Reconnaissance
Interview Mag

 
 

Clauss Dietel
Formgestalter, Chemnitz

 
"Alles Künstlerische ist Künftiges"
 
Über den revolutionären Entwurf für den Wartburg 353, Chemnitz, Colani, DDR-Design, Bauhaus und über das Leben
 

Er ist eine Legende, auch wenn er nie ein Superstar war. Aber jeder Ostdeutsche kennt Teile seines Werks, man hat sie täglich genutzt und macht das mitunter noch heute, auch wenn es längst Klassiker sind: Man darf erinnern an den Wartburg 353, den Simson Roller, die Erika-Reiseschreibmaschine, die RK-Stereoanlagen mit den Kugelboxen. Karl Clauss Dietel (*1934 Reinholdshain bei Glauchau) lernte zunächst den Beruf des Maschinenschlossers und absolvierte von 1953 bis 1956 sein Studium an der Ingenieurschule für Kraftfahrzeugbau Zwickau. Dem schloss sich ein Studium an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin- Weisensee an. Eine intensive Zusammenarbeit verband ihn seit 1960 mit Lutz Rudolph († 2011), viele gemeinsame Entwurfe, die weltweiten Vergleichen standhalten, entstanden in dieser Arbeitsbeziehung. Seit 1963 war Dietel freiberuflich tätig. Clauss Dietel hat in fünf Jahrzehnten Arbeit ein Gesamtwerk aufgestellt, das in seiner thematischen Breite, Quantität und Qualität kaum nachvollziehbar ist. Es führte ihn von Produktentwürfen für Konsumenten und Industrie, PKW- und LKW-Design, Architektur, Innengestaltung, Kunst am Bau, Gestaltungs- und Farbkonzepten bis hin zur langjährigen Lehrtätigkeit an Hochschulen. Die gemeinsamen Entwurfe von Dietel / Rudolph, die nicht realisiert oder nur in unzureichenden Seriengrößen erhältlich waren, sind vielleicht die besten Beispiele, was an Möglichkeiten in der Produktion verschenkt wurde. Die Ursache lag wohl nicht immer in der Mangelwirtschaft, sondern auch in der Inkompetenz und fehlender Bildung der Entscheider.

Karl Clauss Dietel lebt seit Jahrzehnten mit seiner Frau in Chemnitz, sie haben drei Töchter und sechs Enkelkinder. Wir treffen uns in seinem Atelier im Erdgeschoss seines Hauses am Zeisigwald. Dort dominiert ein kleine Ausschnitt seiner Arbeiten, aber auch für Spitzenprodukte von Kollegen wie das Regalsystem von USM Haller oder ein paar altere Einrichtungsgegenstande von den Großeltern ist noch Platz. Hier fühlt man sich wohl.

Den Begriff "Design" haben Sie immer abgelehnt, vielleicht geradezu gehasst. Warum diese Strenge, diese Härte?

Das stimmt. Das hat vielschichtige Hintergrunde. Ich respektiere diesen Begriff, er ist in der Welt, aber er ist runtergekommen bis zur Gosse.

Alles im Leben hängt in erster Linie nicht von Gesetzen oder Gesellschaftsordnungen ab, sondern von den handelnden Personen, den Bestimmern.

Die Personen bringen die Verhältnisse zum Tanzen. Personen können im positiven Sinne Prozesse voranbringen und kulminieren lassen, aber an den Prozessen, denen sie verhaftet sind, letztlich scheitern.

Sie waren mit einigen Entwürfen Ihrer Zeit voraus, ein Weltstar konnten Sie dennoch nicht werden. Enttäuscht?

Das hängt auch mit Personen und den daraus resultierenden Zustanden zusammen. Einiges kam zur Realisierung, aber vieles eben nicht. Es war auch das Gesellschaftsmodell der Egalisierung, der Gleichmacherei. Aber nach der Wende blieb es auch schwierig. Vieles an Lebensleistung Ostdeutscher ist bis heute, trotz 20 Jahre nach der Wende, noch immer nicht anerkannt. Aber man muss trotzdem vorsichtig sein mit Mutmaßungen über ein Leben unter anderen Bedingungen. Man kann auch in der Gestaltungsabteilung eines Weltautokonzerns versauern. Dort gibt es junge Kollegen, denen geht es mitunter dreckig. Die arbeiten an einem Scheinwerfer, an vielen kleinen Schaltern. Ein ganzes Fahrzeug entwerfen die meisten nie. Manche haben Glück, die schaffen wenigstens einen einzigen Autoentwurf.

