Reconnaissance
Interview Mag

 
Man muss dünn sein

 

Die alternative Rezension zum Kommunikationskongress 2010 in der Kongresshalle Berlin*

 
 

Für die PR-Branche bestehen alle Chancen, ein Beruf mit einem Frauenanteil vergleichbar jener der Hebamme zu werden. Die Kongresshalle, die heute als "Berliner Congress Center" firmiert und zweifellos eine der wenigen DDR-Bauten in Ostberlin ist, der innen wie außen etwas taugt, wird an diesem sonnig eingeleiteten Donnerstag von hektischen Frauen zwischen 28 und 54 in dunkelblau-schwarzen Businessanzügen mit Hose oder engem Rock dominiert, die hektisch zum Anmeldetresen und dann zur Cafébar drängeln, um schnell noch einen Gratisespresso abzuschöpfen, bevor sie sich über die neuesten "Kommunikationsstrategien" informieren lassen.

Hinter den Bartresen stehen ihre etwas jüngeren Pendants, vermutlich eingestylte Studentinnen, die ihnen in ein paar Jahren den Job wegnehmen wollen und hinter deren mäßig gespielter Freundlichkeit die Anschauung ersichtlich ist, dass sie in dieser Frage kein sonderlich großes Problem der Moral sehen. Sie haben in ihrer Ausbildung bereits gelernt, dass bei Anstellungen Qualifikation und Wissen mitunter die letzten Kriterien sind, um "den Job" zu bekommen. Und wenn es eben gar nicht anders ginge, würde man aufs Äußerste gehen, eben so wie ihre Vorgängerinnen das einst gemacht haben. Die Frische des Körpers zählt, niemals die der Gedanken.

 
 
Joachim Hunold erzählt die Geschichte seiner Air Berlin als Keynote-Speaker 2. Er hat dies bestimmt 30, 40 oder gar 100 Mal getan. Na ja, es gibt viel schlechtere Geschichten aus der Welt der Wirtschaft. Auf jeden Fall sitzt die Frisur.
 
 

Der Beobachter sieht sich im Foyer um. Was macht die Kommunikationsfrau der Gegenwart aus? Nun, man muss offenbar dünn sein und möglichst eine blonde Einfärbung des Haupthaars haben. Aber in erster Linie zählt dünn sein, so dass mancher weibliche Kommunikationsklon die Entscheidung getroffen hat, konsequent sein Untergewicht auf ein gerade noch vertretbares Maß abzusenken. Weniger Masse als Darwinsche Gegenwartsauslese: abgemagert gleich intelligent gleich erfolgreich, das ist die Branchenformel 1. Nur der amerikanische Trend, sich die Brüste vergrößern zu lassen, scheint noch eine untergeordnete Rolle zu spielen.

Bei manchen Teilnehmerinnen schlägt selbst die Hose in Größe 34 noch Falten. "Fettärsche", wie ein früherer Chef des Autors über die Masse seiner weiblichen Angestellten urteilte, haben in der Digitalpressesprecherwelt offenbar keine Karrierechance mehr. Ohnehin gilt, dass in dieser Schaumschlägerbranche Wissen und Kenntnisse nur noch dann zählen, wenn schließlich einer am Ende die normale Arbeit erledigen muss. Und eines ist auch kein Geheimnis: Die Männer hecheln beim Schlanksein hinterher.

 
 
Prof. Dr. Jo Groebel (l.) ist in seinem Element: Er kann vor anderen reden. Hajo Schuhmacher guckt leicht genervt. Man kann ihn gut verstehen.
 
