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Interview Mag

 
Kunst - Liebe - Tod

 

Eine Diskussionsrunde mit Ingrid Mössinger, Clauss Dietel und Michael Morgner

 

Es war die große Überraschung, die drei Granden ihres Fachs in Sachsen auf einen Abendtermin vereinen zu können, das gegenseitige Interesse, der gute Zweck und die unkonventionelle Thematik werden es möglich gemacht haben. Die Diskussionsrunde zu den untrennbar miteinander verbundenen Themenbereichen Kunst - Liebe - Tod mit Kunstsammlungschefin Ingrid Mössinger, Formgestalter Prof. Clauss Dietel und Maler Michael Morgner am 21. September 2011 führte die drei Gäste das erste Mal in dieser Konfiguration zusammen. Und es wurde die erhoffte Gesprächsrunde auf hohem Niveau, dennoch immer unterhaltsam und ohne Brüche.

Dass es mehr qualitativ hochwertige Arbeiten über den Tod als über die Liebe gibt, habe "mit der Klugheit der Menschen" zu tun, so Ingrid Mössinger. Der Tod sei schließlich ein wesentlich stabileres Ereignis als die Liebe. Man wisse ja, wie flatterhaft die Liebe sein könne, falls es sich überhaupt um eine echte handelt. Im Übrigen müsse man die niedrige Lebenserwartung im Mittelalter und in der frühen Neuzeit als eine Ursache für diese Ausrichtung sehen. Der Tod war ein ständiger Begleiter, mit dem man jederzeit in Berührung kam. Und Künstler, die sich existenziell mit dem Leben und damit mit dem Tod auseinandersetzen, arbeiten gegen die Zeit und wollen etwas über den Tod hinaus erschaffen. Einflussreich sei nicht zuletzt auch die Religionskultur des christlichen Abendlands gewesen, in dem das Leben als etwas kurzes, das Jenseits aber als das große Versprechen dargestellt wurde. Als wesentlich seien für diese Thematik eindringliche Darstellungen des "Totentanzes" zu sehen, die seit dem 15. Jahrhundert im Abendland Bedeutung erlangten. "Die Liebe kann einfach mit dem Tod nicht mithalten - in Bezug auf die bildende Kunst. Und es es ist ja auch gut, wenn man sich das gelegentlich bewusst macht", so die Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz.

Auch beim Gestalten von Formen spielten Fragen der Endlichkeit eine Rolle, "das denke ich schon", so Formgestalter Prof. Clauss Dietel. "Die Dinge sind zwar nicht wie die Bildwerke der zurückliegenden 2000 Jahre ikonographisch aufgeladen, aber zu allen Zeiten versuchte der Mensch Sachen zu machen, die über seine Zeit hinausweisen." Mit Pionierprodukten wie dem Barcelona-Sessel und dem Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe haben dann auch radikale Vertreter der Moderne bewiesen, wie unvergänglich moderne Formenentwürfe sein können.

"Ausblendung des Todes? Man würde ihn gern ausblenden. Manche Künstler sind in der Lage, dieses Problem zu gestalten, manche nicht. Wenn man's kann, wird es einem geschenkt", so Michael Morgner. Doch wer am Anfang nachdenke, wie er Künstler werden und etwas neues machen kann, der habe im Grunde schon verloren, so der Maler und Graphiker, der in Einsiedel am Stadtrand von Chemnitz lebt und arbeitet. "Ich kann nur von mir sprechen, aber ich habe mir in meinem Leben nie ein Thema gestellt, sondern das ist immer gewachsen - so wie Gras."

Wann entsteht dann die bessere Kunst? "Schmerz ist der größere Antrieb als die Freude oder das große Glück. Ich darf in diesem Zusammenhang auf Renoir verweisen, den wir gerade zeigen. Seine Gemälde gelten gemeinhin als sehr schön, aber diese hat er unter großen Schmerzen mit rheumatischen Händen gemalt", machte Ingrid Mössinger parallel Werbung für die laufende Renoir-Ausstellung in ihrem Hause. Die Balance, die Glück verschaffe, führe aus ihrer Sicht dazu, dass weniger Kunst entsteht. Denn Kunst fülle die Zwischenzone aus, die Sehnsucht nach einer unerreichbaren Vollkommenheit, in der Kunst, Schmerz und Tod ganz notwendig miteinander verbunden seien.

Eine Exposition allein über die Liebe, nein, darüber habe sie noch nicht nachgedacht. Picasso und die Frauen sei doch eine solche Ausstellung gewesen, warf Clauss Dietel ein, was die Museumschefin verneinte. "Das sah so aus, als ob es da um die Liebe ging, aber da ging es eher um die Frauen, um ihre Stärke und weniger um die Liebe…", konterte Mössinger cool.