Vom Image her betrachtet wären Sie im Westen so etwas wie eine Mischung aus Guigiaro und Phillipe Starck geworden. Dafür gab es im Osten keinen Platz. Etwas Bedauern, denn ein Stückchen Hollywood steckt doch in allen von uns? Vom Image her betrachtet wären Sie im Westen so etwas wie eine Mischung aus Guigiaro und Phillipe Starck geworden. Dafür gab es im Osten keinen Platz. Etwas Bedauern, denn ein Stückchen Hollywood steckt doch in allen von uns?

Hollywood ist nicht mein Ding. Es mag Ausnahmen geben, aber Weltstars waren im Sozialismus kaum vorgesehen. Jeder Mensch aber hat ein bestimmtes Maß an Selbstbehauptung und Eitelkeit. Und eines ist klar: Unter heutigen Bedingungen unterliegt man einer anderen Öffentlichkeit als jener zu DDR-Zeiten - mit allen Vor- und Nachteilen.

Stimmt es, dass man bei Grundig auf Ihre Idee von der Kugelbox zurückgegriffen hat, also letztlich geklaut hat? Die kamen wohl 1973 damit heraus, Ihre waren von 1969.

Ja, das kann schon sein. Wir erfuhren später davon. Wichtiger war, wie dieses schone Projekt mit HELIRADIO in Limbach-Oberfrohna realisiert wurde.

Ihr Grundentwurf für den Wartburg 353 war revolutionär, selbstverständlich zu revolutionär für die längst vergessene Revolution.

Das stimmt wohl. Überhaupt war es eine Zeit, in der noch vieles erhofft wurde. Ich wurde damals in das Forschungsfeld der ehemaligen Auto-Union in der Kauffahrtei verpflichtet, beim VEB Zentrale Entwicklung und Konstruktion für den Kraftfahrzeugbau der DDR, die Vorgänger der heutigen IAV. Da lernte ich viele, sehr gute Leute von der Auto Union noch kennen. Otto Seidan, der nach dem Krieg den Awtowelo-Rennwagen gestaltete, war da noch da. In Eisenach lernte man noch Leute von BMW kennen.

Aber es war doch so: Der Wartburg 353 konnte zur Erscheinungszeit im Jahr 1966 in seiner Klasse durchaus internationalen Maßstäben standhalten.

Mein Wartburg-Grundentwurf 1962 war ein Vollheckfahrzeug, von Eisenach akzeptiert. Die VVB - die Industriezweigleitung in Karl- Marx-Stadt - lehnte das ab und forderte ein modisches Stufenheckmodell. Mit dem TOURIST aus dem VEB Karosseriewerken Halle, ein Entwurf meines Freundes Lutz Rudolph, entstand 1966 trotzdem noch das optimale Kompaktfahrzeug. Der Eisenacher Sprung nach vorn motivierte Sachsenring mit dessen Chefentwickler Werner Lang, mich 1963 nach Zwickau zu holen. Beide Werke wollten damals noch das, was heute wieder jedes Unternehmen will: Spitzenleistungen erbringen.

Autodesign hat Sie ein halbes Lebens lang beschäftigt. Die drei gelungensten Fahrzeuge aus dem sozialistischen Lager, bitte. Autodesign hat Sie ein halbes Lebens lang beschäftigt. Die drei gelungensten Fahrzeuge aus dem sozialistischen Wirtschaftsgebiet, bitte.

Der Tatra 603. An sich auch der erste Lada, der ja ein Fiat 124 war. Sonst fallt mir da nicht viel ein. Es gab noch einen Bus, den Karosa aus der Tschechoslowakei, der recht ordentlich war.

An unseren Entscheidungsfragen kommt keiner vorbei. Walter Gropius oder Mies van der Rohe?

Walter Gropius.

BRAUN oder Apple?

Das ist ja Henne oder Ei. BRAUN.

Luigi Colani oder Dieter Rams?

Rams.

