im Raum besser sein als ein Stadionauftritt vor 50.000 Leuten?

Aber ich mache das ja mit den 500. Wenn ich Banker wäre, wäre die Antwort ganz einfach: 50.000. Aber ich war beim "Flitterabend" auch mal bei 11 Millionen Zuschauern.

Echter wie scheinbarer Erfolg lässt die düsteren Seiten jedes Menschen deutlicher hervortreten. Wie schützt man sich vor dieser Veränderung, die immer nur die anderen bemerken?

Wenn man um die Gefahr weiß, ist schon mal ein wichtiger Schritt getan. Selbst als ich schon ziemlich erfolgreich war, bin ich nicht mit auf irgendwelche Feste gegangen, sondern habe weiterhin wettkampfmäßig Tennis gespielt.

Warum müssen Gutverdiener scheinbar immer "in Immobilien machen"? Zum Steuern sparen?

Ich habe mich da auch vergaloppiert, weil man da irgendein steuerliches Modell angeboten bekam und mir auch klar war, dass die Zeit im Fernsehen endlich ist. Wenn man dann etwas hat, was etwas Geld einbringt, dann wäre das wunderbar. Und man dachte an die Kinder. Wenn ich meine Kindheit denke, dann muss man auch sagen, dass wir arm waren. Und aus diesem Bewusstsein heraus, wollte ich meinen Kindern etwas ersparen. Aber es war ein Griff in die Mülltonne. Ich bin dem letztlich aus dem Weg gegangen, indem ich mich scheiden ließ.

Sie würden nicht selbstgenutzte Immobilien also nicht mehr empfehlen.

Schwierig. Jetzt, wo die Menschen Angst vor einer Geldentwertung haben, ist ein Sachwert wie eine Immobilie eine Geschichte, wo man sagt, das ist etwas.

 
 
Leben auf Cap Ferrat: Michael Schanze wusste es eine Weile zu schätzen. Foto: Kreißig
 
 

Unsere Trivialfragen: Wo gibt es Ihre Arthur-Miller-Brille, die ja richtig gut ist?

Die gibt es in München. Aber ss ist nicht ganz die Arthur-Miller-Brille.

Sie sind gebürtiger Münchner. Welches Lokal verströmt noch echten Münchner Charme?

Da fällt mir eins ein: der Franziskaner.

Kann man als Einheimischer ins Hofbräuhaus gehen?

Ich war noch nie im Hofbräuhaus.

Wie oft im P 1 gewesen?

Dreimal, viermal?

Schon mal im Dunkeln durch den Nymphenburger Schlosspark gelaufen?

Öfter. Ich wohnte einst direkt gegenüber. Ich bin da von Herzen gern gewesen. Zum Beispiel Joggen mit Freundin bei Vollmond. War toll.

Irgendwann erlebt jeder diese erste, wirklich große Enttäuschung und Ernüchterung im Leben, das klassische Thema der geplatzten Träume. Welches Alter empfiehlt sich für diesen Zeitpunkt, um noch die richtigen Schlüsse zu ziehen?

Für die richtig schlimmen Enttäuschungen ist immer der falsche Zeitpunkt. Aber es gab schon Erlebnisse, wo man spürt, dass ein bestimmtes tiefes Gefühl plötzlich abgelöst ist. Das ist eine Lehre fürs Leben, die nur gar nichts genutzt hat.

Alt gewordene Träume sehen im Rückblick meist völlig naiv und absurd aus. Stimmt?

Das ist so. Aber ich empfinde alt gewordene Träume als traurig. Ich gehöre zu denen, die immer gesagt haben, sie möchten jetzt diese Altersphase auf dem Segelschiff verbringen, das habe ich vor 20 Jahren gesagt. Heute bin ich 65 und du weißt, dass du keinen Deut besser bist als die, über die du dich damals erhoben hast, als du gesagt hast, du machst das dann. Das macht mich ein bisschen traurig, aber ich habe versucht, meinen Kindern Mut zu machen, ihre Träume zu leben.

 
 
Obolski (Michael Schanze) muss eingreifen. Fotos (2): Dieter Wuschanski
 
 

Was treibt die Menschen mehr an: der Wunsch zum Zugang nach anderen Körpern, nach Geld oder nach Ruhm?