 
 
Die Diskussionsrunde Kunst - Liebe - Tod im Chemnitzer Restaurant Flemming war wohl die niveauvollste Veranstaltung dieser Art seit langem in Chemnitz. Die Experten Ingrid Mössinger, Clauss Dietel (l.) und Michael Morgner zeigten sich bestens präpariert. Fotos (2): Merkel
 
 

"Die Neigung zum Kitsch des Menschen führt dazu, dass man das täglich ertragen muss", so Clauss Dietel. Unlängst hätte man in der ZEIT lesen können, dass "die Deutschen Kitsch fahren", bezogen auf die Wahl ihrer Fahrzeuge. Gerade durch die serielle Fertigung entständen Unmengen von Dingen, die nichts taugen, aber das Gefälle zwischen gut und schlecht habe es immer gegeben. Doch sind denn Formen des Designs etwas für Jahrzehnte oder können sie auch Jahrhunderte überleben? Dietel: "Zu Hause sitzen wir auf Stühlen, die sind 80 Jahre alt, es gibt ein paar Möbelstücke, die sind 150 oder 200 Jahre alt, wir sitzen an einem Tisch, an dem ich als kleiner Junge saß bei meiner Urgroßmutter und ich hoffe, dass wir den Tisch mal unseren Enkelkindern übereignen können."

"In der Konzeptkunst gibt es eine Menge Kitsch, in der sogenannten bildenden Kunst gibt es noch viel mehr Kitsch, weil die ja jeder kann…, es ist entscheidend, ob damit neue Wege eröffnet werden." Man müsse ja bei Konzeptkunst auch an Beuys denken: "Wer nicht denkt, fliegt raus - das ist doch ein wunderbarer Spruch", so Morgner. Mit der Quote von 97 % Scharlatanen und 3 % Guten in der Konzeptkunst müsse man sich aber abfinden, "das ist einfach so, und bei genauerer Überlegung wäre es schön, wenn es nur 97 % wären…, das sind schon ein paar mehr".

Ingrid Mössinger verteidigte dagegen die Konzeptkunst und bezweifelte die in die Runde geworfenen Zahlen. Es gebe auch den Anspruch von Künstlern, sich zurückzuwenden, und wenn Konzeptkunst als sehr progressiv gelte, habe sie dennoch ihre Wurzeln im Platonismus in der Renaissance, in dem die Realität und die Idee gegenübergestellt werde. "Manche Konzeptkünstler haben sich auf diese Ideen zurückbesonnen, um wieder mal reinen Tisch zu machen", so die Kunstexpertin.

Die totale Kommerzialisierung der Gesellschaft zeige Auswirkungen auf die Kunst, auch auf die geförderte, bedauerte Mössinger. Der einzige Maßstab der Bewertung seien eben die Besucherzahlen, und so würden bekannte, durchgesetzte Künstler am liebsten ausgestellt. Und hier spielten auch soziopsychologische Momente herein. Wer wirklich selbstständig denke, könne auch Einsamkeit aushalten und müsse folglich auch keine Massenereignisse besuchen. Durch Gruppenbildungsphänomene bilde sich der Markt um bestimmte Künstler heraus. "Es ist in der Kunst wie im Leben: Die Welt ist ungerecht."

 
 
Es war alles gut, ein schöner Abend, und Ingrid Mössinger, Clauss Dietel und Michael Morgner schienen hinterher zufrieden.
 
 

"Zur Gesellschaftsform des Kapitalismus gehört es nun mal, die Extreme - auch um des Geldes willen - auszureizen bis an die Grenzen. Für Kunst und Kultur ist diese Tatsache eine sehr ambivalente Sache", warf Clauss Dietel ein. "Bei den Käufern gibt es den Herdentrieb. Und die Leute kaufen mit den Ohren, wie mir eine Studentin unlängst in Salzburg sagte. Das war mir neu", so Morgner. "Wir haben ja jetzt - Gottseidank - eine Zeit, wo du für viel Geld absoluten Mist kaufen kannst, du kannst auch für viel Geld was Gutes kaufen. Noch vor kurzem warst du ja mit einem Verdammungsspruch eine nicht mehr existente Figur, das war zu machen. Und das geht jetzt nicht mehr.

"Inhalte kann man sich nicht suchen. Wenn ich arbeite, ist der Inhalt meine Person", so Morgner zu seiner Arbeitsweise. Aber wenn er wüsste, wie er in die Villen von Miami Beach oder Long Island an die Wand käme, würde er das schon nutzen. In dieser Hinsicht kam ein schneller Trost von Ingrid Mössinger, die erzählte, dass sie in New York ins deutsche Konsulat - gleich gegenüber der UNO - kam, und dort ein großer Morgner hing: "Also haben sie es viel besser als in den Villen."