Aber Colani ist doch aus heutiger Sicht unterbewertet?

Er ging an die Sache viel freier heran und er hatte natürlich, auf Deutsch gesagt, etwas die große Fresse. Aber er kam nach der Wende auch gleich nach Sachsen. Das interessierte ihn, und da hat er dann auch ein paar Sachen gemacht. "Mit dem Dietel zusammen werde ich Sachsen völlig umkrempeln", sagte er damals auch. Es entstand aber nichts Reales, auch wenn ich völlig offen war. - Er ist immer von plastischen Entwürfen ausgegangen, und das war mir nahe.

Auch die Kugelbox hätte von Colani sein können.

Auf jeden Fall. Er hat sehr anständige Sachen gemacht, er pflegte eben einen plastischen Gestus, da er Plastik studiert hat.

 

 
Karl Clauss Dietel vor seinem Haus, Chemnitz, Oktober 2012. Fotos (3): Kreißig
 
 

Sein stromlinienförmiger LKW von 1998 ist nun plötzlich wieder im Gespräch - als "Erfindung" der Großserienhersteller zum Kraftstoffsparen.

Man kann die Industrie kritisieren, aber man sollte sie nicht beleidigen. Er hat die Industrie immer wieder beleidigt...

Colani hat 1998 im Gespräch vorhergesagt, dass China die wirtschaftliche Zukunft sein wird. Das haben damals die meisten Experten nicht für möglich gehalten. Er war schon dort und unterrichtete seit 1995 in Shanghai, das damals wohl eher noch wie Phöngjang aussah.

Das mit China hat er gesagt, es richtig erkannt. Wir haben uns mal in Leipzig beim mdr - nicht so lange nach der Wende - umarmt, aber es ist eben keine Partnerschaft geworden. Meine Begegnung mit Dieter Rams war dagegen viel kühler.

Viele Designer hängen zu sehr in ihrer eigenen Suppe fest.

Das ist ein Problem. Im Nachhinein steht ja auch fest, dass wir im Osten - trotz der systemimmanenten Informationsblockade - punktuell über die weltweite Gestaltungsszene genauer informiert waren als heute. Das ist ganz merkwürdig. Interessant war ja auch, dass Randszenen, wie in Finnland, am deutlichsten selektierten und am besten über die Entwicklungen Bescheid wussten. Die waren am oberen Rande Europas, und so war das auch für die eine existenzielle Sache.

Nur wenn dein Selbstwertgefühl intakt ist, kannst du all den Mist, der dir in diesem Job zustößt, ertragen, meinte Robbie Williams resigniert. Diesen Zustand kennen Sie sicher?

Ich kenne nicht viel von ihm. Aber diese Aussage ist mir nah. Das galt damals und gilt heute. Ich kenne nicht viel von ihm. Aber diese Aussage ist mir nah. Das galt damals und gilt heute.

Menschen von Welt bewegen sich nicht selten in einer Blase, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat. Wie verlässt man diese Blase zumindest gelegentlich?

Der Vergleich mit der Blase ist interessant. Die Blase zu verlassen ist schwierig.

 
 
Ingrid Mössinger (Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz), Formgestalter Prof. Clauss Dietel und Maler Michael Morgner diskutierten am 21. September 2011 im Chemnitzer Restaurant Flemming über die Themenüberschneidung "Kunst - Liebe - Tod".
 
 

Man kann in einen Netto-Markt gehen und dann hat man die Blase verlassen, aber das ist eine andere Sache.

Das ist auch nicht mein Ding. Aber - indem ich mich befreie von allem, was belastet oder euphorisiert. Beides ist gefährlich. An letzterem scheitern auch viele und kriegen dann einen Stich. Doch es gibt eine einfache Möglichkeit: der Aufenthalt in der Natur, gute Musik, Literatur, Familie, Enkelkinder. Das bricht auch das eigene Alter. Und sonst: Es geht nicht, ohne auszubrechen aus der Gegenwart. Alles Künstlerische ist Künftiges.

Nach der Wende wurde auch das Design aus der DDR verleumdet und kam ebenso in die Tonne wie viele, an sich völlig unpolitische Dinge. War das Absicht, um die wenige Konkurrenz niederzumachen, oder war es - aus heutiger Sicht - einfach ein Zeichen der Zeit?

