Reconnaissance
Interview Mag

 
Jede Geschichte hat eine Vorgeschichte

 

Erinnerungen mit Weltstar Hardy Krüger

 

Es ist schwierig, an ihn ranzukommen. Im Grunde hat nichts gegen ein Gespräch, doch müssen wir warten. Hardy Krüger will noch die Beschallung und die Beleuchtung im Kulturhaus in Aue, einem wunderbaren Gebäude im gehobenen sowjetischen Kulturhausstil, für seine Lesung einrichten lassen. Der frühere Weltstar in einer Kleinstadt im tiefsten Erzgebirge, der Ort, wo Erzgebirge Aue Fußball spielt, in der Nähe der Gruben, aus denen "der Russe" einst Uran für Stalins Atombombe heben ließ? Genau dort.

Dietlind Fischer, eine Buchhändlerin des Ortes, hat ihn hergelockt wie vorher Karasek und ein paar andere. Aber warum auch nicht einmal, zweimal Provinz? Weil man den Abstieg eines Prominenten oft damit gleichsetzt, wenn er in der Provinz auftritt? Müsste man Krüger aber nicht größere Vorwürfe machen, wenn er das im seichten Salzburg tun würde, sagen wir mal mit einer Nebenrolle im seichten "Jedermann" oder in einer mit Botox-Süchtigen und Geldköpfen aufgeblasenen Vernissage?

Der örtliche Techniker macht alle Anweisungen klaglos mit, um den Schauspieler in das gewünschte Licht zu setzen. Als man nicht mehr daran glaubt, scheint plötzlich zwischen Klang, Licht und Schatten alles perfekt zu sein, aber nun schirmt Anita Park, die Frau Hardy Krügers, ihren Privatweltstar ab. Ein Interview? Jetzt? Hardy Krüger scheint nicht wirklich abgeneigt, aber Frau Park hat so ihre Zweifel, die Zeit, man verstehe doch und überhaupt. Ihr passt es jetzt jedenfalls nicht. Aber schließlich lässt sich die Amerikanerin auch noch überzeugen. Man ist ja Profi, wenn man aus Amerika kommt. Immer.

Unsere vorbereiteten Fragen, nicht weniger als 40, erweisen sich schnell als Missverständnis. Krüger nimmt sich gleich mal zehn Minuten Zeit, um auf Frage 1 einzugehen, auf die Kürze der Zeit hin nur in den wichtigsten Punkten. Wir ändern unsere Taktik und geben ab dann nur noch Stichworte; irgendwie scheint das Frau Park so auch lieber zu sehen. Wir unterbrechen Krüger in seinen Ausführungen nur noch mit ein paar kurzen Rückfragen, damit er spürt, dass wir uns ordentlich vorbereitet und eingelesen haben. Später wird er es in seinem Vortrag indirekt selbst erklären, warum man für gute Geschichten etwas weiter ausholen muss: "Jede Geschichte hat ihre Vorgeschichte." Und die Vorgeschichte ist dann immer länger als die eigentliche.

Hardy Krüger war der erste Deutsche, dem es nach dem Krieg gelang, in Hollywood ein Star zu werden, auch wenn man ihn frühzeitig auf die Rolle des Deutschen (der Blonde...) besetzt, gern auch als deutscher Offizier. Ihm gelang es - und das ist ein großer Verdienst - in diesen Rollen als "Deutscher" Stil, Niveau und eine gewisse Unabhängigkeit von den politischen Vorgaben zu verleihen. Man liebt ihn dafür bis heute.

Sein internationaler Erfolg begann in Etappen über London und in Paris. Er beschreibt seinen Weggang als Reaktion auf die Verhältnissse: "Ich war mit dem deutschen Film der 50er Jahre nicht mehr einverstanden." Krüger hadert immer noch mit der mangelnden Qualität jener Zeit, die die deutschen "Autorenfilmer" und ihre Fürsprecher später als "Opas Kino" betiteln werden. Und sie hatten recht, und er hatte recht, dass er dort weg musste: Da gab es "Insel ohne Moral", "Kätchen für alles" oder "Der Himmel ist nie ausverkauft" und eine Vielzahl anderer Streifen deutscher Provenienz, in denen Hardy Krüger in der Besetzungsliste zu finden ist und die heute im Filmgiftschrank sicher verwahrt sind.

Er habe sich künstlerisch an Filmen orientiert, die zu jener Zeit in Frankreich, England und in Amerika produziert und mitunter für eine halbe Ewigkeit Bestand haben sollten. "Ich wollte solche Filme machen", sagt Krüger. An der latent schwierigen Realität des deutschen Films, der - mit wenigen Ausnahmen - international immer noch belanglos ist, hat sich über die Jahrzehnte freilich nicht viel geändert. Solange Superschrott wie "Keinohrhasen" oder "Die Superbullen" mit öffentlichen Geldern gefördert wird oder Filme wie "Good bye, Lenin" oder "Alles auf Zucker" von deutschen Medien als Meilensteine der Filmkunst abgefeiert werden, weiß man, dass sich auch 50 Jahre später nichts geändert hat.

