Reconnaissance
Interview Mag

 
"New York ist Provinz"

 

Uwe Steimle als Gast bei Uwe Dziuballa in der Reihe "Die Kippa bleibt" im Soziokulturellen Verein Kraftwerk Chemnitz

 

Verhaltene Promo für die Veranstaltungsreihe "Die Kippa bleibt", Miniankündigungen in der lokalen Presse und doch ein solide gefüllter Saal im Chemnitzer "Kraftwerk" am 16. September 2019 zum Gespräch zwischen dem Dresdner Uwe Steimle und Uwe Dziuballa, der mit dem "Schalom" am Chemnitzer Brühl eines der wenigen koscheren Restaurants in Deutschland führt. Das Publikum ist deutlich überaltert, außer in der letzten Reihe, wo es so wirkt, als ob da eine junge Kadergruppe sitzt, die nicht lacht und erst recht nicht klatscht, wenn geklatscht wird.

Der Fernsehmann und Kabarettist Steimle, der im "FeinKOst-Shirt" mit dem "Konsum-K" antritt, fragt zu Beginn seinen Freund Dziuballa (l.), der im Alltag demonstrativ Kippa trägt, ob er gut hergekommen sei. Er hätte auf dem Weg hierher "vier Barberläden" gesehen. Steimle spielt auf die Empfehlung des Zentralrates der Juden vom Mai an, aus Sicherheitsgründen in bestimmten Gegenden Deutschlands auf die Kippa zu verzichten; im Grunde genommen ein Wahnsinn, diese Empfehlung, deren Hintergrund aber nachzuvollziehen ist. – Doch, ja schon, antwortet der Restaurantchef und auch Autor (was weniger bekannt ist). Vermutlich ist Dziuballa eh mit dem Auto gefahren.

Steimle selbst muss dann die T-Shirt-Aufdrucke erklären, die seine vielfach behauptete Nähe zur AfD beweisen sollen, wobei er sich als Linker sieht. Hier geht es vor allem um jenes "Kraft durch Freunde", das in Fraktur auf ein "Nicki" (wie Steimle es nennt, der es öffentlich trug) gedruckt war. Dagegen könne man nichts einwenden, und er verweist darauf, dass dies das Motto des Kabarettisten Werner Finck gewesen sei, der 1935 ins KZ kam und später von den Nationalsozialisten Berufsverbot erhielt. Richtig ist entgegen aller Klischees, dass die Fraktur-Schrift gerade keine Nazi-Typographie darstellt (sondern gotisch-mittelalterlichen Ursprungs ist) und aus verschiedenen, auch politischen Gründen schließlich von Hitler 1941 verboten wurde. Er verstand sich eher in der imperialen Nachfolge der römischen Cäsaren und der späteren Kaiser des "Heiligen römischen Reiches deutscher Nation" wie Karl V.

Man bezichtigte Steimle wegen dieses Shirts in den Medien schließlich der "Scheinsatire", ein Vorwurf, den dieser mit "Scheindemokratie" und "Scheinjournalismus" kontert. Die Dinge sind in der Tat nicht so eindeutig. Gerade ist das Buch des Reporters Juan Moreno erschienen, der den hochdekorierten Schwindler Relotius beim "SPIEGEL", welcher die schönsten und politisch überkorrekten Fake-Storys erfand, gegen alle denkbaren Widerstände entlarvte. "Relotius hat den deutschen Journalismus verändert. Er hat mich verändert. Die Leichtigkeit, mit der ich früher Lügenpresse-Krakeeler belächelt habe, ist dahin“, schreibt Moreno in dem Enthüllungssachbuch „Tausend Zeile Lüge“. Hätte zwei Jahre vorher jemand die Relotius-Story einem Verlag als Roman angeboten, hätten alle, wirklich alle abgewunken. Mit "rechten Verschwörungstheorien" wolle man nichts zu tun haben. Und überhaupt: ein Großfälscher, der x-Journalistenpreise zugewiesen bekommen hat und bei einer berühmten deutschen Zeitschrift hanebüchene Stories veröffentlicht, deren Aussagekern immer gefälscht ist, so was gibt es doch nicht…

 
 
Uwe Steimle (r.) als Gast bei Uwe Dziuballa in der Reihe "Die Kippa bleibt" im Soziokulturellen Verein Kraftwerk Chemnitz, September 2019. Foto: Kreißig
 
 

Und hier liegt für Steimle, der sich vorsieht, nicht den großen Durchdreher zu geben, sein Problem: Man lebe – leider – in der "Zeit der Denkgeländer". Was man sich nicht vorstellen wolle oder was politisch nicht opportun erscheint, werde verschwiegen oder für "rechts" erklärt. Er werde hellhörig, wenn Politiker verkünden, dass sie jetzt "verstanden haben". So hätte auch Egon Krenz im Herbst '89 gesprochen. Die Zeitung von heute lese er nicht mehr. Aber: "Nichts ist so hochinteressant wie die Zeitung von gestern." Steimle holt aus, in die Vergangenheit, vielleicht aber auch in die Zukunft: "Wir haben es erlebt, wie innerhalb von drei Wochen ein System verschwand."

In zwei Tagen fahren Steimle und Dziuballa dann nach Israel. Er sei glücklich, dass ihn ein deutscher Jude und Freund durch das Land führen könne; mit Englisch habe er es nicht so und mit dem Schulrussisch könne er vielleicht gerade noch sein Leben retten, wenn der Russe vor der Tür stehe. Das sei ja jetzt die große Gefahr, wenn man den medialen Aussagen folge...

Nach einer Stunde ist Schluss. Steimle erinnert sich ein letztes Mal. Noch 2009 habe ihn die Linke als Wahlmann bei der Wahl des Bundespräsidenten nominiert. Damals trat Peter Sodann für die Linkspartei als Zählkandidat an. Diesen Sodann, der sich heute als „betender Kommunist“ versteht, hatte noch Ulbricht wegen kritischer Kabarettauftritte als "Konterrevolutionär" in Haft nehmen lassen. Deutsche Geschichte, voller Widersprüche.

Steimle holt doch noch mal aus. "Ich bin sehr provinziell", und so fühle er sich wohl. Und überhaupt: "New York ist Provinz."

 
 
 
Uwe Kreißig
 

 

 
 
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© 25/09/2019 Reconnaissance Interview Mag