Reconnaissance
Interview Mag

 
"Ich bin eben betender Kommunist"

 

Über die Unterhaltungsindustrie, die Erinnerung an den Osten, die Kunst und Theater - eine Begegnung mit Peter Sodann

 

Peter Sodann nimmt am Tisch im Nebenzimmer der Landgaststätte Platz. Er bestellt einen "kleinen Schnaps" und bittet die Bedienung um eine Zigarette: "Ich bin nur Genussraucher, aber jetzt brauche ich eine", meint er. Bis vor fünf Minuten hat er zweieinhalb, vielleicht drei Stunden ein Nachmittagspublikum unterhalten, mit vierfacher freiwilliger Zugabe, um die man einen Sodann nicht anbettelt, die gibt er einfach so, das ist inklusive. Die Zuschauer, die 14 Euro für die Sodann-One-Man-Show bezahlten, haben für ihr Geld viel geboten bekommen: Er erzählt Wahrheiten und Kalauer, erklärt die heruntergekommene Politik hierzulande auf seine Weise, rezitiert einen Text und sagt mal ein Gedicht auf, und dazwischen bringt er eine Schnurre über die Wirksamkeit eines Kürbiskernpräparats für die Prostata - das habe ihm ein ehemaliger SED-Funktionär empfohlen, der zufällig auch sein Schwiegervater war.

Sodann ist ein "Storyteller", wie man in Amerika sagen würde, und wenn er seine Geschichten singen und auf der Gitarre begleiten könnte, dann würde er eben das drei Stunden machen. Irgendwann hat der Sachse (Jahrgang 1936) das Publikum an diesem Nachmittag doch kaputt gespielt, Sodann droht dennoch an, dass er jetzt noch zwei Stunden Ostwitze zum besten geben könnte - niemand im Saal hätte das ernsthaft bezweifelt.

Er ist der letzte Volkstribun, den Ostdeutschland noch zu bieten hat. Die anderen sind längst abgetreten, zu schmierig geworden, abgehoben oder verfettet durch Erfolg und Geld oder schlichtweg zu erfolgreich auf dem aalglatten Fernsehstrich. Sodann hat die Gabe der drei Leben. Als man ihn schon abgeschrieben hatte, erlebte er mit dem hemdsärmligen Leipzig-Tatort seinen dritten oder fünften Frühling. Er spielte darin nicht einen Tatort-Kommissar, sondern Peter Sodann spielte Peter Sodann, der sich als Tatort-Kommissar Ehrlicher ausgab und damit zeitweise unglaubliche Quoten einfuhr. Auch das war der alte mdr. Nebenbei hat man in den Ehrlicher-Episoden ein Leipzig zu Gesicht bekommen, das inzwischen unglaublich kriminell sein muss und nach den sächsischen Polizeistatistiken stimmt dies wohl auch.

"Die Unterhaltungsindustrie hat inzwischen die Oberhand gewonnen", meint er leise resigniert und man weiß, dass er damit auch auf anderes anspielt. 2005 setzte ihn die Stadt Halle als Intendant des Neuen Theaters vor die Tür, undankbar und gegen seinen Willen. 2007 warfen die Entscheider im mdr Kommissar Ehrlicher nach 45 Folgen aus dem Programm - gegen seinen Willen. Peter Sodann tritt deswegen nicht ins hintere Glied oder verschwindet gar, wie es abgesetzte Fernsehstars gelegentlich in der Hoffnung tun, dass man sie in Bälde zurückruft. Zwei Jahre später ist er bei der Wahl zum Bundespräsidenten Zählkandidat der Linken an und verliert wie erwartet.

 
 
Der letzte ostdeutsche Volkstribun: Peter Sodann, 2011. Fotos (3): Kreißig
 
 

Sodann nippt am Schnaps und erzählt. "Kommunismus ist ein Traum für die Menschen, die nicht in die Kirche gehen und nicht ins Paradies kommen können", wiederholt er. Der Stalin-Kommunismus hat ihn in den Knast gebracht, aus politischen Gründen, das versteht sich bei einem Sodann. Von der Grundidee will er nicht lassen, aus Trotz, er, der alte Holzkopf, der mit einem Bundespräsidenten nicht anders redet als mit seinem Gartennachbar. Künstler dürfen das, Narrenfreiheit hieß das in der Feudalgesellschaft.

Dass die Nachfolger jener Partei, die Sodann einst aus ideologischen Gründen einsperren ließen, ihn ein halbes Jahrhundert später als Pseudo-Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten benötigen, ficht einen Sodann an: "Warum soll ich denn etwas verachten, was ich für vernünftig halte? Ich bin eben betender Kommunist." Das ist wohl so etwas, wie man es in Italien ein paar Jahrzehnte versucht hat und wo man vor oder nach der Parteiversammlung selbstverständlich in die Kirche gehen konnte, auch wenn der Papst das nicht gern sah. "Ich will den Osten nicht wiederhaben, aber ich lasse ihn mir auch nicht nehmen", ergänzt Sodann ohne Ironie. Er fährt Skoda, und man will wie mit bei seinem roten Pullover schwerlich glauben, dass es sich hierbei um einen Zufall handelt. Und die Glashütte-Uhr aus DDR-Produktion, die Sodann trägt, ist ein Statement, das man mag und das ihn wiederum für eine Lifestyle-Zeitschrift qualifizieren würde.