 

Sonst fällt auf, dass in der Kongresshalle - ein Entwurf vom DDR-Architekturfürsten Hermann Henselmann, der einst auch für die Bauten der Stalin-Allee verantwortlich zeichnete und sich zehn Jahre später an dieser Stelle noch einmal neu erfand - in diesem Augenblick die größte Dichte an "Blackberries" und "iPhones" in der Bundesrepublik herrscht. Zwischen jedem Schluck Espresso sieht man hektisch auf das Display. Ist meine minütliche Mail endlich im Postfach? Will der Chef wieder etwas Blödes, das keinen Aufschub duldet und mir meinen fluffigen Berlin-Tag versaut? Werde ich überhaupt noch gebraucht? Wäre es denkbar, dass man zwei Tage in der Ferne verweilt und ausgerechnet dann eine bahnbrechende Entscheidung der Chefetage verkündet werden muss? Und wird dann meine Abteilungskonkurrentin respektive der Stellvertreter zum großen Vorsitzenden zur Audienz gerufen? Da will man lieber gar nicht darüber nachdenken.

Hemdsärmlich wie gewohnt plaudert Joachim Hunold in der "Keynote 2" die Geschichte seiner Air Berlin herunter. Der Luftlinien-Chef hat diese Geschichte bestimmt 1000 Mal erzählt, in allen Variationen, leicht angepasst für Aviatik-Journalisten, das Volk oder den SPIEGEL. Den Kommunikatoren gibt er unverdrossen die gestreckte Volksvariante, und die ist begrenzt launisch, wenn man sie zum ersten Mal vernommen hat. Nur den Punkt, warum er am liebsten ehemaliger Friseusen als Stewardessen einstellt, verkneift er sich dann doch. Einmal hat er es so ausgedrückt: Die Friseusen wöllten raus aus ihren prekären Jobverhältnissen, und dann verlange er, dass sie auch freundlich zum Fluggast seien.

 
 
Die September-Sonne ist am ersten Kongresstag so dicht am Himmel von Berlin, dass nicht wenige Kommunikatoren bald das schnöde Programm in der Kongresshalle verlassen und Recherchestudien vor Ort in Berlin betreiben.
 
 

Am "Catering" will man nicht meckern: Beinahe hervorragend ist die Verpflegung beim "Kommunikationskongress 2010", optisch flirrt es wie in einer Folge von Rademanns Traumschiff. Ohne Unterlass schwenken Hostessen um die Foyertische. Sie offerieren Häppchen und Antipasti, die man im Grill Royal schlechter bekommt. In der Mittagspause biegen sich die Tische unter den Warmhaltebehältern, zum Kaffee gibt es dann Kuchen und Petit Fours.

Überhaupt erscheint die Aufmerksamkeit in den Pausen größer, zumindest was die Beobachtung des weiblichen Geschlechts durch die männlichen Macher betrifft: Die typischen Provinzgockel, die am Vorabend in der "Ständigen Vertretung" oder in einer der anderen blöden Touristenkneipen in Mitte den strammen Max abgegeben haben, überprüfen schon mal visuell oder verbal, bei welcher Braatz man am Abend zum Galaabend im Friedrichstadtpalast rantauchen könnte, falls sich die Gelegenheit ergibt. Fünf Minuten in die Nähe einer Schönen stellen, erbringt eine Sammlung von superdämlichen Anmachsprüchen, die man von "Kommunikationsexperten" besser hätte erwarten dürfen. Doch wie heißt es so schön: Der Schuster hat die schlechtesten Sohlen.

 
 
Prof. Dr. Gerd Gigerenzer ist Direktor am Center for Adaptive Behavior and Cognition, Max Planck Institute for Human Development und brachte die "3. Keynote" unters Kommunikatorenvolk. Und so wie sein Institut klingt, war auch seine Rede: langweilig, voller Anglizismen und schlechter Vergleiche. Aber angekündigt wurde er als "einer der international meistzitierten Philosophen Deutschlands" - wer hätte das gedacht? Wird denn Peter Sloterdijk im Ausland überhaupt nicht gelesen? Sonst berichtete Prof. Gigerenzer noch, dass er viele Freunde habe, die Ökonomen sind. Das stellt man sich sehr prickelnd vor.
 