 
 
Gut gealtert: Hardy Krüger tritt auf und seine Generation ist da.
 
 

Hardy Krüger wusste, dass er zu den Brennpunkten aufbrechen musste, "die kommen nicht zu mir in das Theater, in dem ich engagiert war". Zunächst ging er nach Paris in den dortigen Studios auf Arbeitssuche. Ein blonder Arier wurde da nicht erwartet: "Solche Deutsche haben wir gerade ein paar Jahre hier gehabt, für sie ist hier kein Platz", meinte man dort lapidar zu ihm. Er wechselte über den Kanal nach London, schließlich lebe er nach dem Motto "Geht nicht, gibt's nicht".

Dort lernte er auf einer Sprachschule richtig Englisch und putzte nebenbei alle Klinken der Produzenten. Sechs Monate später bekam er die Hauptrolle im Film Einer kam durch (The One that got away), der über Nacht ein Erfolg in England und im Anschluss weltweit wurde. Es war eine typische Hardy-Krüger-Rolle: Ein unbeugsamer, nicht berühmter Held - in diesem Fall der abgeschossene Jagdflieger Franz von Werra - geht den Weg, den er für sich gehen muss. Er erinnert sich: "Dann haben die Franzosen, die mich erst nicht haben wollten, verstanden, dass ich ein ganz anderer Deutscher bin. Das haben die in der englischen Presse gelesen. Die erkannten jetzt, dass ich der Vertreter eines Deutschland bin, das sie noch gar nicht kannten - des jungen, des neuen Deutschlands, und dann haben sie mich eingeladen." Sein erster französischer Film Taxi nach Tobruk mit Charles Aznavour und Lino Ventura wurde ein sensationeller Erfolg. Er spielte wiederum einem deutschen Offizier im Zweiten Weltkrieg, der in der Wüste mit seinen "Feinden" schließlich auskommen muss. In der feindlichen Landschaft und dem nahen Krieg finden sie schließlich so etwas wie ihren Frieden.

Damals habe er überhaupt nicht darüber nachgedacht, wie ein junger Schauspieler aus Deutschland in Hollywood zum Star werde, eine Überlegung, die nach ihm viele zu früh machten und dann wie Muskelmännlein Til Schweiger kläglich scheiterten. Für Krüger zählte etwas anderes: "Ich konnte dann endlich in jenen Ländern gute Filme machen, in denen ich immer arbeiten wollte." Kalifornien hatte gerufen, und es folgte ohne zeitlichen Bruch im Jahr 1961 sein erster Hollywood-Welterfolg Hatari mit John Wayne und Elsa Martinelli, der ein Auslöser für seine lebenslange Liebe zur Afrika war.

Er blieb dann eine Zeitlang vor Ort in Los Angeles und richtete sich als Fremder ein. Was machte man seinerzeit in Hollywood, außerhalb der Dreharbeiten und ohne Paparazzis, die die Stars in die angesagten Restaurants und Clubs locken oder in die Isolation der Luxusviertel? Krüger: "Es war damals das Filmsystem der Studios. Wir waren eine Clique von Schauspielern." Da war man zusammen, und man habe sich untereinander immer recht gut verstanden. "Ich bekam auch Einladungen von den Großen. William Holden hat mich ständig eingeladen. Wir waren immer zusammen mit anderen Schauspielern, oft auch mit Marlon Brando." Dann stapelt Krüger tief: "Eigentlich war das eine Arbeit wie in allen anderen Ländern auch. Wir hatten ja nur sonntags frei, und ich bin in Kalifornien herumgefahren, soweit es ging, um mich ein bisschen umzugucken. Meistens waren wir Schauspieler untereinander."

 
 
Ein Paar wie aus dem Film: Hardy Krüger und seine Frau Anita Park. Fotos (2): Kreißig
 
 

Als dann der 1965 der Flug des Phoenix mit Krüger in der Rolle als deutscher Flugzeugkonstrukteur Heinrich Dorfmann und Stars wie James Stewart, Ernest Borgnine und Peter Finch ein globaler Kinoerfolg wird, der bis heute jedes Jahr im Fernsehen läuft, hat der damals 37-jährige Schauspieler schon alles erreicht, was als Deutscher in Hollywood möglich ist.

Hardy Krüger war klar, dass sich die Dinge in diesem Geschäft nach und nach völlig verändern würden. Vielleicht war das auch ein Grund, dass er sich Mitte der 80er Jahre abrupt aus dem Filmbusiness zurückzog und neue Wege ging, die sich wohl längst gedanklich abgezeichnet hatten. Berufliche Höhepunkte wie die Brücke von Arnheim (1977) in der Regie von Richard Attenborough, in dem er an der Seite von Robert Redford, Sean Connery, Edward Fox, Michael Caine, Gene Hackmann, James Caan, Liv Ullmann, Maximillian Schell, Laurence Olivier, Anthony Hopkins, Ryan O'Neal und Dirk Bogarde spielte, wären heute nicht nur aus finanziellen Gründen unvorstellbar. Großer Gott, was für eine Schauspielerliste.