Die Peter-Sodann-Bibliothek wird seine letzte große Idee der Erinnerung sein. Es wird zugleich das Sodann-Mausoleum werden, eine ungleich intelligentere Idee als eine "Kunstsammlung" oder ein Namenssponsoring. In der Bibliothek im Dorf Staucha sollen alle Bücher verbleiben, die zwischen 1945 und 1989 in Ostdeutschland erschienen sind. 600.000 Bände seien zusammengekommen und ergeben ein Kompendium nach seinem Geschmack. Es ist keine Frage, dass diese Bücher auch in der Deutschen Bücherei in Leipzig vorliegen müssten, aber er sieht die deutliche Abtrennung der Provenienz.

Ob die DDR tatsächlich ein Leseland war, darüber ließe sich diskutieren. Aber es war normal, dass man Bücher kaufte, ihnen nachspürte und vor allem darüber sprach - und dafür musste man sie in der Regel gelesen haben. Heute gibt es viele Ostdeutsche, die nach der Wende nie wieder ein neues Buch erwarben, Reiseführer und Ratgebermist ausgenommen. Und es ist kein Problem mehr, Deutsche mit dem Abschluss einer Universität oder einer Fachhochschule zu finden, in deren Wohnungen - abgesehen von ein paar Restbeständen aus dem Studium - nicht mehr als zwei Dutzend Buchrücken zu finden sind. Das war damals anders, der Besitz des Buches galt als Wert an sich und das "Lizenzexemplar" als Krönung jedes Bücherschranks? Da gab es Raymond Carver (Kathedrale) oder John Updike (Ehepaare), Andrea de Carlo (Vögel in Käfigen und Volieren) oder einen Krimiautor -ky (Es reicht doch, wenn nur einer stirbt). Die Bandbreite war eingeschränkt und doch viel umfassender, als man im Westen glaubte und im Osten auch.

 
 
Die Sache mit dem Rauchen ficht einen Sodann als Gelegenheitsraucher nicht an, und die Glashütte-Uhr als DDR-Vintage gehört zu ihm wie der rote Pullover.
 
 

"Schreiben Sie mit!". Sodann gibt Befehle, und man folgt ihnen. "Solange die Menschen Häuser höher bauen als die Bäume wachsen, wird das mit der Menschheit nichts - das hat Matusche gesagt." Alfred Matusche als Theaterautor ist vergessen, aber für Theaterleute wie Sodann, der ihm damals am Schauspielhaus Karl-Marx-Stadt begegnete, muss er prägend gewesen sein.

Sodann bleibt ein Vertreter einer Mischphilosophie aus Christentum, Kommunismus, gesundem Menschenverstand und Unterhaltung, die jedem Ideologen sofort suspekt erscheinen muss. Er bringt noch einmal seinen Spruch, den er zuvor dem Publikum schon zweimal auf den Nachhausweg gab: "Der Ossi ist ein verirrtes Kind Gottes, der Wessi ist ein verwirrtes Kind Gottes." Sodann nimmt einen zweiten kleinen Schnaps und noch eine zweite Zigarette. Die freundliche Kellnerin fragt nach seinem Essenswunsch, er hat keinen Hunger und bestellt dann doch etwas.

 
 
 
Was von seinem Werk bleibt, ist längst ungewiss. Aber seine Peter-Sodann-Bibliothek wird bleiben.
 
 

Die politische Kultur in Deutschland sieht er, wohl nicht zu Unrecht, auf dem absteigenden Ast - seine Gegenüberstellungen sind freilich immer Sodannscher Konstruktion: "Wer im Bundestag ein Gedicht vorliest, wird wahrscheinlich erschossen." Er meint zwar, dass man für verrückt erklärt wird, aber bei ihm geht es immer nur ein paar Dimensionen drüber. Sodann ist eben der Meister der windschiefen und dennoch entwaffnenden Vergleiche. Der Unterhaltungsfaktor der Politik geht gegen Null, da fehlen auch Personen wie Herbert Wehner oder ein Franz Josef Strauß. Wenn letzterem die Frage eines Journalisten oder feindlichen Abgeordneten nicht passte, meinte FJS, dass dieser "die Frage falsch" stelle. Nach dieser Sichtweise stellt Sodann die Fragen immer falsch.

Also, vier Gedichtzeilen von Goethe, sofort. Für Peter Sodann kein Problem, er bringt ein paar Strophen mehr. Seiner Theaterzeit trauert er freilich nicht nach, wohl aber der Funktion des Schauspiels: "Theater ist eine weltliche Kirche. Und auch ein Theater muss sich mit Seelsorge beschäftigen." Über die Szene der Gegenwart macht er sich keine Illusionen: "Unser Kulturbetrieb ist oftmals so eingerichtet, dass man auch Verblödung noch als Kunst bezeichnet."

Uwe Kreißig

 
 

Wir empfehlen:

Peter-Sodann-Bibliothek e. V.
Thomas Müntzer Platz 8
01594 Staucha

Weitere Informationen: www.psb-staucha.de

 

© 2011 Reconnaissance Interview Mag Uwe Kreißig