 

Jo Groebel, bis 2009 bekannt aus jeder zweiten BUNTE-Ausgabe, wo er der Einfachheit halber meist als "Medienexperte" firmierte, moderiert dann die Gesprächsrunde "Krisenkommunikation im Web 2.0". Unvergessen seine eigene Krisenkommunikation, als das Web 1.0 noch auf Analogleitungen lief. Damals hatte er seiner Lebensgefährtin Heike Maurer (sehr schlank) über Handy mitgeteilt, dass es bei ihm am Abend spät werden würde - er könne leider nicht mehr kommen. Dann gab er seiner Geliebten durch, dass sie schon mal die Pizza bestellen könne - nur leider war wieder die Lottozahlenansagerin Maurer in der Leitung, die diese Wahnsinnsstory dann sogar in Buchform vermarktete, so sehr schmerzte es ihr.

Dieser kleine Lebensfauxpax ficht einen Jo Groebel aber nicht an, zumal er seit kurzem als Direktor des "Deutschen Digital Instituts" eine neue Postenheimat gefunden hat, seitdem sein ehemaliges "Europäisches Medieninstitut" in Dortmund nicht mehr vom Land NRW finanziell durchgeschleppt wird. Bevor Groebel zu Wort kommt, muss auch er einen unsäglichen Vortrag einer "Research Managerin" von SevenOne Media anhören, wobei ihm in erprobter Weise das Lächeln nicht gefriert.

 
 
 
Abstimmung und Fußballspielen mittels SwarmWorks beim Kommunikationskongress 2010. Man glaubt, man ist in der großen Gruppe im Kindergarten.
 
 

Jeder im Saal, der noch denken kann, fragt sich, was Frau Hammen da eigentlich für eine "Forschung" betreibt. Ihre Tortendiagramme mit diversen Ergebnissen dieser Wissenschaft sind so entzückend wie die Erinnerungen von Lothar de Maizière. Man hört zumindest heraus, dass die Vermarktungsforscher von Pro7 und SAT1 herausgefunden haben, dass das Internet inzwischen eine größere Rolle spielt und noch spielen werde. Da ist man überrascht, auch Jo Groebel. Oder ahnte er schon was? Inzwischen wissen wir aus der Fachzeitschrift in - Das STAR & STYLE Magazin, Ausgabe 50/2010, was er für ein knallharter Analysator ist. Dort äußert sich Groebel allen Ernstes in einem Interview - vermutlich über das Handy kurz vor dem Einchecken am Flughafen erledigt - über die Schwangerschaft von Deutschlands Superknallette Verona Feldbusch und ihrem Status als "Werbeikone". Bester Interview-Satz: "Durch die Schwangerschaft ,menschelt' sie wieder." Das kann man nicht besser rausdrücken.

Die bei Kongressen dieser Bauart gepflegte Mini-Talkrunde, von Jo Groebel immer wieder gekonnt aus der Todesstarre erweckt, kommt nun allmählich in Gang. Jeder ist bei diesen Quatschsesselreigen genau dreimal dran. Die Abgesandten von Telekom (Philipp Schindler) und Google (Kay Oberbeck) bringen die üblichen Allgemeinplätze und drehen ein paar klassische Argumentationsplatzhirschpirouetten. Auch Frau Hammen räumt Herr Groebel noch einmal Sendezeit ein, ihn stört das nicht. Die launigsten Anmerkungen kommen dann von Ex-SPIEGEL-Journalist Hajo Schumacher, der aus unerfindlichen Gründen diese journalistische Pensionsherberge vor Erreichen des Rentenalters verlassen hat. "Mühe ist bei Journalisten nicht so angesagt", bemerkt er kalt lächelnd, eine Tatsache, wenn man den Output und Stilsicherheit vieler Festangestellter im Zeitungs- und Zeitschriftengewerbe mal etwas genauer betrachtet. Da ist nicht viel an Menge und noch weniger an Stil, und das ist genau das Problem, warum Print immer weniger funktionieren wird, vor allem dann, wenn sich Qualität gelegentlich gratis im Internet findet.