Je älter ich werde, umso enttäuschter muss ich feststellen, dass die meisten Menschen vom Geld angetrieben werden. Und das sagt jemand, der sich in seiner zweiten Sendung Anfang der 70er durchgesetzt hat, dass das Lied "Money makes the world go round" nicht stattgefunden hat.

Es ergibt keinen Sinn, nur auf einen bestimmten Teil des Lebens einer anderen Person neidisch zu sein, aber genau das sind wir oft. Kennen Sie Neid?

Ich habe Neid kennengelernt als Kind, wenn die Schulkameraden am Montag erzählten, sie waren zum Skifahren am Wochenende in Stenton, damit meinten sie St. Anton. Aber das hat mich im Training angespornt, um sie bei der Kreismeisterschaft zu verblasen. Ich kenne Neid heute nicht mehr.

Wenn du wirklich gut bist, dann schauspielerst du nicht. Du bist im Kontakt mit Emotionen, die du früher einmal in deinem Leben hattest, mit Angst, Freude, Hass. Du denkst nicht mehr. Dein Körper macht alles alleine, das sagt kein anderer als Arnold Schwarzenegger. Ist das was dran?

Das ist ganz richtig. Und sonst habe ich mir immer gesagt, wenn die Sendung begann, habe ich zu mir laut gesagt: Sein, nicht scheinen. Aber man muss auch eine gewisse Milde zu seinen Unzulänglichkeiten gegenüber haben, damit man nicht versucht, klüger, schöner und schneller zu sein, als man ist. Man muss sich rückbesinnen können auf Gefühle. "Du hast kein Repertoire, du ziehst dich nicht auf eine Nummer zurück. Dir muss man nur eine Sache klar machen und dann muss man dich laufenlassen", sagte mir Karl Absenger. Da kamen mir die Tränen.

Warum ist es richtig, als Künstler niemals aufhören?

Ich habe gerade erst mit einem neuen Leben begonnen. Ich werde einen Teufel tun, jetzt schon aufzuhören. Ich genieße das. Wenn ich heute nach einem Abend vor 400 Zuschauern den Kopf auf das Kissen lege, bin ich manchmal glücklicher gewesen, als nach einer Samstag-Abend-Sendung. Beides hat zwar etwas für sich, aber ich möchte erst mal mein neues Leben genießen. Wenn man sein Leben lang faktisch seine Haut zu Markte tragen musste und dann plötzlich das Geschenk bekommt, in eine neue Rolle zu schlüpfen, ist für mich so schön - erst recht, wenn man für das Rosarote und Himmelblaue verantwortlich war.

Sie sind nahezu alles gewesen, was man in Deutschland in Ihrer Branche sein kann. Aus heutiger Sicht: Was war das Beste?

Jedes Ding hat seine Zeit.


Interview: Uwe Kreißig

 
 
Promotion
 
Interceptor - der Verschwörungsthriller von Jay Michel Ellis
 
Die deutsche Hauptstadt vibriert im Spätsommer 2015 als Weltmetropole von Politik und Kunst. Zur gleichen Zeit ziehen durch Osteuropa kolossale Menschenströme aus dem Nahen Osten, Mittelasien und Afrika, geleitet durch Schlepperbanden und bestärkt durch leichtsinnig agierende Regierungen, die Ausmaß und Motive der Wanderung auf eine ideologische Weise interpretieren. Das Ziel der Migranten sind die reichen Länder Westeuropas. Im Berliner Kanzleramt berauscht man sich an einem späten Augustabend im engsten Kreis um Kanzlerin Barbara Weller an einer riskanten Idee, über deren mögliche Folgen man sich zunächst keine Gedanken machen will. Mit der weltweiten Verkündung einer offenen deutschen Grenze und einer oberflächlichen Integration der Migranten will die Bundeskanzlerin die Kandidatur als neue UNO-Generalsekretärin anbahnen. Ein Triumvirat beschließt in einer informellen Beratung, die Realität zu kuratieren. Aber die Geheimoperation entwickelt bald ein ungeplantes Eigenleben. Ein Verschwörungsthriller als Referenz an "Ghostwriter" von Robert Harris.

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