Reconnaissance
Interview Mag

 
Stille Tage und frühe Erinnerungen

 

Übersicht - Gerhard Richter im Rietschel-Haus Pulsnitz

 

Wenn der Meister in die Provinz geht, dann stehen sehr persönliche Dinge hinter allen Überlegungen. Wenig anders scheint es in Pulsnitz zu sein, wo kein Geringerer als Gerhard Richter eine Luxusaudienz gewährt, deren Luxus in ihrer Einfachheit besteht.

Wer ihn am Tag der Eröffnung im kleinen Kreis erlebt, ahnt ohne Umwege, dass diese Präsentation mehr als eine Geste ist. Ein Maler, der alles erreicht hat, geht zurück in die Nähe der Landschaft, in der er Tage der Kindheit verbracht hat. Es ist sentimental wie berührend, aber niemals kitschig, logisch und individuell.

 
 
Gerhard Richter, Rietschel-Haus Pulsnitz, 20. Juni 2010.
 
 

Nicht die Show am Vortag im Albertinum im nahegelegenen Dresden, das königstreu und immer ein bisschen too much erscheint, schien ihn berührt zu haben, sondern der Ausflug in die Vergangenheit, seine alte Vergangenheit. Pulsnitz, beschaulich und scheinbar abgelegen, hat für zwei Stunden in Persona die Weltkunst vor Ort. Ein paar Einheimische mischen sich mit den aufgeblasenen Typen aus Dresden, Richter-Fans mit Ausstellungstouristen, Kenner mit Freunden der Kunst. Es ist so wie andernorts und doch hundertfach authentischer als bei einer fiktiven Parallelveranstaltung im Westen Deutschlands.

Bei Richters Arbeiten empfindet man das seltene Gefühl, auf keine andere Stilrichtung mehr angewiesen zu sein, erst recht dann, wenn die Szenerie wie im Rietschel-Haus bescheiden und völlig normal daherkommt. Wo Hedge-Fonds sponsern und sich Kunsthochstapler zu Eröffnungsreden aufschwingen, will man nicht mehr Publikumsstaffage sein. Dort, wo der laxe Besuch dazu dient, man sei "dabei gewesen", bleibt nichts zurück außer ein leeres Gefühl.

 
 
Gerhard Richter fotografiert mit Leica den Fotografen, es war eine Freude.
 
 

Die Auswahl früher Arbeiten ("ELBE-Drucke"), die er vor seiner Flucht zurücklassen musste, ist diskret und verrät mehr von seiner kommenden westlichen Zukunft als man sich vorstellen kann. Die Ergänzung ist ebenso souverän - kleine Formate, deren Imaginationskraft in der Geschichtenspeicherung liegt. Diese Arbeiten spiegeln, dass wir von unseren Ängsten, unserer Unsicherheit und vagen Hoffnungen geleitet werden. Alles andere spielt - entgegen unseres Glaubens - keine Rolle.

Das wiedererstarkte Spiel der Standesunterschiede hat den Westen Asien ungewollt wieder nähergebracht. Der Wunsch von bestimmten Gruppen, Standesunterschiede wie im Ancien Régime aus egoistischen Gründen wieder aufzubauen, hat die heutige Gesellschaft des Westens in Teilen zerlegt.

 
 
 
Sein Werk wird bleiben, daran gibt es keine ernstzunehmenden Zweifel. Er zweifelt dennoch, weil er die Größe dafür hat: Gerhard Richter. Fotos (3): Kreißig
 
 

Gerhard Richter hat es in einem sehr langen Prozess erreicht, Standesunterschiede von Künstlern durch seine Arbeiten herauszustellen - eine unendlich hohe Kunst, an der nahezu alle scheitern. Wo andere an ihrer gewollten Ruhmentfaltung scheiterten, lieferte Richter seine Arbeiten nahezu still ab. Er erweiterte das System, das ursprünglich auf dem Underground-Begriff basierte, in eine Kritik des High-End-Systems der Gegenwartskunst und erreichte informell die Stellung der Exemtheit.

Es klingt aus der Ferne schwer verständlich, aber es ist die Wahrheit: In der Ruhe der kleinen Pulsnitzer Richter-Ausstellung kam man mit der richtigen Einstellung mehr Kunst und Verständnis ziehen als aus irgendeiner Kunst-Millionenshow irgendwo in Manhattan.

Uwe Kreißig

 
 

Gerhard Richter
Übersicht
20. Juni - 28. August 2010
Ernst-Rietschel-Haus, Pulsnitz

Weitere Informationen: www.ernst-rietschel.com

 

© 2010 Reconnaissance Interview Mag Uwe Kreißig