Eine desillusionierende Sicht auf die Kunst der Gegenwart lehnt Mössinger ab, auch Rousseaus Einschätzung, dass durch Kunst und Wissenschaft nichts bewirkt wurde, nur Schaden sei angerichtet worden. "Da irrt Rousseau. Es gibt nichts wirkungsmächtiges als Kunst und all die Ideen, die damit verbunden sind." In der Wissenschaft habe es viele Irrtümer gegeben, auch von den Größen, aber das einzige Feld, wo sich der Mensch nicht geirrt habe, ist die Kunst. "Sie irren sich nur in der sprachlichen Artikulation, weil diese viel zu ungenau ist, aber die Kunst ist in der Lage, alle unaussprechbaren Empfindungen und visuellen Phänomene zu formulieren. Das sei im Übrigen auch der Grund, warum bildende Künstler nicht in der Lage, ihr Werk zu erklären und auch keine brillanten Conferenciers sind." Es gebe viele Gründe, um allergrößte Achtung vor den Künstlern zu pflegen, die viele Lebensrisiken wie die fehlende Alterssicherung tragen, es seien Unternehmer ohne doppeltes Netz und ohne Produkt im eigentlichen Sinn. "Das Museum ist auch deshalb wichtig, weil es ein kleiner Schutzraum für Künstler ist. Ohne Künstler wäre die Welt einfach tot", meint Mössinger ohne Zweifel.

"Im Nachhinein versucht man ein bisschen was zu erklären, aber warum was zu welchen Zeiten gerade entstand, das ist nicht mit den oft nur dürren Worten von Kunstwissenschaft und Kunstgeschichte zu verdeutlichen", äußerte sich Clauss Dietel skeptisch über diese Bereiche. "Ich habe nie etwas von den ganzen Konstruktionen und Theorien gehalten - diese haben nämlich zu keiner Zeit funktioniert. Kunst ist eine andere Form von Erkenntnis." Künstlerische Entdeckungen seien nicht ersetzbar durch Entdeckungen der Wissenschaft, und umgekehrt gelte das gleiche. Dietel: "Mit Kunst begann vieles, und ohne Kunst ist selbst im High-Tech-Zeitalter nichts zu machen."

Der Niedergang der Kritik im Feuilleton lasse sich schon aus ihren peinlichen Fehlern ablesen. "Der ehemalige FAZ-Redakteur Eduard Beaucamp lobt den Kemberger Altar im Würzburger Dommuseum und schreibt ihn dem ,Chemnitzer Abstrakten Wilhelm Morgner' zu, ein Fehler, der sich auch gleich mal in der ZEIT findet…" Morgner bringt die Geschichte mit dem gebührenden Spott ins amüsierte Auditorium: "Der berühmte Kunstkritiker Beaucamp, der ja über alles reden kann, hatte übrigens noch 14 Tage vorher mit mir zusammen gesessen." Das sei das klassische Beispiel, wie heute vieles gemacht werde. "Wenn man schon einmal in seinem Leben in der ZEIT vorkommt und dann als Wilhelm Morgner, das ist hart", brachte Morgner mit einem kalten Lächeln.

Intelligenzfeindlichkeit und Proletkult seien in der Kunst schon ein Problem, wie auch die unkritische Huldigung des Autodidakten in regionalen Medien, auch hier im Chemnitzer Raum, so Clauss Dietel. Jeder Künstler müsse ein eigenes Umfeld erobern, indem man seine Kunst verteidigen könne. "Ein Angriff aus der Kritik ist da oft auch sehr existenziell", so Ingrid Mössinger zur Kritikfeindlichkeit von Künstlern, wenn es sie selbst betrifft.

Die wirkliche Bedeutung des Künstlers sei ungewiss, Künstler als Ratgeber und Kontrahenten spielen eher keine Rolle. Morgner bedauert im Nachhinein, dass man sich zu DDR-Zeiten "mit solchen Zwergen gestritten hat, das ist das Schlimme. Die Großen haben sich mit dem Papst gestritten, das hat noch etwas Stil. Wir haben uns leider viel Zeit unseres Lebens im Konflikt mit wirklichen Nullen verbrannt, aber ich hoffe, dass es mir nicht so sehr geschadet hat."

Für den Bedeutungsverlust der Kultur im täglichen Diskurs machte Morgner den Bürger selbst verantwortlich. Heute sei vieles straffrei - mit der Minigalerie Clara Mosch in Adelsberg "haben wir es noch geschafft, zum Militärspion zu werden, das war eine Heraushebung, die man nie wieder im Leben erreicht", so Morgner mit der ihm eigenen Ironie. "Ich muss immer lachen, wenn es heißt, das Theater kriegt etwas gestrichen, und dann rennen die Leute plötzlich auf den Theaterplatz und plärren rum. Die brauchen nur reinzugehen, das ist das Entscheidende."

Uwe Kreißig

 
 

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