Reconnaissance
Interview Mag

 
Zu exzessiv, zu groß, zu vergessen

 

Für viele war er zeitweise der Größte - Ein Nachruf auf Klaus Hähner-Springmühl

 

Als nach der Wende die durchaus nicht uninteressante Frage nach der einflussreichsten Persönlichkeit als Hintergrund für die ungewöhnlich progressive Entwicklung der Karl-Marx-Städter Kunstszene durchgespielt wurde, meldeten sich viele Kandidaten. Die Granden einigten sich schließlich auf Carlfriedrich Claus - ein höchst unwahrscheinlicher Kandidat, der ohnehin kein Interesse an diesem Titel zeigte. Ein zweiter Name wurde nur hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen, obwohl seine überregionale Bedeutung hinter der von Claus zeitweise nicht zurückstand: Klaus Hähner-Springmühl. Der gebürtige Zwickauer, Jahrgang 1950, starb, wie erst zwei Wochen später offiziell bekannt wurde, am 15. Juli 2006 in Leipzig an einem Herz-Kreislauf-Versagen.

 
 
Klaus Hähner-Springmühl, 1996.
 
 

Nach Maurer-Lehre mit Abitur und einem spät abgebrochenen Ingenieurstudium arbeitet Hähner-Springmühl in den 70ern zunächst in "kollektiven Arbeitsformen". Wesentlich ist die Begegnung mit A. R. Penck. Dieser hockt, komplett unverstanden, in der akademisierten Kunststadt Dresden mit ihren schlauen Professoren, wird später dort von der Stasi ausgeraubt und startet wenige Jahre darauf im Westen eine Weltkarriere. Seit 1972 ist Klaus Hähner-Springmühl dagegen in Karl-Marx-Stadt, damals auf dem Weg zur offensten DDR-Stadt in Sachen bildender Kunst. Hier kann er machen, was er will. Es kommt, wie es kommen muss: Schon die Eröffnung einer seiner ersten Ausstellungen vor Ort im Klub der Intelligenz mündet in einen veritablen Skandal.

Der souveräne Stil seiner Arbeiten wird in den Folgejahren sparsam weiterentwickelt: exzellente, reduzierte Zeichnungen, die mitunter an den unverbrauchten Penck erinnern, expressive Bilder und ein riesiges Konvolut der für ihn typischen Fotoübermalungen. Klaus Hähner-Springmühl findet bald viele Wegbegleiter, die engsten bleiben bis zur Wende seine damalige Frau Gitte Hähner-Springmühl und Frank Raßbach, mit denen er als "Kartoffelschälmaschine" der ungekrönte Musik-Performance-König des Ostens wird. Seine Ausstrahlung auf die junge, unangepasste Kunstszene von Chemnitz ist den Jahren des endgültigen DDR-Niedergangs enorm. Personalien wie Wolfram-Adalbert Scheffler, aber auch spätere Aufsteiger wie die Nicolai-Brüder oder Olaf Rauh, die seine Kunst sehr genau beobachten, sind ohne ihn schwer denkbar.

 
 
Klaus Hähner-Springmühl, 1997 auf der Vernissage seiner Ausstellung Der Ausflug (Im Namen der Jungfrau) in der Galerie ARTCO, Leipzig. Fotos (2): Kreißig
 
 

Bis zur Wende erlebt er einen schier unaufhaltsamen Aufstieg, untypisch für Aussteiger wie ihn. Hähner-Springmühl ist dabei unkalkuliert hochkommerziell, wobei ihm von den Einnahmen damals wie auch später vermutlich das wenigste zugute kommt. Wie vielen wirklichen Fanatiker der Kunst bleibt ihm das Geschäftliche fremd, den möglichen Ankauf durch staatliche Stellen lehnt er ab, er will sich nicht korrumpieren lassen. Dafür ist er ein sympathischer Frauenheld, kann exzessiv und alternativ leben wie er will, auch gern im Abrisshaus. Seine damalige Berühmtheit - heute nur noch schwer vorstellbar - ist eine Tatsache. Als verbürgt gilt, dass Leo Castelli - New Yorker Galerist von Warhol, Rauschenberg, Rosenquist und Stella - in einer Budapester Abendrunde in den 80ern auf Nachfrage Hähner-Springmühl als einzigen DDR-Künstler der Branche von Relevanz benennt.