Es gab üble Sachen wie das Buch vom Taschen Verlag, wo DDR-Design auf Seifenverpackungen, alte Limo-Etiketten und alberne Zigarrenschachteln reduziert und verleumdet wurde. Aber die Artefakte einer untergehenden Gesellschaft verschwinden eben auch schnell.

War es gesteuert oder hat es sich einfach so ergeben?

Beides. Es gab zum Beispiel Simson in Suhl. Kein Tag vergeht heute, an dem ich meine Produkte nicht dreimal am Tag sehe. Simson war der größte Zweirad-Produzent Europas, und das Unternehmen war sofort ein Konkurrent. Es gab nur zwei Möglichkeiten: dort weitermachen oder die Konkurrenz ausschalten. Wir wissen, wie es ausgegangen ist. Das galt für vieles andere auch. Es war ein Paradigmenwechsel, denn wir hatten andere Wert-Vorstellungen. Wegwerfen als Absicht, die in einem drin steckt, war uns nicht vorstellbar; mir ist das übrigens heute noch suspekt. Wir wurden plötzlich mit der Realität der hochentwickelten Bundesrepublik konfrontiert, die zugleich das amerikanisierteste Land Europas ist. Und da kamen bestimmte Praktiken wie das "Planning for Obsolescence", das in der US-Autoindustrie entstand und langst alle Bereiche erfasst hat. Der gesamte Mechanismus einer anderen Gesellschafts- und Wirtschaftsstruktur agierte und reagierte, die Treuhand war dann nur ein Instrument. Dem fielen dann auch alle Dinge, die gestalterisch relevant waren, mehr oder weniger zum Opfer.

Warum erlebt das gehobene DDR-Design seit drei, vier Jahren eine ungeahnte Renaissance? Weil es unabhängig und nicht korrupt war?

Das hat mehrere Gründe. Es gibt auch im Westen eine Gegenbewegung zum programmierten Wegwerfen. MUJI aus Japan ist einer dieser Anbieter, die die Dinge anders sehen und bewerten. Eine Konstante, die man inzwischen beobachten kann, ist auch die Tatsache, dass Menschen die Umgebung, in der sie über Jahrzehnte gelebt haben, als Wert schatzen. In diesem Zusammenhang treten dann andere Wertvorstellungen hervor, die auch der Gestaltung von hier zugute kommen.

Wer darf die Qualität eines Designentwurfes beurteilen?

Die Geschichte.

 
 
Clauss Dietel vor einem seiner größten Erfolge: die Simson S51 Enduro, hier das Modell von 1984, aus Suhl. Gut erhaltene Exemplare im Originalzustand kosten heute ein Mehrfaches des damaligen Neupreises.
 
 

Inwieweit hat die Bauhaus-Formensprache die Welt besser erträglich gemacht oder war das ein Irrtum?

Ob erträglicher oder ein Irrtum: Fest steht für mich, dass keine deutsche Kultur-, Architektur- und Kunstäußerung - ob Romantik, Expressionismus, Goethe und Schiller, die deutsche Musik der Klassik eingeschlossen - die Welt derartig beeinflusst hat wie das funktionelle Gestalten. Das begann mit dem späten Jugendstil, dem Deutschen Werkbund und dann eben über das Bauhaus.

Eine der Folgen der Bauhaus-Ideen sind nicht nur stylische Einfamilienhäuser mit großen Glasflächen und Flachdach, sondern auch riesige, in ihren sozialen wie städtebaulichen Folgen höchst problematische Wohnquader, die es ja auch in Hamburg, Paris oder in Manhattan gibt.

Technokratie ist kein funktionelles Gestalten. Dieses jedoch - nicht nur beschränkt auf das Gehäuse, sondern auch auf die wirtschaftliche Infrastruktur wie Telekommunikation oder unser gesamtes Umfeld - leistete einen wesentlichen Beitrag, den historisch vorher nie erreichten Lebensstandard der Menschen zu ermöglichen. Also: In Summa hat das Bauhaus die Welt erträglicher gemacht.

Im Alltagsleben sind wir oft Feiglinge. Ist es eine ausreichende Kompensation, wenn man seine Arbeit außerordentlich gut erledigt?

