Reconnaissance
Interview Mag

 
Utopische Jahre und mondäne Eleganz

 

Fotografien von Willy Maywald im Industriemuseum Chemnitz

 

Was früher einfach en vogue war, muss heute Fashion und Style zugleich sein. In Textilien höherer Kategorien soll sich eine Welt und ein überlegener Lebensstil abbilden, der mit der Realität freilich nichts zu tun hat. Entsprechend blutleer fallen auch die zeitgenössischen Modefotos aus, noch verstärkt durch ihren massenhaften Abdruck in Billigpublikationen wie in dicklichen Branchenzeitschriften. In dieser Bilderklasse scheitert auch Großmeister Lagerfeld selbst mit Lokationen wie Versailles im Rücken. Wie viele Multistars konnte er dem Genre nichts hinzufügen. Etwas anders liegt die Sache bei seinen direkten Vorgängern.

Die für die Masse völlig hermetisierte Welt dieser recht nahen Vergangenheit der Mode vor der Moderne erschließt sich in Ansätzen mit der Ausstellung Art, Culture & Élégance mit Fotografien Willy Maywalds im Chemnitzer Industriemuseum. Der deutsche Fotograf, der in der Modewelt von Paris zwischen 1936 und 1975 als bildnerischer Dokumentator eine Größe war, bewahrte mit seiner Stiltechnik bewusst und unbewusst zugleich einen zurückgelassenen Raum, in dem das Mondäne noch als Kulturkategorie galt.

 
 
Willy Maywald für den Modeschöpfer Jacques Fath im Jahr 1949. Ein ähnliches Einstellungsmotiv nimmt Regisseur Guy Ritchie 61 Jahre später in einem Werbespot für Dior Homme mit Jude Law wieder auf - die Zeiten kehren immer zurück - wenn man das Original kennt.
 
 

Es ist die Zeit, in der Fotografen um ihren Künstlerstatus ringen müssen, übergroße Abzüge im Grunde unbekannt sind und Farbfotografie noch als Systemkonkurrenzprojekt zwischen Kodak und Agfa gilt. Die Ergebnisse Maywalds erscheinen aus heutiger Sicht komplett und absehbar gleichermaßen: Es dominierten kleinformatige Schwarz-Weiß-Abzüge, bestechend scharf, souverän ausbelichtet und umfassend komponiert. Beim Betrachten der Außenaufnahmen bildet sich von selbst das Gefühl, dass gleich ein Bugatti um die Kurve biegt, bei den Studiobildern glaubt man, dass ein männlicher Filmstar im seitlichen Schatten wartet. Die fotografierte Mode selbst ist konservativ, der avantgardistische Stil tritt erst nachhaltig hervor, als sich Maywalds Karriere bereits neigt. Und die Modells wirken nur in der Reminiszenz schön, dem Modelltypus der Gegenwart, der irgendwann in den 70ern herausgebildet wurde, entsprechen sie in keinster Weise.

Maywald (1907-1985) präsentiert in seinen Aufnahmen im Übrigen ein Paris, das sich nach dem Krieg reicher darstellt, als es zu dieser Zeit tatsächlich ist. Er lässt Glamour und Weltstadtstil im Vordergrund, die Zutaten sind gleichförmig und erprobt. Die Frauen sind adlig-begrenzt schön, die Kleider der Couturiers opulent und aus glänzenden, fließenden Stoffen, die Autos groß und voller stilvoller Schwünge, die Fassaden der Häuser im Hintergrund architektonische Spiegelbilder der längst verblassten Belle Époque. Vermutlich ist das alles eine Aufpolierung im Sinne der Auftraggeber und eigener Stilistik. In Simone de Beauvoirs Autobiografie "Der Lauf der Dinge" liest man nach, wie die große Stadt für die Masse, aber auch für viele, keineswegs unbekannte Künstler die ersten Jahre nach dem Krieg wirklich war: piefig und ärmlich, hinter den großen Fassade Kälte und große Appartements, denen mitunter die Möblierung fehlte. Aber das Erstellen von "Sets" gehört zur Gabe von Modefotografen. Das heißt: Über nachteilige Umstände hinwegsehen und in erster Linie den Wunsch der Nachahmung zu erzeugen. Krisen haben keinen Platz im "Kommunikationskonzept" dieser Branche, allerhöchstens als indirektes Marketinginstrument. Und kaufen war schon immer leichter als denken.

