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Interview Mag

 
Der Grande war da

 

Armin Müller-Stahl zelebriert einen Abend

 

Wer sich auf eine Kunst versteht, hat meistens noch mehr Talente, verkündete Autor und Spion Graham Greene und dachte dabei vermutlich an sich selbst - und vielleicht noch an ein paar Granden der Zunft, wenn das die Stimmung beim Nachmittagssherry zuließ. Viele Künstler dieser Art sind jedenfalls nicht bekannt. Ein Schwergewicht der Green'schen Kategorie ließ sich in diesem September leibhaftig in der Chemnitzer Stadthalle bei einer künstlerischen Zelebration besichtigen: Armin Müller-Stahl in Wort, beim Chanson und an der Geige, eine einmalige Sache, die es alle Jubeljahre gibt. Es gibt Tage…

Es ist keine Unmöglichkeit, die Glanzpunkte dieser Karriere zu greifen. Er ist seit Anfang der 60er ein DDR-Kino- und Fernsehstar, mit den üblichen Irrtümern und Gurken in der Filmographie, das geht nicht anders, eine Karriere beginnt nie oben und ist schon gar nicht ohne Brüche und Kompromisse zu erhalten. Zum Einschnitt wird das Jahr 1976, in dem Honecker und weitere Hardliner wie Joachim Herrmann entscheiden, dass es nun endgültig vorbei sein soll mit der Freiheit der Künste. Doch kurz bevor Müller-Stahl in den Westen getrieben wird, gestaltet er 1978 mit Frank Beyer den Streifen Geschlossene Gesellschaft. Es soll die künstlerisch stärkste Filmproduktion der DDR bleiben - bis zum Schluss.

Es war ein Film, der im gleichen Jahr auch als französisches Remake möglich gewesen wäre, gedreht irgendwo in Paris und in den Hügeln Lothringens, in den Hauptrollen vielleicht mit Michel Piccoli und Anouk Aimée, Regie hätte Claude Sautet geführt. Der Film voller Codierungen, in dem die an der Oberfläche und in den Hauptgängen längst verrottete DDR mit ihren verbliebenen privaten Refugien (die schön sein konnten) und dem Leerlauf einer Ehe auf eine süchtige Weise verlegt wird, verschwindet nach einer nicht angekündigten Nachtausstrahlung - was dem Fernsehchef Hans Bentzien die Stelle kostet - im Tresor und wird erst im November 1989 wieder herausgeholt. Da interessiert sich nur noch eine elitäre Minderheit dafür.

 
 
Der Meister verschwimmt, aber seine Präsenz war unwiderruflich: Armin Müller Stahl, Stadthalle Chemnitz 2011. Im Hintergrund Tom Götze am Kontrabass.
 
 

Die Bundesrepublik grast Müller-Stahl in zehn Jahren künstlerisch ab, das dürfte auch nicht so schwer gewesen sein. Er sieht den nächsten Schritt in internationalen Filmproduktionen, für Micky-Maus-Filme deutscher Couleur ist er nicht mehr geeignet. Auch dieses Projekt, bei dem man ihm selbst nach schnellen Erfolgen letztlich nur mäßige Chancen einräumt, wird nach Filmen wie Night on Earth, Kafka oder The Game, der ihn mit nahezu allen Branchengrößen zusammenbringen wird und manch mittelmäßigen Film wie Das Geisterhaus in sein Lebenswerk einfügt, ein Triumphzug.

Ein Triumphzug ohne Kompromisse ist dagegen die Tournee-Produktion "Es gibt Tage…", die ihn auch nach Chemnitz führte: wenig Personal, kein billiger Jubel, kein Tand. Als Begleitmannschaft hat Müller-Stahl ein Trio angeheuert, mit dem etwas vergessenen Musikgenie Günther Fischer als Kopf (er schrieb die Filmmusik von Geschlossene Gesellschaft, das erscheint selbstverständlich), Tobias Morgenstern als wohltuende Überraschung am Akkordeon und Tom Götze für weiteres.

Der Saal der Chemnitzer Stadthalle ist nicht annähernd ausverkauft. Kein Problem: Wenn es um hohe Quoten, Auflagen, Zuschauer geht, dann ist es meistens Mist. Das war im klassischen Griechenland wohl schon so, damals musste man die Bürger mit dem Theorikon ins Schauspiel holen, der Bürger bekam Geld für den Theaterbesuch, der den meisten Freien zu anstrengend war.

Seine Musikstücke sind exzellente Miniaturen, Capricchios, Verkettungen von Sentenzen. Er erzählt von der Bühne, er habe einst seine Erinnerungen im Garten verbrannt. Hat er das? Die Zeit vergeht an diesem Abend schwerelos, und man verspürt ein schlechtes Gewissen, dass man dem Meister etwas Zeit gestohlen hat. Müller-Stahl rezitiert auswendig und singt ohne Blatt, kein später Frank Sinatra, der seine Textzeilen weggesoffen hatte, eher der Charles Aznavour, der mit 80 ein ganz normales Konzert gab, so, wie man es als Profi eben macht, auf der Bühne, die irgendwo stehen kann, wo man halt will, in der Dorfkirche, deren Glocke den schönsten Klang von allen hat, oder in der Arena einer Metropole.

 
 
Er war der Jazz- und Filmmusikstar der DDR. Ein Ausnahmemusiker ist Günther Fischer, der Armin Müller-Stahl begleitete, immer geblieben. Fotos (2): Kreißig
 
 

Heimat ist ein Stückchen Gras zum Spielen, als Kind hab' ich das gewusst, wenn Müller-Stahl so was von der Bühne sagt, dann klingt es wie der Philosoph, der oben in der Medici-Villa die frühen Erinnerungen auf Papier schreibt und nur zu den engsten Vertrauten spricht. Das sind die Geschichten über Leben und Tod, dazwischen die Liebe und vielleicht die Kinder, und diese Geschichten sind am Ende manchmal traurig, aber zumindest mit einem Lot Betrübnis. Greif zur Geige, Frau Vergangenheit, schrieb Gregor von Rezzori, und Müller-Stahl greift zur Geige, und auch das ist keine Nummer zu groß, er hat dieses Fach mit Examen studiert. Und das alles ist ein unglaubliches Vergnügen. Wer nichts mehr beweisen muss, weil er alles längst bewiesen hat, ist frei.

Wirkliche Kunst auf der Bühne ist heute - entgegen volkstümlicher Meinungen eine Seltenheit. Wer diesen Auftritt von Müller-Stahl erfühlt hat, bekommt eine Ahnung, was möglich ist. Und Edelleute, die daheim faul im Bette liegen, werden verfluchen einst den Tag, da sie nicht dabei gewesen, legte Shakespeare seinem Henry V. in den Mund. So war es, der atemberaubenden Atmosphäre des Abends - selbst im spröden Fluidum der Stadthalle - kann man sich nicht entziehen. Ausverkauft oder nicht, ein belangloses Detail.

Ich bin der Bettler…, der König, beides war, beides ist er, und das ist die Kunst. Und dann ist soweit, Müller-Stahls Auftritt ist vorübergegangen wie Prosperos Zauber. Der Meister hat seine Künste gezeigt, jetzt ist er wieder verschwunden an einen unbekannten Ort. So einfach ist das.

Uwe Kreißig

 
 
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Armin Müller-Stahl
Unterwegs nach Hause: Erinnerungen
Aufbau-Verlag 2005
 

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