 
 
Letzter öffentlicher Auftritt von Klaus Hähner-Springmühl (2. v. l.), 2005 in der Galerie grounded in Chemnitz. Auf dem Foto mit Thomas Merkel, seinem Bruder Friedrich Hähner-Springmühl und Uwe Bullmann (v. l.). Foto: Klaus Hammer
 
 
Es ist seine Zeit. 1985 erscheint mit Kommentar ein gemeinsames Buch mit dem Superegozentriker Heiner Müller. 1988 stellt Hähner-Springmühl bei Gerd Harry Lybke im Leipziger Galerieprojekt EIGEN + ART aus, das bereits ersten Kultstatus erlangt hat. Zur Vernissage lässt er sich von einem westdeutschen Kunstfreund im Mercedes vorfahren, Klaus Werner, informeller Star der Kunstwissenschaft, hält die Laudatio, die abschließende Performance in bester Beuys-Manier ruft die Stasi auf den Plan, es wird wohl viel verkauft. Sein Zenit ist mit dieser Ausstellung unter dem Titel "Baugrube II" erreicht. Zwei Jahre später versucht ihn Lybke freundlichst in seine neuformierte Galeriekünstlermannschaft zu lotsen, Hähner-Springmühl lehnt in Verkennung der völlig veränderten Situation ab. Jetzt regiert allein der Markt. Dessen windschiefe Gesetze werden von einer überschaubaren Kunst-Oligarchie bestimmt, die nach Möglichkeit Domestiken lanciert oder gar kreiert, weil das die eigenen Geschäfte bequem macht und die der anderen erschwert. Für solche Spielchen, die mit Kunst erst einmal wenig zu tun haben, hält er sich für unzuständig.
 
 

Klaus Hähner-Springmühl
o. T.
40x30 cm
Zeichnung auf Karton
1994
Privatsammlung

 
 

Die Zeit nach 1990 stellt sich für ihn wie für viele DDR-Stars als ein formaler Abstieg dar, zumal er sich möglichen nostalgischen Perspektiven verwehrt und erst recht nicht bereit ist, die "Stasi-Verfolgtenfahrkarte", die bei ihm prall und gehaltvoll ist, kommerziell auszuwerten. Aufgegeben von seiner Chemnitzer Stammgalerie und weitgehend gemieden von vielen einstigen Begleitern ist ihm in der zweiten Hälfte der 90er nur noch eine Art Tingeltangel gewährt, das er zunehmend teilnahmslos verfolgt.

 
 
Klaus Hähner-Springmühl
"Unterm Kreuz (Eisen)"
103x73 cm
Acryl auf Karton
1987
Privatsammlung
 
 

Seine letzten Jahre lebt er vereinsamt, verarmt und gesundheitlich schwer angeschlagen in einer heruntergekommenen Leipziger Villa, wo ihm eine Gönnerin aus alten Zeiten ein karges wie abgeschirmtes Zimmerasyl gewährt. Er arbeitet nur noch für sich, es sind introvertierte, schwer einschätzbare Zeichnungen, meist mit Kuli gefertigt, die selbst Kennern im Grunde unverstanden bleiben. Seinen letzten öffentlichen Auftritt hat er zu einer retrospektiven Ausstellung in der Galerie grounded im Jahr 2005 in Chemnitz, in der auch wesentliche Arbeiten aus seiner stärksten Schaffensphase Ende der 80er zu sehen sind. Ein paar Wegbegleiter und alte Freunde schauen vorbei.

Vergessen war damals sein Ruhm, der Ruf der Legende eher noch eine Insidergeschichte. Mit seinem Tod setzt ein langsamer Prozess der Wiederentdeckung von Klaus Hähner-Springmühl ein. Es war höchste Zeit.

Uwe Kreißig

 
 
Weitere Informationen:

Galerie grounded: Klaus Hähner-Springmühl
Zu exzessiv, zu groß, zu vergessen
, in: Freie Presse, Kultur, 15/08/06
 

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