Reconnaissance
Interview Mag

 
Oben und unten

 

Jakob Augstein und Nikolaus Blome in der Villa Esche in Chemnitz

 

Jakob Augstein (l.) kommt im teuren Anzug, Nikolaus Blome (r.) im Set, allerdings mit „Orthese“ am rechten Bein, ein kleiner Unfall. Die Sakkos spannen bei beiden, die Schuhe sind ziemlich teuer. Es heißt „Oben und Unten: Abstieg, Armut und Ausländer – was Deutschland spaltet“ am Abend des 23. Septembers 2019 zum zweiten Mal in der Villa Esche in Chemnitz, die sich einst ein millionenschwerer Textilfabrikant auf einem Hügel am damaligen Stadtrand von Henry van de Velde errichten ließ. Heute ist der einstige Luxuswohnbau zum Museum, zur Tagungsstätte und zum Hochzeitshaus umgewidmet, in der beigebauten Remise arbeitet ein gehobenes Restaurant, darum ist ein schöner Park historisierend angelegt. Das Ensemble selbst ist wiederum von Plattenbauten, einer Straßenbahnlinie, hohen Bäumen und der überbreiten Parkstraße eingekesselt. Das nur für Nichtchemnitzer.

Nach ein paar Scheinprovokationen Augsteins geht es gleich los, die Blome gnädig kontern darf: „Das Religiöse an der Klimabewegung finde ich überhaupt nicht witzig… Gletscher schmelzen, deshalb muss nicht das Gehirn schmelzen.“ – „Sie haben offenbar noch nicht genug Angst“, sagt Augstein, um anzuschließen, dass die starke weibliche Prägung der Klimabewegung offenbar „Ihnen und Ihresgleichen aufstößt“. – „Verstehen Sie, was er sagt? Das Inbrünstige, das Quasireligiöse stößt mich an der Klimabewegung ab“, erwidert Blome, einer der 14 Mitglieder der Chefredaktion der BILD-Zeitung. Damit sind die Claims für den Abend im Groben abgesteckt. Und man sollte nicht vergessen: Diskutiert wird "oben in der Villa".

 
 
Jakob Augstein und Nikolaus Blome in der Villa Esche in Chemnitz. Foto: Kreißig
 
 

„Auch den Grünen fällt als Hauptsteuerungsmechanismus nur der Preis ein.“ Die Folge sei, dass sich für Reiche in der Klimafrage nichts ändere, erläutert der millionenschwere Linke Augstein, der auch die Wochenzeitung „Freitag“ herausgibt („Die Hälfte unserer Abonnenten sitzt im Osten.“). Nach der Migrationsfrage werde die Klimafrage zu einer neuen Spaltung Deutschlands führen, fürchtet Blome. Nun, Einwanderung brauche Deutschland nun mal, meint Augstein: „Es gibt kein Recht auf Verbleib in der Vergangenheit“, lautet eine seiner Begründungen. „Embrace change, für die Chemnitzer ,Umarme den Wandel‘“, fährt er noch auf. „Einwanderung in die Sozialsysteme brauchen wir sicher nicht“, verlängert Blome. „Sie können natürlich Globalisierung ohne Migration haben“, spricht Blome, wobei er hier an asiatische Staaten wie Japan, Singapur oder Südkorea denken mag, China gehört eigentlich auch dazu.