Eine Antwort auf die Frage nach dem Lieblingskollegen gibt er nicht: "Ich habe keinen Lieblingskomponisten, keine Lieblingsfarbe, keinen Lieblingsmaler und auch nicht einen Lieblingsschauspieler. Ich kann die nicht miteinander vergleichen. Die sind alle so unterschiedlich, dass ich gar nicht auf die Idee kommen würde, darüber nachzudenken." Die Frage nach der schönsten und zugleich intelligentesten Schauspielerin in den 60ern behandelt er dann differenzierter: "Das möchte ich ungern beantworten, weil ich den anderen, die ich da auch mit einreihen würde, nicht weh tun möchte."

Krüger wurde offiziell mehr und mehr der "Weltenbummler" und der Autor, obwohl er beides für sich selbst schon lange war. "Ich schreibe, seit ich zwölf Jahre alt bin und offensichtlich nie gut genug…" Von dieser Sucht kam er nicht mehr los, er schrieb weiter. "Zum ersten Mal wurde ich gedruckt, als ich 40 war. Das Buch hieß Eine Farm in Afrika." Anders ging es nicht.

Ans Reisen hat er sich gewöhnt. "Anita und ich haben zwei Zuhause, eines in Hamburg und eines in Kalifornien. In Kalifornien schreibe ich, und nach Hamburg komme ich, um Freunde zu besuchen", beschreibt Krüger sein Leben mit zwei Wohnsitzen. "Aber die meiste Zeit, wenn ich nicht schreibe oder auf Lesetournee bin, reisen Anita und ich." Es ist die Lebensliebe. "Wir haben uns vor 33 Jahren kennengelernt und sind seitdem zusammen. Ich habe Glück gehabt, sie reist so gern wie ich." Man sieht dem glänzend gealterten Hardy Krüger an, dass er es ernst meint. Seine Frau entspannt sich kurz und sieht danach wieder streng zu uns.

Für den begeisterten Piloten, der viele Jahre eine eigene Cessna 185 in die Luft brachte und damit auch Langstrecken überwand, kann nun vielleicht noch ein weiteres Projekt umsetzen: die Verfilmung eines eigenen Buches und parallel ein gemeinsamer Streifen mit Hardy Krüger jr., der in den Medien, beflügelt durch den Erfolg des Sohnes, seit langem beschworen wird. Jetzt steht es auf der Agenda, Krügers Roman Schallmauer von 1971 doch noch umzusetzen, zumal exklusive Flugaufnahmen von Starfightern, die man Anfang der siebziger Jahre für den Film schon einmal drehte, bereits existieren sollen. Ob ihm schon mal aufgefallen sei, dass der Plot von Schallmauer sich in ein paar Elementen in Leon de Winters Sokolows Universum wiederfindet? Das Buch ist ihm nicht bekannt, und wir fassen die Handlung zusammen. Nein, das habe ja gar nichts mit seinem Buch zu tun.

Wenn er später dann rezitiert, liest, vorträgt, gewinnt man eine Ahnung, was ihm das Wort bedeutet, das eigene Buch. Stilistisch ist er in seinen Texten nicht so sicher, aber darum ging es wohl nie. Hardy Krüger, der auch als Autor mehr als zwei Dutzend Bücher veröffentlicht hat, zeigt auf Rückfrage keine Enttäuschungsreaktion, dass nicht ein Buch aus seiner Hand im Literarischen Quartett rezensiert wurde: "Ich habe darüber eigentlich nie nachgedacht, weil ich mich nicht in die Reihe der großen Literaten, die lange Sätze schreiben, einreihen wollte. Ich bin ein Geschichtenerzähler, und das Publikum weiß das."

Würde er noch einmal nach Afrika zurückgehen? Krüger: "Wir fahren jedes zweite Jahr nach Afrika - in alle möglichen Gebiete. Anita und ich gehen auf Safari, die Elefanten sind alle gleich in Ostafrika und Südafrika und die Büffel auch." Er besuche nur nicht mehr seine Farm, die er einst seinen Arbeitern schenkte: "Dorthin zurückzugehen wäre schmerzlich…" Hardy Krüger war an der Momella Game Lodge in Tansania beteiligt.

Die Sehnsucht und die Hoffnungen für Afrika sind geblieben: "Es ist ein Kontinent, der dringend unsere Zusammenarbeit braucht. Nicht wie damals, als wir Weiße gekommen sind und Afrika wie einen Kuchen aufgeteilt haben." Aber die schwarze Oberschicht von heute könne man vergessen. Bevor er ausholen kann, tippt Frau Park auf die Uhr.

 
 
Uwe Kreißig
 
 
 

© 2009/2011 Interview Mag Uwe Kreißig