Das ist Selbsterhaltung. Feigling sein und seine Arbeit gut erledigen. Arbeit ist prioritär, und Feigheit eine Folge des Selbsterhaltungstriebs des Menschen, um Arbeiten zu ermöglichen. Das erfordert Kompromisse.

Sie leben seit Ewigkeiten in Chemnitz. Wo liegt das Hauptproblem dieser Stadt, in der man höchst angenehm leben kann und dennoch ständig das Gefühl hat, dass bestimmte Dinge einfach nicht funktionieren?

Die Randlage in georegionaler Sicht ist sicher eine Ursache, dass Chemnitz von den Jahrhundertkatastrophen besonders tangiert wurde, eine andere. Chemnitz hat es noch nicht wieder geschafft, zu der Hohe aufzuschließen, die bis 1933 der Stadt verfügbar war - also die funktionierende Verbindung von Wirtschaft und geistigem Anspruch. Die größte Gefahr sind immer noch mutierte oder überlebte Strukturen, die mit ihrer Kommandoordnung einen technokratischen Hintergrund haben.

An Neid geht man in der Regel quälender zugrunde als an vielen Krankheiten - im übertragenen Sinne.

Möglich. Neid betrifft mich nicht so, weil ich eher ein altruistischer Typ bin. Aber Neid macht die Menschen kaputt, kann sie tief zeichnen: Es heißt auch Zerfressen von Neid.

Das westliche Gesellschaftsmodell suggeriert den Menschen, dass sie sich ihren Lebensstil selbst aussuchen können.

Schön wär's. Die Selbstverwirklichung des Einzelnen ist auch in der westlichen Gesellschaft sehr beschrankt.

Die ehrgeizigen Alten haben zwar Arme und Beine dem Gewimmel entzogen; aber ihr Innerstes, ihre Neigung, ist mehr als je in der Welt verstrickt, schrieb Montaigne in den Essays. Das könnte auch auf Sie zutreffen?

Da steckt auch der Umkehrschluss drin: Man muss sich oft mit allen Fasern des Äußeren mit der Welt verstricken, um sein Innerstes selbst bewahren zu können. Ich habe immer versucht, Modisches auszuschließen, als Grundhaltung. Aber der Blick von Morgen auf die Dinge, die wir gemacht haben, lässt natürlich viel genauer erkennen, was der Zeit verhaftet war.

"Made in GDR" ist im progressiven Design meist ein Qualitätsbeweis geblieben. Das hing ja auch damit zusammen, dass es völlig unmöglich für einen VEB war, einfach mal irgendeinen Schrott zu produzieren, um schnellen Umsatz zu generieren, schon aus einem einfachen Grund: das glänzende Material dafür fehlte.

Es gab damals ein breites Instrumentarium einer Skalierung zur Funktion von Produkten: technische, physikalische, am Schluss auch ökonomische. Das war teilweise nicht schlecht, denn jedes neue Produkt musste verteidigt werde. Zeitweise gab es verbluffende Möglichkeiten, relativ schnelle Entscheidungen durchzusetzen. Gegen Ende der DDR wurden diese Freiräume immer kleiner und waren teilweise überhaupt nicht mehr wahrnehmbar. An diese Freiräume zu Beginn meiner Arbeit Anfang der 60er Jahre kann ich mich gut erinnern. Was damals ein Werkleiter, ein Entwicklungsleiter, teilweise sogar ein Abteilungsleiter entschieden hatte, ging gegen Ende der DDR unter einer Entscheidung aus einem Ministerium oder dem Politbüro überhaupt nicht mehr ab.

Das Buch OSTFORM, in dem Ihr Gesamtwerk vorgestellt wird, ist ein Kompendium der Breite und der Qualität. Man glaubt es schlichtweg nicht, dass Sie ein solches Werk aufgestellt haben.

In einer Gesellschaft, in der vieles verhindert wurde, musste ich viel anderes tun, um das zu kompensieren. Aber vor 40 Jahren, diese Frage an mich selbst gestellt, hatte ich die Ergebnisse in ihrer Breite für absurd gehalten. Doch das hatte auch negative Folgen und hat durchgeschlagen auf die Familie: Mein Werk war letztlich auch Selbstbehauptung. Und Selbstbehauptung ist am ehesten zu erlangen durch das, was man tut. Wegweisend für mich dazu der Leitspruch des vor 2000 Jahren verbannten Ovid: Unabhängige Arbeit überwindet alles.

