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Interview Mag

 
Coolness für Kenner

 

Der alternative Autotest: AwtoWAS Lada 2170 Priora

 

Es gab diese Geschichte von Sowjetrussen, die zu Ostblockzeiten in die Bundesrepublik fahren durften und sich wunderten, dass dort Menschen lebten, die offenbar ohne jeden Zwang einen Lada fuhren. Ja, es gab und gibt sie weiterhin, die Fans der Marke Lada, dessen Produzent AwtoWAS seit Mitte der 90er in einer wirtschaftlichen Wellenkrise feststeckt, ungefähr so wie Russland und nicht völlig unverschuldet.

Dass es sich bei der Baureihe 2170 um die möglicherweise coolsten Limousinen handelt, die gegenwärtig auf dem deutschen Markt erhältlich sind, hat sich aus verschiedenen Gründen nie verbreiten können. Da wären zum einen die affenartige Autoarroganz der Deutschen, die das Missverständnis leben, dass ein Auto in erster Linie teuer und angeberisch sein, zum anderen den Urhebern superverblödeter "Autotests" der deutschen "Fachpresse", die, wenn überhaupt, Fahrzeuge der Marke Lada als typisches Untermenschenerzeugnis beschreiben. Das völlig fehlende Werbebudget - kein kühl kalkulierter Marketinggag, sondern schlichter Zwang - hat dann noch die üblichen Folgen gezeitigt: "Unabhängige" Medien schreiben nicht Produzenten, die keine Anzeigen schalten. Und dann existieren für "Deutsche mit gesundem Menschenverstand" noch rund fünf Dutzend weitere Gründe, warum man unmöglich einen Lada benutzen darf.

 
 
Ist dieser Vergleich etwas zu groß gegriffen? Der Lada 2170, in Deutschland als Priora auf dem Markt, vor dem Bauhaus in Dessau. Störend erscheinen bei diesem Auto nur die serienmäßigen Alufelgen. Hier empfiehlt sich ein Austausch gegen Original-Lada-Stahlfelgen ohne Radkappen und Pneumant-Bereifung. Foto: Kreißig
 
 

Doch wo sind die Alternativen für Individualisten? Da Dacia trotz der gegenwärtigen intelligentesten Automobilwerbung in Deutschland inzwischen eine Prollmarke geworden ist, kommen diese Fahrzeuge - auch wenn der übergroße Kombi als Siebensitzer unter Umständen eine Überlegung wert wäre - für die Gruppe der Autoconnaisseure nicht mehr in Frage. Wenn man sich für ein wirklich exklusives Automobil entscheiden möchte, ist vielleicht ein Aston Martin eine Wahl, der Kenner könnte freilich eine wirkliche Rarität in Betracht ziehen: einen Lada.

Unser Test-Lada des Typs 2170, in Deutschland unter dem leicht bescheuerten Name Priora im Vertrieb, verfügt inzwischen über eine Ausstattung, die noch unter Breshnew dem Volk strikt abgeraten worden wäre: Heizung für die Frontsitze, vier elektrische Fensterheber, Zentralverriegelung mit Fernbedienung auch für die Kofferraumklappe, Alufelgen mit Ganzjahresreifen, Metalliclackierung, Colorglas, Mittelarmlehnen vorn und hinten, elektrisch verstellbare und beheizbare Außenspiegel, vier LED-Leseleuchten, Brillenfach und hintere Fußwarmluftauströmer sind Dinge, die nicht unbedingt in jedem Produkt Westeuropas den Serienstandard verkörpern. Mit zwei Airbags und dem ABS bewegen wir uns keineswegs auf der Höhe der Zeit, aber man erinnere sich daran, als bei Golfs der Baureihe III noch gigantische Aufpreise für ein Antiblockiersystem fällig waren oder Mercedes die Einführung eines Beifahrerairbags bei der E-Klasse in Fernsehwerbespots abfeierte. Wer rasen will, sollte ohnehin zu einer anderen Marke greifen, auch wenn unser 2170 spielend 190 erreicht. Dies irritiert so manche Sonntagsfahrer und Imageheinis so sehr, dass sie nach dem Lesen des Schriftzuges an der Heckklappe Wutanfälle bekommen und ihre Frau auf dem Beifahrersitz mit der Zeitung schlagen.

 
 
Der Lada Priora Coupe verkörpert den legitimen Nachfolger der frühen Saab-Fließhecks. Foto: AwtoWAS
 
 

Herrlich sind die weichen Sitze, mit denen die Mär von den angeblich wunderbaren straffen Polsterungen zur Rückenschonung als grober Unfug entlarvt wird. Die Federung des Ladas ist kommod, die Straßenlage gut. Lediglich bei Geschwindigkeiten über 180 erscheint es ratsam, die Konzentration zu erhöhen. Abstecher auf Feld- und Waldwege sind unbeschwert möglich, weil die Bodenfreiheit des 2170 die üblichen Show-SUV bloßstellt. Das dämliche Gejammere, dass die "Spaltmaße" zu groß oder unregelmäßig sind (das sind sie zweifellos), die "Straßenlage" bei Höchstgeschwindigkeit nicht gerade einem Sportwagen entspricht oder die "Verarbeitungsqualität einfach katastrophal" ist, ist Schnurri Burri, das interessiert Design-Kenner und Lada-Fans nicht die Bohne. Dass es sich beim Lada 2170 nicht um ein Fahrzeug handelt, das den Stand der Technik präsentiert, ist keine Frage der Perspektive. Unabhängig davon ist die deutsche Hybris bezüglich ihrer Automobile ein großer Irrtum. Worum geht in einem Leben? Um das Auto zur Schwanzverlängerung oder vielleicht doch Liebe?

Und der Blick auf Lada hat auch eine historische Färbung, deren Hintergrund in den Geschehnissen der 90er liegt. Ungebildete Politiker des Westens, die nach dem Endsieg 1990 mit Russland umsprangen wie barbarische Eroberer, haben die Folie für eine vollkommene Abschätzigkeit gegenüber dem Osten in seiner Gesamtheit gelegt. "Es wird sich rächen, wenn wir nicht kapieren, wie zum Beispiel dieses Osteuropa funktioniert: dass man den Russen nicht einfach die Würde einer Großmacht wegnehmen und dafür eine Büchse Pepsi hinstellen kann", fasste Theatermogul Frank Castorf die Kohlschen Allüren und die seiner Hofschranzen zusammen. Alles aus dem Osten ist Müll, schlecht und unbrauchbar. Die automobile Übersetzung dieser Haltung ist zu billig, um sie näher zu erklären.

Der Importeur ist freilich in einem Punkt nicht ganz auf dem Laufenden: Während man mit dem Allrad-Klassiker Niva das Angebot weiterhin auf unnachahmliche Weise abrundet, wird mit Priora Coupe das originellste Modell der Baureihe den deutschen Fans vorenthalten. Wer den frühen Saab 900 liebte, hätte mit diesem Fahrzeug zumindest eine originelle Reminiszenz für die Produkte eines Herstellers, der nun offenbar endgültig in die Pleite gegangen ist. Die herrlichen Formen dieses Ladas lassen jedes überteuerte Coupe von westeuropäischen Massenherstellern wie die Arbeiten von Tölpeln aussehen.

 
Uwe Kreißig
 
 

 

Wir empfehlen:

www.lada-auto.ru
 
 
 

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