Reconnaissance
Interview Mag

 
Verdorbenes, perverses, erbärmliches Giftzeug

 

Das Ensemble Hgich.T ist die Rettung der Liveperformance

 

Für manche ist das einfach verdorbenes, perverses, erbärmliches Giftzeug, wie es sich nur Künstler einer Superwohlstandsgesellschaft einfallen lassen können, eine Wohlstandsgesellschaft, wo Hartz-XII-Empfänger in bestimmten Städten Ostdeutschlands in einer Jugendstilwohnung leben können, warum auch nicht, mit Armut hat das jedenfalls nichts zu tun, sondern das Problem ist schlichtweg die totale Aussichtslosigkeit. Für andere ist HgichtT aus Hamburg der Lichtblick in einer supersattgefressenen Kunstszene, deren Frechheit sich in dümmster Showkunst erschöpft, deren bekanntes Schöpfer vom Feuilleton nach hohen Qualitätsmerkmalen differenziert werden, während der große Rest unbeachtet bleibt.

Der Auftritt im Chemnitzer Weltecho wird dann recht schnell eine Offenbarung für all die geschundenen Kunstfreundseelen, die 1996 die letzte ernst zunehmende Vollperformance in dieser Stadt erlebten, damals von Klaus Hähner-Springmühl in der Galerie Oben zu einer Vernissage von Osmar Osten. Allein die Publikumsstrukturist ist für Chemnitz eine Seltenheit: Proll, Techno-Typen, aufgestylte Bratzen in High-Heels und schwarzen Strumpfhosen, ein paar Künstler und Schaulustige, vermutlich eine Gruppe Kenner, die beim ersten Auftritt von HgichT in Chemnitz dabei waren und auf den Geschmack gekommen waren.

 
"Ihr seid Zeugen!": Der Hgich.T-Chef macht einen Heiratsantrag. Fotos (2): Kreißig
 
 

Wer Performances dieser Art schätzt, wird nicht umhinkommen festzustellen, dass HgichT dieser Kunstform wieder zu Stil, Würde und Sinn verhilft. Ohne Frage kann man sich bestens über die Exzesse dieser Truppe amüsieren, die Voraussetzung ist freilich, dass man denken will, und genau das ist das Problem solcher Liveaktionen: Die meisten Gäste wollen nur ihre Gröhlparty.

Der Frontmann ist der Star, und man kann davon ausgehen, dass er auch der Autor der Texte ist. Publikumsbeschimpfung und Kollegenbeschimpfung, Stagediving und Runden durch den Saal, eine aufgestylte Besucherin bekommt einen Hochzeitsantrag ("Ihr seid Zeugen!"), es gibt Rap und Ansprache und Interaktionen. "Ich muss immer lachen, wenn ein Künstler von seinen Arbeiten spricht. Mit Blick auf die Kunst ist der Begriff der Arbeit geradezu unanständig", meint der Schweizer Kunstwissenschaftler Beat Wyss mit Fug und Recht. Die Show von HgichtT ist Arbeit und Kunst. Es ist eine Reaktion auf die Abzocker in der Kunstwelt, denen in den 80ern endgültig die Zügel überlassen worden sind, ein Punkt, an dem die Einzelbestimmer in den Museen, die zumindest in Westeuropa fast vollständig von Steuergeldern zehren, intensiv und aus verschiedenen Motiven beteiligt sind. Heute scheint die bestimmende Clique aus Starkünstlern, Stargaleristen, Starsammlern und Stardirektoren vom Glauben an Kapitalismus und Sozialdarwinismus geleitet, eine denkbar unsinnige Grundlage. HgichtT ist das genaue Gegenteil die gedankliche Anlage.

 
 
Bei Hgich.T ist man Tänzerin und Malerin und verschiedenes.
 

 

Auch wenn die Außenseiterposition in der Gegenwartskunst keinen Maßstab mehr verkörpert, bei dieser Show der Sondereinstufung ist genau dieser Status die entscheidende Differenz. In vielen Abschnitten wirkt im Vergleich sogar der letzte Großmeister der Performance klein und vorhersehbar, weil Jonathan Meese zu sehr vom Kunstmarkterfolg verhätschelt wurde. Freiheit in der Kunst ist eben das, was man riskiert und sich erarbeitet, ohne nach der schnellen Kohle und den glänzenden Empfängen zu schielen.

Gegen Ende des Auftritts gibt es noch einen Verkaufsversuch von Bildkunst, der aber nicht sonderlich ernst gemeint ist. Eine Coprotagonistin bietet ein schönes Kleinformat, darauf eine grob stilisierte Frau mit hervorgehobener Scheide und farbig markierten Kitzler, als grüner Punkt hervorgehoben. Im Chaos der Auflösung ist dann gar nicht so einfach, an die Arbeit ranzukommen. Auf freundliche Nachfrage wird das Bild gesucht und dort im Requisitenwust auf der Bühne gefunden. 15 € plus zwei Wodka für die freundlichen Damen, das ist sehr fair. Ein Proll fühlt sich darauf belästigt. Er spricht mit Wutstimme, dass die beiden Künstlerinnen "Schlampen" sind, was im Sinne Tracy Emins gemeint sein könnte, aber er denkt an Nutte oder so etwas ähnliches. Der Chef der Truppe ist inzwischen verschwunden. Vermutlich ist das auch besser so, bevor die Stimmung kippt.

Uwe Kreißig

 
 

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