Die waren hart mit mir, jetzt muss ich hart mit denen sein. Ein Zurück kann es nicht geben. Wenn ich umkehre, bin ich verloren. Das sagte Manfred Krug vor seiner Ausreise zu sich selbst. Warum fällt es Managern im Politbetrieb wie in der Wirtschaft so schwer zu begreifen, dass gelegentlich doch einmal einer hart sein kann?

Bevor er zur Frage kommt, erzählt Dietel eine Anekdote. Er habe Manfred Krug damals in Ostberlin recht gut gekannt, Krug habe öfters in der Kunsthochschule in Weißensee vorbeigesehen. Und so wäre es zu einem denkwürdigen Auftritt 1958 beim Hochschulfasching gekommen. Er war auf dem Weg zum Fasching und Krug kam ihm entgegen. "Die Idioten bei euch, der Parteisekretär hat mich rausgehauen", habe Krug geschimpft. Dietel sagte ihm, dass er wieder mitkommen soll. Dann schmuggelte man Krug wieder ein. Drei Stunden später sang Krug mit den Blue Music Brothers auf der Bühne der Kunsthochschule. Dass mal einer hart ist, dafür reicht die Phantasie der Mächtigen oft nicht aus, weil sie sich so gros fühlen: das liegt außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Die denken in Kategorien und nicht auf ein Individuum bezogen. Und wenn mal einer dagegen halt, sind sie über die Folgen erstaunt und jammern. Ob sie Getriebene oder Treiber in diesen Prozessen sind, ist noch eine andere Sache. Meistens sind es Getriebene.

Nach der Wende schob man Sie weg, so wie viele VEBs, die unter den neuen Möglichkeiten im kleineren Maßstab durchaus eine Chance hatten. Das war doch das Prinzip, wie es die Ostdeutschen sahen: Der Ostbetrieb musste weg, damit auch gar nicht die Möglichkeit einer Konkurrenz entsteht.

Das waren harte Tatsachen, da war man hilflos. Es gab ja viele erfolgreiche Betriebe, die - für bestimmte Märkte - weiterhin konkurrenzfähige Produkte herstellten. Das musste, meinte die Konkurrenz, kaputtgemacht werden. Es traf Großbetriebe und Einzelne.

Im Nachhinein: Ihr stärkster Entwurf?

Der RK 5 mit den Kugelboxen, auch gut ist der erste Entwurf für den Simson-Roller 1967 und die S50-Reihe mit dem OFFENEN PRINZIP. Und die freie PKW-Studie, sie war weitgreifend und ihrer Zeit voraus.

Sie haben eine große Karriere hingelegt. Aber manche Dinge hätte man vielleicht nicht machen sollen.

Ja.

Eine einzige Reise kann dein Leben verändern. Welche war das bei Ihnen?

Das war wohl Florenz, 1975.

Welches schönste Erlebnis in Rom?

Die Sixtinische Kapelle.

Nicht vielleicht das Abgehen der Via Appia Antica?

Dann eher das Forum Romanum oder der Platz vor dem Pantheon.

Der Sinn für angenehme oder schöne Dinge ist der Masse verloren gegangen.

Nein.

Die Amerikaner glauben, dass man sich "neu erfinden" kann, ein dort tief verwurzelter Glaube, der die Leute zu allem Möglichen führt, zum Beispiel Frauen zu Brustvergrößerungen.

Das ist ein amerikanischer Gründungsmythos, in diesem Fall grotesk verzerrt.

Also: Kann man sich "neu erfinden"?

Nein. Man kann nur in jedem Stadium des Lebens das dann Mögliche versuchen, aber neu erfinden kann man sich nicht.

Aber letztlich bricht einem das Leben doch das Herz, schreibt Michel Houellebecq. Das stimmt wohl leider.

Ich bin noch nicht ganz am Ende. Mit sich selbst im Reinen enden zu können, ist eine wunderbare Vision, aber ich weiß nicht, ob diese aufscheinen wird.

Interview: Uwe Kreißig

 
Das Interview ist eine durchgesehene Fassung des Textes von 2012.
 
 
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