 
 
Maywalds Sicht von Elsa Schiaparelli (1890 - 1973), zeitweise der größten Rivalin von Coco Chanel. Die Aufnahme soll zwischen 1936 und 1938 entstanden sein.
 
 

Die dunkleren Seiten der Zeit wie soziales Elend blendet Maywald auch später - wie schon Ende der Dreißiger völlig aus. Damals erwartet Europa trotz aller Nichtangriffsverträge ständig den Krieg und lenkt sich fatalistisch ab. Maywald berichtet in seinen Erinnerungen, wie Helene Weigel 1938 nach Abend im Théâtre Pigalle auf die Frage, ob man je wieder durch das Brandenburger Tor gehen würde, trocken antwortete: "Natürlich, aber leider nicht vor dem nächsten Krieg."

Und Skandalfotografie war seinerzeit noch kein Genre, mit dem man Staat machen konnte. Bei Maywald hat das Schöne Bestand, die Eleganz erscheint statisch, andererseits lässt er in seinen Inszenierungen keine Ideen versickern, obwohl es nicht einfach gewesen sein dürfte, in einer Umgebung politischer und später wirtschaftlicher Enge vor und nach dem Krieg, Edelschönes zu bewahren.

Es ist mehr als erstaunlich, wie sein zweiter Erfolg nach 1945 überhaupt möglich wird. Sein Durchbruch stand kurz vor Kriegsausbruch bevor: In der amerikanischen VOGUE erscheint 1939 eine Fotoserie seiner Aufnahmen der Gärten Claude Monets in Giverny und Pierre-Auguste Renoir in Cagnes. Maywald fotografiert für Piguet oder Schiaparelli. Erste Prominentenfotos entstehen: Waleska Gert oder Cathérine Hessling. Es überwogen noch Gesellschaftsporträt, die in erster Linie Geld einbrachten.

Über Nacht kommt der Krieg, der Maywalds Situation von Grund auf ändert: Nun ist er ein Ausländer, in Frankreich auf der Flucht, allenfalls zeitweise geduldet. Auf einer unendlichen Tour versucht er den Geschehnissen zu entrinnen, meist mehr schlecht als recht. Auch dabei trifft er auf die Prominenz: Unterwegs begegnen ihn Max Ernst, Lion Feuchtwanger, Walter Hasenclever oder Franz Werfel. Für einige wie Hasenclever wird die Flucht tödlich enden, Juden und Nichtjuden haben gleichermaßen Angst vor der Auslieferung ins "Reich". Mehrfach wird es für Maywald mehr als eng: Nur mit Glück, gelegentlicher Cleverness und manchmal auch durch die Unterstützung von Franzosen oder Leidensgenossen entrinnt er einem ungewissen Schicksal, das für ihn als Homosexuellen im NS-Reich lebensgefährlich gewesen wäre.

 
 
 
Foto für Jacques Fath im Jahr 1954. Es verschmelzen Vorkriegsschick mit einem Tribut an die neue Zeit. Fotos (3): © Association Willy Maywald / VG Bild-Kunst 2010
 
 

Der Deutsche in Paris scheint im Paris zeitweilig eine originäre Stellung eingenommen zu haben: Maywald arbeitet schließlich für die großen Häuser und Designer seiner Zeit: Pierre Cardin, Chanel, Christian Dior, Nina Ricci, auch für die kommenden Größen wie Yves Saint Laurent und Karl Lagerfeld wird Maywald noch in Erscheinung treten.

