Reconnaissance
Interview Mag

 
In memoriam Sigmund jähn

 

Der Mann, der niemals abhob – Eine Erinnerung an einen Auftritt von Sigmund Jähn im Jahr 2012 im Industriemuseum Chemnitz

 

Ein unscheinbarer älterer Herr, gekleidet in einem grauen Anzug, betrat das Magazin des Chemnitzer Industriemuseums. Es gab reichlich Beifall, der Herr drehte sich zum Auditorium, das in einer deutlichen Mehrheit über 60 Jahre alt war. Und der Beifall stieg noch einmal an. So richtig angenehm schien ihm das nicht zu sein. Gerade rechtzeitig fand er eine Ablenkung: Ein Assistent klemmte ihm umständlich ein Kopfbügelmikrofon an, und seine Optik erinnerte nun etwas an seine aktiven Zeiten als Pilot und Raumfahrer.

Der ältere Herr war kein anderer als Sigmund Jähn. Und am 26. August jenes Jahres waren genau 34 Jahre vergangen, dass er zum Flug in den Weltraum startete. Mit dieser Tat, doch nicht zuletzt auch mit seinen öffentlichen Auftritten, schlossen ihn die Ostdeutschen – völlig unabhängig aller damaligen medialen Windmachereien – ins Herz. Mit den Myriaden an Apparatschiks, die ihn die ersten Jahre nach seinem Raumflug umschwirrten, hatte er nichts zu tun; das merkte jeder. Aber da waren sie nun einmal, und er konnte dagegen nichts machen.

Der Flug von Jähn war vielleicht das letzte große und auch erfolgreiche Agitationsprojekt der DDR, die damals schwer an den Folgen der Biermann-Affaire von 1976 laborierte. Sigmund Jähn, Jahrgang 1937, war die beste Personalentscheidung jener Zeit im Lande: ein Jagdflugzeugpilot, der nicht nur physisch und intellektuell in der Lage war, eine Weltraummission auszuführen, sondern der auch die wesentlich härtere Tour der nachfolgenden Jahre einer Permanentpräsentation fachlich souverän und dennoch volksnah absolvierte. Es sollte die Mission seines Lebens bleiben: der erste Deutsche im Weltraum, ein Sachse, eigentlich ein Vogtländer aus Morgenröte-Rautenkranz, denn Vogtländer sind eben Vogtländer und keine Sachsen.Der Flug von Jähn war vielleicht das letzte große und auch erfolgreiche Agitationsprojekt der DDR, die damals schwer an den Folgen der Biermann-Affaire von 1976 laborierte. Sigmund Jähn, Jahrgang 1937, war die beste Personalentscheidung jener Zeit im Lande: ein Jagdflugzeugpilot, der nicht nur physisch und intellektuell in der Lage war, eine Weltraummission auszuführen, sondern der auch die wesentlich härtere Tour der nachfolgenden Jahre einer Permanentpräsentation fachlich souverän und dennoch volksnah absolvierte. Es sollte die Mission seines Lebens bleiben: der erste Deutsche im Weltraum, ein Sachse, eigentlich ein Vogtländer aus Morgenröte-Rautenkranz, denn Vogtländer sind eben Vogtländer und keine Sachsen.

Aus Jähn sprach immer die Bescheidenheit und das Verständnis für das einfache, normale Leben, das den Menschen der verwestlichten Gesellschaft als unwürdig und untergeordnet eingeredet wird. Am Vortag seines Vortrags war der erste Mensch, der den Mond betrat, von der Bühne gegangen. Jähn widmet dem stillen Superstar Neil Armstrong Gedenken und die Ehrerbietung. Er war ihm einmal begegnet, wie er nur verhalten anklingen ließ, als ob ihm dieses Privileg unangenehm war.

 
 
Sigmund Jähn Industriemuseum Chemnitz, August 2012. Foto: Kreißig
 
 

Am 25. August 1978 startete Jähn zu seiner Interkosmos-Mission mit Sojus 31 unter Kommandant Waleri Bykowski. Es war ein typischer Spätsommer, wenige Tage vor dem Schulbeginn im Herbst. Damals konnte und wollte sich niemand in der DDR dem Raumflug des ersten Deutschen entziehen, warum auch. Dass die Amerikaner die Bundesdeutschen bei einer vergleichbaren Mission bis dahin leer ausgehen ließen, interessierte die Staatsführer der DDR. Den normalen Leute war das völlig egal.

