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Augenblick, verweile doch

 

Ein Jahr nach dem größten Abschied: Frank Castorf eröffnet mit seiner Faust-Fusion am 4. Mai das Berliner Theatertreffen - eine Erinnerung an die Premiere in der Volksbühne Berlin am 3.3.17

 

Bei Molière kam selbst Ludwig XIV. zur Premiere, auch wenn es passieren konnte, dass er hinterher das Stück verbieten ließ: nicht weil er es schlecht fand, sondern aus Staatsräson. Als Frank Castorf, weltweit der einflussreichste Theaterregisseur der zurückliegenden drei Jahrzehnte, am 3. März 2017 zur Faust-Abschiedsinszenierung in seine Volksbühne Berlin rief, war von einer Anwesenheit der Kanzlerin, der Kulturstaatsministerin oder des Regierenden Bürgermeisters nichts zu erkennen. Dafür saß in Reihe 3 mit Henry Hübchen der frühere Bühnenstar des nun gefeuerten Hausherrn, ein paar Plätze weiter rechts Hans-Dieter Schütt, in den 80ern der mächtige Chefredakteur der FDJ-Tageszeitung Junge Welt. Die Botschaften an die hohe Politik wurden auch in ihrer Abwesenheit vorgespielt. Inzwischen kann man sagen, dass Castorfs Faust zugleich die größte Hypothek für seinen Nachfolger Dercon darstellt, denn so etwas lässt sich von einem Kurator nicht nachbauen.

 
 
Chef, Faust und Mephisto in einem: Regisseur Frank Castorf, 2017.
 
 

Dieser Faust ist eine zeitgeschichtliche Abrechnung in Bildern. Ruhestörung, Suff, Dealen, Überfälle, sexuelle Belästigung, Vergewaltigung in der U-Bahn und nicht zuletzt ein importierter Terrorismus, all diese Wahrheiten der deutschen Gegenwart sind bei Castorf die späte Rache und Gegenreaktion auf den europäischen Kolonialismus, dessen Protagonisten teilweise über Jahrhunderte Länder und Völker ausplünderten. Und dennoch: In keinem der einstigen Kolonialstaaten haben die Einheimischen nach x-Jahrzehnten Unabhängigkeit trotz riesiger Ressourcen auch nur ansatzweise einen Wohlstand wie in Europa erreicht; also bricht die clevere Generation jetzt nach Reichland auf und holt sich ihren Anteil vor Ort. Castorf zeigt damit, dass politische Projekte im Kleinen wie im Großen scheitern werden, wenn man die Sicherheitslage im eigenen Land nicht in den Griff bekommt. Mit Wohlfühl-Statistiken läuft das nicht, wenn die Menschen spüren, dass es bergab geht wie mit Faust, den Martin Wuttke so gut im Griff hat wie Marc Hosemann den Mephisto.

"In Osteuropa findet Krieg statt, eine Völkerwanderung steht bevor, und wir tun so, als lebten wir in einem Waldorf-Kindergarten. Man soll auch nicht vergessen, dass es neben dem freundlichen Fremden, vor dem sich der Deutsche als Freund aufspielen kann, tatsächlich auch den bösen, zornigen, rachsüchtigen, beleidigten Fremden gibt. Niemand weiß, wie man mit ihm umgehen soll", sagte Castorf im Buchinterview zu Hans-Dieter Schütt. Das war übrigens 1995. Im Ancien Régime genügte es als Anstoß oder Korrektiv für große Projekte, wenn Persönlichkeiten wie Molière, Colbert oder d'Alembert dem König etwas ins Ohr flüsterten. Doch auf den Rat von Großkünstlern hört hierzulande schon lange niemand mehr. Castorfs Doppelfaust ist auch ein Bericht aus dem Land Banania, wie es auf dem Bühnenbild steht, wobei es sein könnte, dass Banania die neue Bezeichnung für Europa ist. Die Fahnen der europäischen Staaten hängen an den Aufbauten der U-Bahn-Station Stalingrad herunter wie alte Scheuerlappen. Das ist wohl das Bild für die abgewrackte EU und ihre abgetretenen Führer. "Wer sollte beim Schiffbruch eine größere Verantwortung tragen als der Kapitän?" sagte Solschenyzin kurz vor seinem Tod.

 
 
Ausruhen nach der Premiere in der Theaterkantine: Lilith Stangenberg spielt in Castorfs Faust schwer zu übertreffen die Meerkatze Satin. Fotos (3): Kreißig
 
 

"So klein du bist, so groß bist du Phantast", lässt er Mephisto werkgetreu aufsagen, auch, dass er mal in Leipzig auf einem Fass geritten sei. Gemäß Goethe geht es auch bei Castorf um Leben und Tod, Vergänglichkeit und Erinnerung, nebenbei wird die Bedeutung der großen Medien marginalisiert: "Es ist doch ganz egal, was im Figaro steht." Es gibt Gesänge gegen Bismarck (das muss wohl eine Anspielung auf die Europaherrscherin Angela Merkel sein), und die "Sicherheitssituation in der U-Bahn" sei wirklich unglaublich geworden. Nun, so weit sind wir gekommen, hier im höchsten Tempel der linksalternativen Kultur. Castorfs Faust-Fressen ist ein Staatsakt, eine heilige Theatermesse, ein Stück Wagner und eine Abrechnung mit allen. Viele Szenen werden mit Live-Kameras abgefilmt und über Videogroßwände ans Publikum in den Saal übertragen. Auch wenn dieses Stilmittel bei Castorf uralt ist: Deutlicher lässt sich die Entfremdung von Exekutive und Volk wie auch vom "Star" zum Konsumenten nicht darstellen.

