Reconnaissance
Interview Mag

 
Die wahren Ikonen des russischen Realismus

 

Spitzenwerke der Peredwischniki in den Kunstsammlungen Chemnitz

 

Es gibt ein paar wenige Kunstwerke dieser Welt, deren Hintergrundgeschichte unendlich größer ist als ihre Entstehung. Sie wurden durch eine aberwitzige Ikonisierung und Überhöhung – die Motive dafür sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst – so nachhaltig aufgeladen, dass man in dem Augenblick, in dem man vor ihnen steht, nicht mehr glauben will, dass es sich um das Original handelt. So erging es nicht wenigen Ostdeutschen, wenn sie zu Sowjetzeiten im Russischen Museum in Leningrad die Wolgatreidler von Repin zu Gesicht bekamen. In dem riesigen Stadtschloss, das man für einen Großfürsten erbauen ließ, bis es noch vor der Revolution vom Zaren zum Museum gemacht wurde, hingen auch Bilder von Rubljow, Werke des Suprematismus von Malewitsch und Seestücke von Aiwasowski, aber die Wolgatreidler überstrahlten alles – so schien es aus damaliger Perspektive. Und der Osttourist musste mit dem Russischen Museum vorlieb nehmen, der Eintritt in die Eremitage war ungleich schwieriger und oft den Westtouristen vorbehalten.

des Gefühl, vor diesem Gemälde im großen Oberlichtsaal der Kunstsammlungen stehen zu können. Es handelt sich um das Original, und es zählt unzweifelhaft zu den historischen Kulturschätzen Russlands, eine Leihgabe ins Ausland erscheint nahezu als ein Sakrileg. Die Vorgeschichte von Repins Wolgatreidlern ist freilich eine andere, weit entfernt von jener, die man in der DDR zu hören bekam. Das Bild war schon kurz nach seiner Entstehung in der Kunstszene Europas bekannt und wurde postwendend in die Sammlungen der zaristischen Familie übernommen. Das Gemälde konnte folglich nie das sein, zu dem es später gemacht wurde: das Dokument einer unverstandenen Ausplünderung des Menschen im Zaren-Russland. Im Übrigen entschloss sich Repin, nach der Oktoberrevolution besser in Finnland zu bleiben. Manchmal wissen selbst Künstler, was die Stunde geschlagen hat.

In Sowjetrussland wollte man Hauptwerke der Malergruppe der Peredwischniki als Prototypen des „Sozialistischen Realismus“ verkaufen. Die Wolgatreidler wurden zum bildlichen Synonym für die ausgebeuteten, verarmten Russen vor der Oktoberrevolution gemacht, die es ja millionenfach gab, die von Lenin befreit und ins ewige Glück geführt werden mussten. Es ist nicht ganz so gekommen. Nach Lenins Tod hatten sie überhaupt keine Rechte mehr.

Aber dieses Bild war geeignet als Historienposter und wurde von den Gesellschaftstheoretikern in seinen Inhalten wie in seiner Substanz bis zur Unkenntlichkeit überhöht. Nicht einmal sicher ist, ob es zur Zeit seiner Entstehung bereits ein thematischer Schwindel war, weil es womöglich Treidler dieser Form an der Wolga nicht mehr gab. Sie waren schlicht zu unproduktiv, die Investition in eine Dampfmaschine als Antrieb in größere Schiffe hatte sich schnell amortisiert. Doch Geschichte wiederholt sich. Stalin begann 50 Jahre später, Millionen unschuldige GULAGHäftlinge anstelle von fehlenden Maschinen zur Erstellung von Großprojekten zu verheizen. Es waren ja genug „Volksfeinde“ vorhanden, die gar keinen Lohn erhalten mussten.

 
 

Die schöne Russin und die Wolgatreidler. Kunstsammlungen Chemnitz, März 2012. Foto: Kreißig

 
 

Für die Rezeption der Malschule der Peredwischniki in Westeuropa nach 1945 waren diesen Vereinahmungsspreizungen verheerend: Die Kunstströmung wurde negiert, so gut es ging - wie vieles aus dem Osten, dessen Kontext zur Zeit des Kalten Krieges anrüchig oder unpassend schien - mit unglaublichen Entscheidungen aus heutiger Sicht. Man erinnert sich selbst im Westen Deutschlands kaum noch daran, dass man dort einst Brecht in einer konzertierten Aktion von den Bühnen verbannen wollte. Die Folgen dieser Kulturpolitik sind im Übrigen bis heute spürbar, niemand kann das ernsthaft bezweifeln.

Das Gastspiel des Russischen Museums ist nach den großen Ausstellungen unter der Ägide von Ingrid Mössinger ein weiterer Markstein in diesen fünfzehn Jahren, in denen die Kunstsammlungen Chemnitz zum Maßstab für Deutschlands Häuser dieser Art aufstiegen. Es ist also ohne weiteres möglich, nicht nur die besten Werkzeug- und Textilmaschinen der Welt zu produzieren, wie dies in Chemnitz bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts realisiert wurde, sondern auch in anderen Sparten die angeblichen (?) sächsischen Superstädte Dresden und Leipzig mit Qualitätsarbeit zu übertreffen. Und wer sagt, dass dies nicht auch in weiteren Bereichen möglich wäre? Was kann jetzt noch kommen? Diese Frage wurde in Bezug auf die Kunstsammlungen oft gestellt. Die Antwort liegt - wie bei allen Unternehmen - immer im Hause selbst, wie Diderot einst feststellte.

Man sollte bis Ende Mai zum Theaterplatz pilgern, um eine schöne Zeit zu verleben. Der Besuch der Ausstellung gleicht einem Spaziergang mit vielen angenehmen Umwegen an einem heiteren Frühsommertag. Die Auswahl der Arbeiten ist unwiderstehlich. Neben Repins Klassikern finden sich ausgewählte Arbeiten von Sawizki, der in gewisser Weise den Fotorealismus vorwegnahm, psychologische Porträts von Kramskoi und Serow, unglaubliche Landschaften von Lewitan und Schischkin, etwas Gothic von Surikow, Futuristisches von Kuindschi oder nachdrückliche Alltagsszenen von Makowski: Mehr geht nicht.

Uwe Kreißig

 

Kunstsammlungen Chemnitz
Die Peredwischniki - Maler des russischen Realismus
Arbeiten von 41 Malerinnen und Malern
Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Tretjajow-Galerie Moskau, dem Russischen Museum St. Petersburg und dem Nationalmuseum Stockholm.
Bis 28. Mai 2012.
www.kunstsammlungen-chemnitz.de

 

© 2012 Interview Mag Uwe Kreißig