Reconnaissance
Interview Mag

 

Wegen der großen Resonanz auf unser Archiv-Interview mit Ingrid Mössinger folgt noch eine zweite Erinnerung an das Wirken der ehemaligen Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz. Die Zahl schöner wie hochklassiger Ausstellungen in den 22 Jahren ihrer Tätigkeit in Chemnitz ist längst eine Branchenlegende. Viele sagen, dass Munch, Dylan oder Picasso der Höhepunkt waren, warum auch nicht. Für Verehrer von Andy Warhol und der Pop-Art allgemein, liegen die Dinge naturgemäß etwas anders. Death and Disaster war für mich der subjektive Höhepunkt der Ausstellungen von 1996 bis Frühjahr 2018 in den Kunstsammlungen Chemnitz.

Für unsere Leser laden wir die Rezension von 2014 gern noch einmal hoch.

 
 

Tod und Vergänglichkeit

 
Die Ausstellung Death and Disaster mit Arbeiten von Andy Warhol in den Kunstsammlungen Chemnitz
 
Glaubst du an die Todesstrafe? - Um der Kunst willen, natürlich. Mit Andy Warhols Sentenzen, die vermutlich selten von ihm stammten, sondern auf nächtlichen Touren in Restaurants und Clubs von ihm nur aufgezeichnet und dann am nächsten Tag seiner Sekretärin Pat Hackett durch das Telefon für die Ewigkeit übermittelt, lassen sich komplette Ausstellungen des Meisters kommentieren. Die hervorragend ausgesuchte Warhol-Ausstellung Death and Disaster in den Kunstsammlungen Chemnitz stellt in dieser Hinsicht keine Ausnahme dar. Die sentenziellen Anmerkungen zu den einzelnen Arbeiten sind bei entsprechender Textkenntnis leicht zu finden.

Ein Großteil der in Chemnitz ausgestellten Werke stammt aus Warhols Erfolgsphase, die sich von Anfang der 60er bis Anfang der 80er erstreckte. Diese Zeit wird 1968 durch das Attentat der Radikalfeministin Valerie Solanas physisch wie psychisch unterbrochen, andererseits werden Warhols nüchterne Sichten auf Tod und Vergänglichkeit auf eine brutale Weise bestätigt. Das Attentat - Solanas schießt ihm mehrmals in den Bauch - geschieht wenige Tage vor seinem 40. Geburtstag. Er wird nie wieder der alte Warhol, auch wenn seine Produktivität keinen Schaden nimmt. Es ist seine Berühmtheit und das irrwitzige Innenleben seiner legendären Factory, die zu diesem Anschlag führen, aber zugleich rettet ihn seine Prominenz. Damals kursiert die nie widerlegte Geschichte, dass ihm die Ärzte nach seiner Einlieferung im Krankenhaus keine Chance mehr geben, bis man ihnen steckt, dass der Patient eine berühmte Persönlichkeit sei. Warhol überlebt schließlich nach einer mehrstündigen Operation knapp. Fotos mit der riesigen OP-Narbe, die sich schräg über seinen Bauch zieht, finden bald ihre eigenständige Vermarktung.
 
 
Repro:
Andy Warhol Shadows (PA 65.076), ca. 1978
Kunstharzfarbe und Siebdruck auf Leinwand
193 x 132 cm
Udo und Anette Brandhorst Stiftung
Bpk / Bayerische Staatsgemäldesammlungen / Haydar Koyupinar
© 2014 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Artists Rights Society (ARS), New York
 
 

Was manche Männer als Midlife-Crisis erleben, die - wenn sie es sich leisten können - ihre Frau und ihre erste Familie entsorgen, und eine neue, junge Frau bekommen, ist bei ihm ein Mordanschlag, der ihn verunsichert und in ein anderes Leben zwingt. Nach der Genesung des Stars wird der Produktionsprozess der Factory völlig reorganisiert und die zeitweise jedermann zugängliche Partyzone abgeschlossen. Kommerziell erreicht Warhol (1928 - 1987) die Stratosphäre des Kunstkommerzes und damit Höhen, die man für einen Pop-Art-Künstler lange Zeit für unmöglich hielt, auch wenn sie heute wie selbstverständlich wirkt. Alles, was der schwule Sohn armer slowakischer Auswanderer nun anfasst, wird zumindest zu Silber (für die Farbe pflegt er eine Vorliebe), aber meistens zu Gold. Nach Warhols Tod zeigt sich sein selbst vor Freunden verborgen gebliebener Reichtum, der vielleicht fast eine Milliarde Dollar erreichte - zu den damaligen Preisen.

 
 

Heiner Bastian, der für die Auswahl der Arbeiten verantwortlich zeichnete, erlebte den Glücksfall persönlicher Begegnungen mit Warhol. Fotos (3): Kreißig

 
 

Das Thema Tod bleibt Warhol erhalten, ob er es will oder nicht. In den in Chemnitz gezeigten Bildern transformiert er das römische Memento mori (Bedenke, dass du sterblich bist) in die Bild- und Farbensprache der Pop-Art, in der die Dinge oft leichter erscheinen als sie sind. In seinen letzten Lebensjahren offenbart sich in seinen Arbeiten eine starke Rückwendung zum Glauben und zum Christentum seiner Kindheit und Jugend. Diese eher selten gezeigten Bilder, die auch in der Bildsprache nicht Warhol-typisch sind, fehlen in Chemnitz.