 

 
 
Er verteidigt deutsche und europäische Prominente vor den üblen Haien der Boulevard- und Regenbogenpresse: Medienanwalt Prof. Dr. Matthias Prinz. Auf dem "Kommunikationskongress" wurde er gleich mal zu seiner damals brandaktuellen Mandantschaft David Beckham angesprochen. Aber Geschichte gemacht hat er mit dem sogenannten "Caroline-Urteil", in dessen Folge die Posing-Prominenz nun endlich wieder angemessen vor den Schmierfinken geschützt wird.
 
 

Im Übrigen möchte man Schumacher beipflichten, wenn er die Herdenmentalität von Deutschlands Journalisten an den Pranger stellt. Jeder schreibe über den gleichen Unsinn, man müsse es aber nicht reflektieren, wenn Victoria Beckham der BH verrutsche oder ein belangloser Minister Unsinn rede. "Journalisten sollten auch mal Dinge ignorieren, wenn sie Müll sind", so der Jogger, der seine Branche in der Identitätskrise sieht: "Journalisten leider darunter, dass sie die Deutung der Informationen verloren haben." Seine Distanz zum Handwerk macht Spaß, auch wenn es letztlich Beobachtungen sind, die jeder Beteiligte selbst machen kann, wenn er denn will. Aber will man das eigentlich? Später wird Bodo Hombach von der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung in der Diskussion "Die Vierte Gewalt am Scheideweg: Zukunft der Medien" zusammenfassen: "Mächtige Politiker, zumal balkanesische, fürchten nicht das Gesetz oder die Regeln. Sie fürchten, dass es rauskommt." Hombach war ja auch mal ein paar Jahre Politiker und unter Gerti sogar Chef des Bundeskanzleramtes. Er muss es wissen.

"Das Journalistendasein ist kein Berufsstand, für den man irgendwas könnten müsste", stänkert Schumacher unverdrossen weiter und legt obenauf, dass man sich vielleicht auch etwas in Richtung der Leser begeben sollte, "gerade in Zeiten, wo jedes Abo so viel Wert ist wie Gold". Hajo S. gibt dann noch einen weiteren Goldtip an die PR-Haie aus seinem Schatzkästlein der Presserealität: "Verschicken Sie nicht mehr diese Massenmails, in denen steht, was ich im Augenblick gut finden soll, liken soll. Schreiben Sie mir einfach wieder mal einen schönen Brief."

 
 
 
Wer hätte das gedacht: Schlagfertig selbst zum eloquenten und leicht unverschämten Hajo Schumacher und auch noch schlank nach der erfolgreichen Schwangerschaft, letzteres würde sicher die "Cosmo" festhalten: Sandra Maischberger hat das Talk-Gemetzel der ARD bislang weitestgehend unbeschadet überlebt.
 
 

Manche Teilnehmer schreiben dann nicht mal mehr Mails auf ihren "iPhones". Sie schenken sich dann auch um 12 Uhr mittags schon die "Programmslots" und begeben sich lieber in die wärmende Frühherbstsonne. Sie ahnen wohl, dass sie auf dem "Kommunikationskongress 2010" für ihren Job nichts mehr lernen werden. Morgen landen sie sowieso wieder in der Realität.

Deutschlands PR-Probleme scheinen auch nicht mehr das zu sein, was sie mal waren. Am Nachmittag des ersten Tages so gegen 16 Uhr sind die Besucherreihen so sehr gelichtet, dass man sich Sorgen macht. Aber sind denn Themen wie "Media Reliation nach dem Trust Meltdown", "Vorsicht Kamera", "Multikulturelle Kommunikation" oder "Die Rolle des Kommunikationschefs als Business Partner" für die Spezialisten auf einmal völlig uninteressant? Oder muss man für die Abendparty im Hotel vorschlafen?