Selbstredend sind die Widersprüche in der ausverkauften Villa Esche Showbiz, der manchmal zu abgesprochen daherkommt. Man erinnert sich ein wenig an Gerhard Schröder und Jürgen Trittin Anfang der 90er Jahre in Hannover, als die sich öffentlich in bedeutungslosen Themen stritten und hinterher einen trinken ging, schließlich war man in einer gemeinsamen Landesregierung. Und Augstein und Blome machen gemeinsam auf Print. Das aktuelle Ergebnis ist ihr Buch „Oben und unten“, das sich im Anschluss eher mager verkaufen wird.Selbstredend sind die Widersprüche in der ausverkauften Villa Esche Showbiz, der manchmal zu abgesprochen daherkommt. Man erinnert sich ein wenig an Gerhard Schröder und Jürgen Trittin Anfang der 90er Jahre in Hannover, als die sich öffentlich in bedeutungslosen Themen stritten und hinterher einen trinken ging, schließlich war man in einer gemeinsamen Landesregierung. Und Augstein und Blome machen gemeinsam auf Print. Das aktuelle Ergebnis ist ihr Buch „Oben und unten“, das sich im Anschluss eher mager verkaufen wird.

 
In der Villa Esche schüttet Augstein jedenfalls sich und Blome mit dem Schwung eines französischen Kellners ununterbrochen Lichtenauer Markenmineralwasser nach; man fragt sich nach dem vierten Glas, was die Ursache dafür sein könnte. Dann schwenkt Augstein aus der Spur: „Die AfD ist im Kern so, wie die CDU Anfang der 80er Jahre war. Darin gebe ich Gauland recht. Dahin will der zurück.“ Dann kommt der springende Punkt: „Ich bin übrigens dafür, die AfD in die Regierung zu holen.“ Dieser Aspekt wird von Augstein nicht weiter ausgeführt, offenbar geht es darum, dass die AfD dann schnell mit ihrem Latein am Ende wäre. „Wenn ihr wollt, das alles so bleibt wie es ist, müsst ihr euch total verändern“, ist seine Anschlussaussage, die allerdings aus dem “Leopard” von Lampedusa geklaut ist. “Wenn wir wollen, daß alles bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, daß alles sich verändert“, heißt es im Original. Nun ja, für die Chemnitzer wird es reichen, mag er sich gedacht haben.

Blome äußert sich mehrfach überdeutlich gegen die AfD und ihre Wähler, auch wenn er kein Problem damit hat, wenn ehemalige Nichtwähler bei der Rückkehr an die Wahlurne der AfD ihre Stimme geben. Dann wisse man eben, dass sich etwas ändern muss. Also auch der „Leopard“. Augstein, der bemängelt, dass die Linke in strittigen Themen nicht mehr diskursfähig sei und damit „antipolitisch“ agiere, verteilt den Balsam an das zahlende Publikum (20 Euro pro Karte): „Die Leute im Osten wollen nicht die DDR zurück: Das ist nicht das Problem.“

Der durchaus vorhandene Unterhaltungswert sinkt stellenweise durch den minutengetakteten Gebrauch des Kitschwortes „spannend“, das bei sprachlich minderbegabten Zeitgenossen – was beide nun gerade nicht sind – gern im Übermaß eingesetzt wird. Angela Merkel ist dagegen nicht mehr „spannend“, auch wenn Blome glaubt, dass man schon kurz nach ihrem Abtritt „Plätze nach ihr benennen wird“, „in Chemnitz natürlich nicht“. In Berlin kursieren längst Gerüchte, dass Blome Berater von Frau Kramp-Karrenbauer werden könnte, vielleicht auch, um den wirtschaftlichen Proskriptionen von Springer-Chef Döpfner elegant zu entgehen, die dieser wiederum tätigen muss, um den neuen Krakeninvestor KKR zufrieden zu stellen. 14 Frauen und Männer in einer einzigen Chefredaktion hat noch keine Zeitung in der Milchstraße benötigt. Vielleicht träumt Blome auch nur von einem Dasein als alternder Politrocker. Da wäre er freilich nicht der erste Journalist.

Augstein dagegen glaubt, dass man Merkel vergessen wird. Und überhaupt: „Angela Merkel ist wirklich eine schlechte Kanzlerin und umso früher sie abtritt, umso besser für das Land.“

 
Uwe Kreißig
 

 

 
 
Kontakt / Impressum / Datenschutzerklärung
 
 
© 25/09/2019 Reconnaissance Interview Mag