Reconnaissance
Interview Mag

 
In memoriam Luigi Colani

 

Eine Erinnerung an ein Gespräch mit dem Designgenie Luigi Colani 1999 in Chemnitz

 

Luigi Colani war ein Mann, der sich in zu vielen Projekten verzettelte, weil er zu viele Ideen hatte. Und er hatte zeitweise eine enge Verbindung nach Chemnitz. So wollte Colani die ostdeutsche Konsumgüterindustrie als Duo mit seinem Chemnitzer Kollegen Clauss Dietel in den 90ern vor dem Treuhand-Untergang retten. Dass seine Wahl auf Dietel fiel, war kein Zufall. Für ihn war der ostdeutsche Kollege einer der wenigen, den er überhaupt in der Design-Branche schätzte. Mit ihm zusammen könne man was machen, meinte er. Auch wusste Colani vom einst führenden Industriekern Deutschlands, der nämlich Mitteldeutschland und hier wiederum Sachsen war, von der Auto-Union und anderen weltbekannten Unternehmen, deren Produkte einst den weltweiten Standard für Qualität, beste Formgestaltung und Langlebigkeit bildeten. Das wollte er im Colani-Design wiederbeleben, eine Nummer kleiner ging es für ihn nicht

Aber die Zeiten passten nicht für illusorische Pläne, zumal die Treuhand auf Schrumpfung und Liquidation ausgerichtet war, auch wenn offiziell etwas anderes behauptet wurde. Lediglich seine Serie von Fernsehern aus Staßfurt im bionischen Design wurde ein Achtungserfolg. Später klaute man bei Apple die Idee der Integration der Bildröhre in ein vorn und hinten abgerundetes Gehäuse für den bunten iMac. Das wurde von Apple-Chef Steve Jobs als große Idee präsentiert, doch man hatte sie abgekupfert. Bei Colani.

Ich begegnete ihm im Mai 1999 (ich habe noch mal nachgerechnet). Damals in der Vor-Internetzeit, von Social Media ganz zu schweigen, war es möglich, eine Persönlichkeit von Welt als unbekannter, kleiner Autor zum Gespräch zu treffen, einfach so. Er hatte dienstlich einen Termin in der Gegend und sein Büro ließ am Freitag in den Chemnitzer Redaktionen Bescheid geben, dass er im Dorint-Hotel zu haben sei. Die Sekretärin des Kultur-Ressorts meldete mich für die "Freie Presse" an. Im Dorint war ich dann überrascht, dass von den anderen Redaktionen niemand da war, nicht mal für ein Foto. Aber im Grunde war das die typische Faulheit von angestellten Redakteuren, die sich einen sonnigen Sonnabend-Nachmittag nicht mit einem plötzlichen Termin versauen wollten. Sie machten doch so schon viel zu viel. Auch hier liegt eine Ursache der heutigen Zeitungskrise.

Und so hatten wir viel Zeit und konnten uns zwei oder drei Stunden im leeren Biergarten über seine heimliche Passion austauschen: Aerodynamik und Flugzeugtechnik. Seine jungen Jahre als Strömungsdynamiker beim französischen Militär- und Businessjethersteller Dassault hatten ihn mehr geprägt als die deutsche Designszene, die, wenn irgendwie möglich, ihre Produkte eckig und in Quadern mit Bullaugen ausführte, weil das angeblich das "Bauhaus" und die "Neue Sachlichkeit" verkörperte, irgendwie jedenfalls.

Zwei Punkte vergaß ich nie. Colani schimpfte auf die europäische Industrie, die zu ängstlich und träge agiere, weil es ja auch so weiterlaufen würde. Damals war sein aerodynamisch optimierter "Colani-Truck" auf Mercedes-Basis in einer Miniserie. Doch trotz einer Spritersparnis von rund 30 Prozent und geringer Mehrkosten ging der LKW nie in Großserie. Warum denn eine Ökolösung produzieren, die auch noch cool aussieht, wenn man die Karren in althergebrachter Form in den Markt drücken kann?

 
 
Luigi Colani, Hotel Dorint, Chemnitz, 1999. Foto: Kreißig
 
 

Der zweite Punkt war seine Prophezeiung, dass China die neue Industriemacht der Welt werden würde. Kaum jemand nahm zu diesem Zeitpunkt eine solche Aussage ernst, lebten doch von der 1 Milliarde Chinesen damals 950 Millionen in Armut. Von den modernen Städten Chinas, wie wir sie heute kennen, war das Land im Jahr 1999 scheinbar hundert Jahre entfernt. In dieser fatalen Fehlsicht steckt auch viel von der Überheblichkeit des Westens, wo man seit dem endgültigen Zurückdrängen der Mongolen und der Osmanen immer auf den Osten herabgeschaut hat. Aber Colani unterrichtete an einer chinesischen Universität und sah sich die Entwicklung genau an. Dass man ihn in China verehrte - anders als in Deutschland - gefiel ihm durchaus. Er war unendlich eitel, aber ebenso offen und wusste das überraschende Gespräch zu schätzen.

Und er kam, wie sich gut auf dem Foto ersehen lässt, nicht - wie angeblich immer, wie man auf SPIEGEL online berichtete - ganz in Weiß. Noch origineller im Verhältnis zu seiner Art war das Auto, mit dem er vorfuhr. Ich glaube, es war ein roter Camaro oder eine Corvette, jedenfalls ein Teil, das für seinen erhabenen Geschmack etwas proletig und eckig wirkte.

Vermutlich als Dank für die aerodynamischen Gespräche habe ich eine persönliche Erinnerung von Colani bekommen: ein in zwei Minuten ausgeführter Entwurf eines zivilen Hyperschall-Flugzeugs, mit dem man in einer guten Stunde von Frankfurt nach New York fliegen sollte. Er versah die Rumpfspitze und die abgerundeten Tragwerke mit einer Form, dass sein Hyperschall-Flugzeug auf seiner eigenen Schockwelle gleiten konnte. Diese Idee hatte er vom US-amerikanischen Nuklearbomber XB-70 Valkyrie entlehnt. Er war den Dingen etwas sehr weit voraus, aber genau das war sein Selbstverständnis.

Der Berliner Lutz ""Luigi" Colani starb am 16. September 2019 in Karlsruhe.

 
 
Uwe Kreißig
 

 

 
 
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© 25/09/2019 Reconnaissance Interview Mag