 
 
Wo gibt es diesen Anzug? Im Kostümverleih der ARD? Ansonsten wirkte Volker Herres ziemlich up do date, eine Eigenschaft, die man ARD-Managern heutzutage eher selten zuschreibt.
 
 

Am Abend wird zum Empfang in den Friedrichstadtpalast zur Kongressparty eingeladen. Erichs piefige Vorstellung von einem Variete-Palast verströmt noch immer den Charmebegriff eines Zentralkomitees, das von der Welt außer Ostblock-Architekturfolklore nichts gesehen hat. Besonders schrecklich schön sind die in die Billigbetonfassade eingelassenen farbigen Pressglaselemente, die man seinerzeit im sozialistischen Handel auch als Türgriffe und Vasen kaufen konnte. Einige Kommunikationsmänner haben sich richtig rausgeputzt, und ein paar Frauen tragen ein Styling vor, als würden sie das der Sache schuldig sein. Aber das meiste wirkt etwas vergeblich. Immerhin spielt heute die RIAS-Bigband, die nichts mehr mit dem "Rundfunk im amerikanischen Sektor" zu tun hat, sondern eine "Muckegeschichte" der Berliner Philharmoniker ist.

Honorar-Moderator Jörg Thadeusz macht seine Sache gar nicht so schlecht. Sein bester Witz vor 1500 Pressesprechern ist, dass ja bekanntlich nicht alles wahr sei, was in Presseerklärungen stehe. Und irgendwie gibt es an dieser Stelle kein richtiges Lachen, es wirkt zumindest sehr dezent. Richard Gaul, früherer PR-Chef von BMW, übergibt dann noch irgendeinen Preis. Suchend sieht sich der ergraute Pensionär um, ob ihn noch jemand erkennt, aber niemand will das. Diese Branche löscht Namen aus ihrem Gedächtnis wie man eine unliebsame Mail aus dem Outlook entfernt.

Sonst geht alles schnell über die Bühne, denn schließlich soll die Party starten, aber es ist eher eine Party des Grauens. Alles hofft, dass noch irgendwas passiert, aber genau dann passiert eben nichts in dieser Tristesse Ostberlin. Man sucht händeringend einen Zielpunkt zwischen Billigsekt und Häppchen, die schlechter sind als am Tage in der Kongresshalle, und landet im Sog der anderen Suchenden in den seitlichen Treppenhäusern. Dort haben Freunde des Hauses fast schon verschämt eine kleine Fotoausstellung plaziert. Und sieh an: Der alte Friedrichstadtpalast scheint eine architektonische Perle gewesen sein, die zunächst die Nationalsozialisten um ihre coolen expressionistischen Elemente rupften ("entartet", was sonst), bis man zu DDR-Zeiten das Gebäude mit ordentlichen Kriegsschäden inklusive endgültig herunterkommen und im Spreesumpf versinken ließ. Aber man staunt beim Studium der S/W-Fotos im Treppenhausschacht über die Künstlerliste des alten Palasts: Louis Armstrong, Josephine Baker, Gilbert Becaud, Ella Fitzgerald, Juilette Greco, Udo Jürgens (1967) oder Dean Reed waren dort nach 1945 präsent.

 
 
Ja, liebe Ines Pohl, sehen Sie noch mal richtig in unsere NIKON: Bei der TAZ ist man eben auch nicht mehr so medienscheu, wie man es vielleicht mal war. Man sollte ja dagegen sein, zumindest gegen das Presseestablishment. Obwohl: Medienscheu und Medienarbeiter, das geht ja dann wohl doch nicht.
 