Er geht schließlich mit der Zeit. Ganz nebenbei findet später noch einmal eine neue Fotoposition, als die Modebranche ihn überlebt hatte. Es ist kein Abstieg, auch wenn ihn seine Zeit offenbar schleichend verlassen hatte. Auf einmal treten seine Künstlerporträts hervor, mit denen er Ende der 30er Jahre begonnen hatte. Er ist damit seiner Zeit voraus, aber er spürt - wahrscheinlich unbewusst - die Zukunft dieses Genres. Maywald fotografiert Anouk Aimée, Hans Arp, Richard Avedon, Lauren Bacall, Willi Baumeister, Joseph Beuys, Humphrey Bogart, George Braque, Victor Brauner, Alexander Calder, A. M. Cassandre, Marc Chagall, Giorgio de Chirico, Iris Clert, Jean Cocteau, Le Corbusier, Heinrich Maria Davringhausen, Sonia Delaunay, Marlene Dietrich, Christian Dior, Kees van Dongen, Jacques Fath, Edwige Feuillère, Otto Freundlich, Francoise Gilot, Lilian Gish, Juliette Gréco, Sacha Guitry, Hans Hartung, Lilian Harvey, Olivia de Havilland, August Herbin, Howard Hughes, Anna Karina, Alice und Ellen Kessler, Yves Klein, Hannah Kosnick-Kloss, André Lanskoy, Henri Laurens, Fernand Léger, Dorian Leigh, Vivian Leigh, Tamara de Lempicka, Morice Lipsi, Alberto Magnelli, Jean Marais, Prinzessin Margaret, Georges Mathieu, Henri Matisse, Joan Miró, Henry Moore, Richard Mortensen, Marie-Laure de Noailles, Suzy Parker, Gérard Philipe, Pablo Picasso, Serge Poliakoff, Madeleine Renaud, Georges Rouault, Consuela de Saint-Exupery, Yves Saint Laurent, Carmel Snow, Pierre Soulages, Gene Tierney, Maurice Utrillo, Victor Vasarely, Bram van Velde und Ossip Zadkine. Dieses schier unglaubliche Liste ließe sich fortsetzen, und man muss wissen, dass ein Großteil der Genannten im Studio oder im privaten Umfeld von Maywald porträtiert wurden.

Seine Atelierpartys am Freitagabend, vielleicht auch der Einsamkeit des Schwulen geschuldet, werden zeitweise zu einer Pariser Institution. Man tanzt, feiert, begegnet sich. Maywald schreibt in seinen Erinnerungen Die Splitter des Spiegels, dass dort James Baldwin eines Abends zu Giovannis Zimmer inspiriert worden sei. 1972 fotografiert Maywald dann Nico, die als Kurzzeitstar in Andy Warhols Bandprojekt Velvet Underground fünf Jahre zuvor ihren Zenit in jeder Hinsicht erreicht hatte. Es treffen sich zwei auf ihre Weise gealterte Künstler, die alles gesehen haben und die spüren, dass ihnen die 70er nicht gut bekommen werden.

"Vor einigen Jahren saß ich in Syrakus auf einem Platz der alten Stadt. Meine Freunde Jean-René und Miguel forderten mich auf, nach Hause zu gehen. Doch ich blieb, denn der Mond strahlte so schön an jenem Abend, und ich dachte, morgen ist dieser Mond vergangen. So ist mein Leben: Glanz wechselt mit Trauer. Und wenn ich auch heute von vielen Menschen umgeben bin, die mir Freude und Anregung bringen, empfinde ich doch Wehmut, denn der Mond, der gestern am Himmel glänzte, ist heute nicht mehr derselbe." Mehr braucht es nicht aus Maywalds Erinnerungen, um sich an sein Denken und seine Intentionen zu erinnen.

Uwe Kreißig

 
 

Art, Culture & Élégance.
Willy Maywald - Ein deutscher Fotograf der Haute Couture in Frankreich
20. November - 27. Februar 2011
Sächsisches Industriemuseum Chemnitz
Zwickauer Straße 119
09112 Chemnitz

www.saechsisches-industriemuseum.de

Willy Maywald
Portraits und Ateliers aus Frankreich 1947 - 1970
10. März - 21. April 2011
Kunst für Chemnitz
HECK-ART-Haus
Mühlenstraße 2
09111 Chemnitz
www.kunstfuerchemnitz.de

 

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