 
 
Daniel Zillmann gibt den Theaterdirektor Bordenave als Alter Ego des Chefs. Das ist Castorf in Selbstironie: ein Schauspieldirektor, der nicht mal eine Viertelstunde fehlen kann, weil dann nichts mehr in dem Laden läuft.
 
 

Dass Castorf Selbstironie nie fremd war, wird noch einmal reichlich ausgespielt: "Irgendeinen Sinn muss das Ganze doch haben, und wenn es keinen Sinn macht, warum ist es dann so lang?" rufen sie da in die Reihen. Und Daniel Zillmann spielt pompös im weißen Tom-Wolfe-Anzug einen fetten, alten, cholerischen Theaterdirektor, der seine Schauspieler als faul und unfähig anbrüllt und über die Bühne von links nach rechts zerrt. "Ich mache die Bude zu, damit ich mich nicht weiter herumärgern muss", schreit er ins Publikum, das sich auf 8-Euro-Baumarkt-Klappstühlen winden muss, weil die gepolsterten Reihen aus unerfindlichen Gründen demontiert und im Theaterkeller lagern. Zwischendurch hallt der Ruf "Frank, Gott, Bruder…" und dann gibt Martin Wuttke als Iggy Pop eine Runde Altherren-Pogo. Für die Gegenschein der Frauenobsession des Regiemeisters sind Bühnenschönheiten wie Valery Tscheplanova (Margarete / Helena) oder Lilith Stangenberg (Meerkatze Satin) zuständig. Denn "fünf Margaretes sind besser als eine Margarete" wird dann auf der Bühne tatsächlich gekalauert. Wenn man will, hat in diesem Siebenstunden-Faust auch viel zu lachen.

Später kommt Mephisto mit einem störrischen, leicht debilen Hund auf die Bühne, der zufällig ein bisschen sehr so aussieht wie Obamas Wasserhund Bo. Und gegen Ende humpelt der Antichrist erschöpft auf einem Paar verrosteter Ölfässer von Shell und Texaco, die seine zu groß gewordenen Schuhe sind, über die Bühne. Selbst diese Weltphase scheint abgelaufen, seit es Nafta wieder im Überfluss gibt und das Chaos der hoffnungslos verlorenen Ölkriege von Bush Sen./Jun., Obama und Hillary Clinton gleichsam für alle Weltenbewohner immer größer, grotesker und gefährlicher wird. Behaltet Euer Öl, meint der neue Intendant im Weißen Haus und man möchte ihm aus Sicht für den Frieden zustimmen. Ach so, selbst über die großen Modemacher und die Hysterie über die "neue Kollektion" macht sich Castorf noch lustig. Das hat seinen guten Grund. Niemand soll im Zeitalter von ewiger Schönheit, Snapchat und Instagram vergessen: Am allerwichtigsten ist Dein Look. Faust als despektierlicher Blick auf den Ist-Zustand der Welt, so hatte es sich der Großmeister aus Weimar wohl gedacht.

Und das Ende von Faust? Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn: Die Goethe-Kennerin Sigrid Damm versteht die Entstehung dieser Schlüsselzeile, als der junge, tatkräftige und allseits fähige Geheimrat das abgesoffene Bergwerk Ilmenau mit einer Rede vor dem angetretenen Volk in der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik wieder eröffnet. Die verarmten Menschen sollen sich mit einem ordentlichen Job aus ihrem Elend herausarbeiten können. Das Projekt scheitert. Der 82-jährige Goethe erinnert sich an diese Szene auf seiner letzten Reise mit den beiden Enkelsöhnen auf dem Kickelhahn bei Ilmenau, wie es ihm vor dem Volk plötzlich die Sprache verschlagen hatte, weil er nun die Schlüsselzeile für das Ende von Faust II vor sich sah: Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn. Doch welche Freiheit haben wir heute und welche Freiheit wartet auf uns, diese Frage stellt Castorf jetzt.

Im Spätsommer 1831 iegt Goethe seinen Faust II in letzter Hand in der Schublade, gedacht zur Veröffentlichung nach dem Tod. Dieses Jahrtausendwerk ist sein wirkliches Testament gewesen. Und dieser Volksbühnen-Faust ist Castorfs Bühnentestament als Requiem für seine Heldenjahre an der Volksbühne. Im Schlussapplaus kommen einem die verklingenden Zeilen des Geheimrats in den Sinn: Augenblick, verweile doch.

 
Uwe Kreißig
 
 
 
Promotion
 
Interceptor - der Verschwörungsthriller von Jay Michel Ellis
 
Die deutsche Hauptstadt vibriert im Spätsommer 2015 als Weltmetropole von Politik und Kunst. Zur gleichen Zeit ziehen durch Osteuropa kolossale Menschenströme aus dem Nahen Osten, Mittelasien und Afrika, geleitet durch Schlepperbanden und bestärkt durch leichtsinnig agierende Regierungen, die Ausmaß und Motive der Wanderung auf eine ideologische Weise interpretieren. Das Ziel der Migranten sind die reichen Länder Westeuropas. Im Berliner Kanzleramt berauscht man sich an einem späten Augustabend im engsten Kreis um Kanzlerin Barbara Weller an einer riskanten Idee, über deren mögliche Folgen man sich zunächst keine Gedanken machen will. Mit der weltweiten Verkündung einer offenen deutschen Grenze und einer oberflächlichen Integration der Migranten will die Bundeskanzlerin die Kandidatur als neue UNO-Generalsekretärin anbahnen. Ein Triumvirat beschließt in einer informellen Beratung, die Realität zu kuratieren. Aber die Geheimoperation entwickelt bald ein ungeplantes Eigenleben. Ein Verschwörungsthriller als Referenz an "Ghostwriter" von Robert Harris.

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