 

Am Freitagnachmittag lädt dann unser Hajo Schumacher, den wir inzwischen sehr schätzen, zum Showdown. Alle wollen an sich nach Hause. Die Reihen haben sich schon gelichtet, aber ein paar Kommunikatoren harren noch aus, Promis ziehen immer: Sie wollen sicher den smarten ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo sehen. Wieso der die angealterte Boulevard-Schnepfe Sabrina Staubitz nehmen konnte, hechelt meine blond gefärbte Sitznachbarin (Größe 34) zu ihrer Größe 34 (Haarfarbe Haselnuss mit dünnen Blondstränchen) neben ihr.

Doch ausgerechnet Herr di Lorenzo fehlt dann. Moderator Hajo Schumacher, der wiederum seine niveauvolle Ironie pflegt, die man einem ehemaligen SPIEGEL-Redakteur eben gerade nicht zutraut, meint aber beschwichtigend , dass er wirklich eine gute Entschuldigung habe. Ein paar Kommunikatoren rätseln. Was könnte das sein? Das zweite Kind, die heimliche Hochzeit, ein noch besserer Job, ein neues Buch mit Helmut Schmidt? Dagegen habe ex-SPIEGEL-Feuilletonrambo Matthias Mattusek eine schlechte Entschuldigung gehabt. Dreht Mattusek gerade wieder eines seiner Billig-Poservideos?

 
 
Hajo Schumacher hat Unterhaltungswert und ist dennoch souverän. Traut man einem ehemaligen SPIEGEL-Mann niemals zu. Aber wir wollen ihn nicht zu viel loben. Fotos (10): Kreißig
 
 

Das Gespräch um die Medienhöhepunkte des Jahres 2010 dreht sich dann um sich selbst, also um den Branchenboulevard. Schumacher fragt Sandra Maischberger, warum sie immer so viele alte Männer in ihre Sendung einlädt. "Es ist schön, wenn da jemand mit ein bisschen mehr Horizont sitzt", meint sie lapidar. Possierlich ihr Kommentar zur Kachelmann-Affaire und über die ausgebreitete Sexualität des Wetterfachmanns, der in seiner früheren Talkshow "Riverboat" Gegenfragen nach seinem Privatleben so harsch abbügelte, dass manche schon vermuteten, dass er gar schwul sein könnte. Was für ein Irrtum. "Ich fand es deprimierend, dass er nach dem Sex fernsieht", so Maischberger. Auch möchte sie in ihrer Süddeutschen nichts von Kachelmanns Frauen ("Lausemädchen") lesen, womit sie an die extrem unappetitliche Geschichte des SZ-Magazins erinnerte, bei der man angebliche Ex-Geliebte aufgespürt hatte, die aus Kachelmanns Züchtigungsbettkästchen geplaudert hatten - auf peinlichste Weise, das liegt in der Natur der Sache.

ARD-Programmchef Volker Herres, der keineswegs so senil ist wie das Programm seines Senders -keine sonderlich falsche Einschätzung, wenn man die ARD-Zeit von 8 bis 22 Uhr in Betracht zieht -bekommt Schumachers Frage ab, wieso faktisch jeden Tag die "Talk-Show" seinen Sender dominiere. Herres: "Haben Sie Lust?" Schumacher johlt auf: "Haben Sie es gehört?" schreit er in Richtung Publikum, und man ist sich sicher, dass er sofort unterschreiben würde, wenn Herres jetzt das Papier aus dem Streifensacko ziehen würden.

Hajo Schumacher, der bekannt zu sein scheint für leicht unkonventionelle Schlussworte, schickt dann Deutschlands PR-Spezialisten - das heißt jene 30 Prozent, die noch nicht wieder im "Flieger" oder im ICE sitzen, knapp nach Hause: "Hören Sie wieder mal auf Oma und vor allem reden Sie mal wieder mit ihr."

Uwe Kreißig

 
 
* Aus rechtlichen Gründen weisen wir vorsorglich darauf hin, dass es sich bei diesem Text um eine Satire handelt.
 

© 2010 Interview Mag Uwe Kreißig