Bykowskis und Jähns Startaggregat war die erprobte Sojus-Rakete, mit deren Grundvariante, die eigentlich eine Interkontinentalrakete für Atomschläge war, Juri Gagarin ins All geflogen war. Deren Entwicklung hatte eine düstere Vorgeschichte. Der Chefkonstrukteur Sergej Koroljow war unter Stalin als Volksfeind der Sowjetmacht schwer gefoltert worden, angeblich wollte er die Sonne der Menschheit, also Stalin, ermorden. Man hatte ihm die Zähne ausgeschlagen, später bekam er ein Gebiss. Im GULAG musste er schreckliche Jahre verbringen, bis man ihn wieder an die Zeichentische ließ, weil es keinen Besseren gab. Jähn kannte die Lebensgeschichte Koroljows, die zu Ostzeiten in der Sowjetunion ein Staatsgeheimnis war.

In jenen Jahren um 1960 gab es eine Phase, als man auch im Westen nicht mehr völlig sicher war, ob zumindest im technischen Sektor der Kommunismus mit seiner Neigung zu Großprojekten durchsetzungsfähiger sein könnte. Damals präsentierte der sowjetische Staatschef Chruschtschow mit Gagarins riskanter Pioniertat und vier Jahre zuvor mit Sputnik 1 seine erfolgreichsten Technikprojekte im Vergleichskampf der Systeme.

Raumfahrt war immer Politik und bis zum Ende des Kalten Krieges Politik um jeden Preis, das erzählte auch Jähn. Sechs Wochen nach dem Gagarin-Schock befahl John F. Kennedy den US-Mondflug als übergreifendes Staatsprojekt. Zur sicheren Durchführung wurde mit Wernher von Braun (ein Genie wie Koroljow) als Chefkonstrukteur engagiert, der freilich keine Probleme hatte, einst in die SS einzutreten. Parallel zum erfolgreichen amerikanischen Apollo-Mondprogramm geriet die sowjetische Raumfahrt in eine tiefe Krise, deren Ausdruck das unausgereifte Lunarprojekt für bemannte Flüge zum Mond war. Alle vier sowjetischen N-1-Mondraketen explodierten kurz nach dem Start, und Jähn vermerkt vor seinem Chemnitzer Publikum, dass man zum Glück auf eine Besatzung verzichtet hatte.

Im Westen wie im Osten wusste man über die Ursachen: kommunistische Nachlässigkeit, starrsinnige Fehlentscheidungen bei der Triebwerksauswahl und Kompetenzstreitigkeiten zwischen Konstruktionsbüros und Ministerien hatten das sowjetische Mondprojekt für einen bemannten Flug scheitern lassen. Spätestens mit dem Mondflug Neil Armstrongs setzte bei führenden Vertretern von Politik und Medien des Westens die schicksalhafte Neigung ein, auf der russischen Seele herumzutrampeln. Man setzte die Sowjetunion mit einem Imperium der Schlamperei und des Suffs gleich, das zu nichts Relevantem mehr in der Lage sei. „Wie, bitteschön, hat dann dieses betrunkene Land Gagarin hervorgebracht?“ fragte noch 2007 Wladimir Mamontow, amtierender Chefredakteur der Iswestja, der ewigen Herabsetzung seines Landes im Diskurs müde.

 

Doch Schlamperei war und ist nicht nur ein Merkmal sozialistischer Gesellschaften. Für die Amerikaner kam es Jahre später viel tragischer. Der furchtbare Absturz des Space Shuttles Challenger im Jahr 1985, die vergleichbar schlimme Katastrophe des Raumgleiters Columbia im Jahr 2003, die aus dem Ruder gelaufene Flut in New Orleans zwei Jahre darauf oder die verlorenen Kriege in Afghanistan und Irak zeigten, wie ähnlich sich die einstigen Supermächte geworden waren.

Mit der verbliebenen, sicheren Weltraumtechnik, die in Weiterentwicklungen bis heute im Einsatz ist, realisierten die Sowjets seit den 70ern respektable Ersatzprojekte wie die Saljut-Raumstationen und das Interkosmos-Programm, durch das auch Sigmund Jähn zu seinem Raumflug aufbrechen konnte. „Als Pilot konnte ich dem Angebot, so eine Raumkapsel zu fliegen, einfach nicht widerstehen“, äußerte Jähn im Jahr 2005, der einst Flieger auf einem Überschalljäger vom Typ Mig-21 war. Für manche ist eine Flugreise oder eine Kreuzfahrt die Erfüllung, aber ein Raumflug verblasst wohl niemals. So meinte er das.