Sein weltweiter Status als Celebrity kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Mitte der 80er Warhols Aura, die letztlich die Grundlage für seine zahlreichen Aktivitäten bildet, zerbröselt. Neue Malerstars wie Julian Schnabel oder Basquiat sind die Kunstmänner der Stunde. Warhol kämpft mit Projekten dagegen an, die aus heutiger Sicht alles andere als verzweifelt wirken: Er hängt sich an die New-Wave-Popstars der Zeit (The Cars, Curiosity Killed the Cat oder Duran Duran), geht mit dem noch jugendlichen Basquiat eine künstlerische Kooperation ein und lässt seine eigene Fernsehsendung produzieren. Doch Sterblichkeit und Tod holen ihn unerbittlich und unmittelbar ein, zum zweiten Mal in seiner Realität. Mitte der 80er wird das massenhafte Auftreten von AIDS in der New Yorker Schwulenszene auch für Warhol zu einer Angstschranke, von der aus seine anderen Probleme, die ihn durchaus beschäftigen, als banal erscheinen: So wird aus der letzten Ausstellung bei seinem langjährigen Galeristen Leo Castelli zunächst keine einzige Arbeit verkauft.

 
 
 
Warhol wäre glücklich, wenn er wüsste, wie seine Kunst nach seinem Tod kommerziell ohne die geringsten Beschränkungen verwertet wird. Es gibt alles mit seinen Motiven: Plakate, Anhänger, Uhren oder wie hier auf dem Foto gehobenes Mineralwasser und Wodka. Sogar das von Karl Lagerfeld erwähnte Parfüm (l.) wurde nach seinen Tod noch realisiert.
© 2014 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Artists Rights Society (ARS), New York
 
 
Das vielleicht unscheinbarste Kunstwerk dieser Exposition verrät mehr über persönliche Hintergründe als die großen Formate im Oberlichtsaal der Chemnitzer Kunstsammlungen. Auf dem Polaroid-Selbstporträt im Miniformat 8,6 x 10,8 cm von 1986 sieht man den traurigen, operativ gelifteten Warhol mit Blondhaarperücke, der offenbar ahnt, dass seine Zeit als Akteur der Szene abgelaufen ist. Karl Lagerfeld, 1984 zum Chefdesigner von Chanel berufen und vor einer großen Zukunft stehend, erinnert sich im Jahr 1992 hart wie berührend an den alt gewordenen Andy Warhol: "Ich habe ihn zum letzten Mal kurz vor seinem Tod gesehen. Ich war bei Mr. Chow... Andy kam alleine und unerwartet. Er setzte sich an unseren Tisch und zog eine Parfümflasche aus der Tasche. Der Geruch war entsetzlich. Er wollte ein Parfum machen. Da sah er eine Zukunft, fast ein neues Ausdrucksmittel... - Wir haben ihn vor seinem Stadthaus abgesetzt... Er winkte uns nach. Eine einsame, kleine, schneegekrönte Silhouette im allzu ruhigen New York der upper 60th Straßen, Lichtjahre entfernt von dem Viertel der Factory, seiner Jugend und seines Ruhmes. Wie die Romanhelden von Edith Warthon hatte er von einem Brownstone-Haus geträumt. Er hatte es endlich - aber nur noch für ganz kurze Zeit."


Uwe Kreißig
 
 
 
Neben Kurator Heiner Bastian waren Céline Bastian und Coraly von Bismarck (l.) von der Galerie Bastian in Berlin intensiv an der Ausstellung und an der Erstellung des Katalogs beteiligt.
 
 
Andy Warhol
Death and Disaster
Kunstsammlungen Chemnitz Theaterplatz 1
23. November 2014 bis 22. Februar 2015
www.kunstsammlungen-chemnitz.de
 
 


 

 
Promotion
 
"Niemand sucht sich die Zeit zum Sterben aus..."
 
Interceptor - der Verschwörungsthriller von Jay Michel Ellis
 
Die deutsche Hauptstadt vibriert im Spätsommer 2015 als Weltmetropole von Politik und Kunst. Zur gleichen Zeit ziehen durch Osteuropa kolossale Menschenströme aus dem Nahen Osten, Mittelasien und Afrika, geleitet durch Schlepperbanden und bestärkt durch leichtsinnig agierende Regierungen, die Ausmaß und Motive der Wanderung auf eine ideologische Weise interpretieren. Das Ziel der Migranten sind die reichen Länder Westeuropas. Im Berliner Kanzleramt berauscht man sich an einem späten Augustabend im engsten Kreis um Kanzlerin Barbara Weller an einer riskanten Idee, über deren mögliche Folgen man sich zunächst keine Gedanken machen will. Mit der weltweiten Verkündung einer offenen deutschen Grenze und einer oberflächlichen Integration der Migranten will die Bundeskanzlerin die Kandidatur als neue UNO-Generalsekretärin anbahnen. Ein Triumvirat beschließt in einer informellen Beratung, die Realität zu kuratieren. Aber die Geheimoperation entwickelt bald ein ungeplantes Eigenleben. Ein Verschwörungsthriller als Referenz an "Ghostwriter" von Robert Harris.

Mehr...
 
 
 
 
 

© 2014 / 2018 Reconnaissance Interview Mag