Wenn die Historia stimmt, musste der Ostdeutsche Jähn im Interkosmos-Programm dem Tschechen Vladimír Remek und dem Polen Miroslaw Hermaszewski kurzfristig den Vortritt lassen- Mit deren Raumflügen erhofften Kreml-Strategen wie Suslow , innere Probleme, die in beiden Ländern bestanden, zu neutralisieren. In der CSSR jährte sich der Prager Frühling zum zehnten Mal und die „Charta 77“ machte international Furore und Ärger, in Polen befürchtete man Unruhen aufgrund massiver wirtschaftlicher Probleme. Das Kalkül der Beruhigung ging, wie man weiß, nur in einem Fall auf.

Sigmund Jähn stand in dieser Phase als Kosmonaut für die DDR im Spannungsfeld zwischen Ost und West, er hielt dem Druck und den großen Erwartungen mit Würde stand. Der seltsame Stillstand Anfang der 90er, der im Grunde anachronistisch war, verwirrte ihm - im Gegensatz zu vielen ostdeutschen wie westdeutschen Prominenten - nicht die Sinne. Auch seinen Vortrag zur Geschichte der bemannten Raumfahrt gestaltete Jähn differenziert und ausgewogen. Er bedauerte die Umweltzerstörung der Erde (nicht die Klimaveränderung, die gab es im Jahr 2012 erstaunlicherweise noch nicht), die scheinbar unaufhaltsam sei. Und er kritisierte die Welt der Gegenwart, „in der es immer nur ums Geld geht“. Sein Referat war gelebte Zeitgeschichte, die so nur für Ostdeutsche erfühlbar war. Diese Stimmung schwebte im Raum, und man hörte es an leisen Reaktionen im Publikum heraus.

Das absolute Wohlwollen des Publikums besaß der Referent ohnehin: Und aus Jähn sprach ein Mann, der sorgfältige Arbeit schätzte, der für die Beständigkeit von Entscheidungen und persönliche Verantwortung stand, Respekt vor Wissen und Qualifikation und nicht vor dem „Image“ hatte. Die PowerPoint-Präsentation hing sich plötzlich auf. „Da kommt schon jemand, der mir hilft“, sagte Jähn, und dann kam nach diesem Ruf tatsächlich jemand, drückte auf einen Knopf am Notebook, und es ging weiter. Jähn ließ seine vogtländische Ironie durchblitzen: „Das durfte man im Raumschiff nicht machen – irgendeinen Knopf drücken, den man nicht kennt.“

Die politische Wende in Ostdeutschland erlebte Jähn, den man in der Zwischenzeit zum Generalmajor der NVA befördert hatte, ohne größere Brüche. Die westeuropäische Raumfahrtorganisation ESA heuerte ihn als Experten und Berater für die bemannte Raumfahrt an, „ohne Bewerbung“, wie er fast schon verschämt einflocht. Wieder kamen ihm dabei seine Eigenschaften zugute. Dass er fließend Russisch sprach, und in der ESA niemand, war wohl nur ein Nebenaspekt. Er redete auch nicht um den heißen Brei herum: „Ich will ehrlich sein: Ich war froh, dass ich einen Arbeitsplatz gefunden hatte“, erinnerte er sich. Damals war auch der erste Deutsche im Weltraum in der ostdeutschen Realität angekommen, in einem ehemaligen Land, dessen Bevölkerung im Arbeitsalter sich wohl zu drei Vierteln beruflich neu orientieren musste.

Die Zuhörerschaft bei Jähns Vortrag über die fünf Jahrzehnte der bemannten Raumfahrt schien nicht nur aufmerksam, an einigen Stellen schien sie gebannt zu sein. Man vernahm die Empfindungen, dass mit diesen 50 Jahren ihr Leben im Zeitraffer an ihnen vorüberzog, und sie sich an die Zeit erinnerten, als sie noch nicht alt waren.

Die abschließende Vortragsfolie wurde auf die Leinwand im Magazingebäude projiziert: Liegt die Zukunft der Menschheit in den Sternen? Da hatte Jähn so seine Zweifel: „Ich würde vorschlagen, wir bleiben auf der Erde. – Also ich bin am Ende.“ Er lachte leise. Der Beifall war groß, vor allem aber absolut ehrlich und vertrauenswürdig. Ein paar Besuchern standen Tränen in den Augen, und das war kein Irrtum. Vorn stand berührt der Mann, der niemals abhob.

Sigmund Jähn starb am 21. September 2019 in seinem langjährigen Wohnort Straußberg bei Berlin.

 
Uwe Kreißig
 

 

 
 
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© 25/09/2019 Reconnaissance Interview Mag