Reconnaissance
Interview Mag

 
"Meinung ist der Tod jedes Reporters"

 

Über Michael J. Fox und Rudolph Giuliani, zu langes Warten und falsche Prioritäten, Reportagen und Interviews - eine Begegnung mit dem Autor und Starjournalisten Alexander Osang

 

Wenn Journalisten zum ersten Mal für ein Interview angefragt werden, können sie davon ausgehen, dass sie sich prominent geschrieben haben - so ist es doch. Bei Alexander Osang war das recht früh, damals, als er begonnen hatte, sein Arbeitsfeld auf die Buchbranche auszudehnen. "Die deutlichste Erinnerung habe ich an eine Kollegin von der TAZ, als mein erstes Buch erschienen war, das war 1992", entsinnt sich Alexander Osang an seine Zeitenwende vom Journalisten zum Autor. Die Verabredung mit ihm steht im Tivoli, einem dieser typischen, über das Land verstreuten einstigen Ball- oder DDR-Kulturhäuser, in dem Osang im Anschluss sein neues Buch "Im nächsten Leben" vorstellen wird. Hier im Tivoli, wo die Puhdys ihren ersten Auftritt feststellten, hat man unter dem Dach einen Raum eingerichtet, den man Lounge nennt. Dafür ist es dann doch ein wenig zu kühl und das Licht etwas zu hell.

Freiberg war durch den Bergbau eine frühe Metropole in Sachsen. Heute ist die Stadt nicht zuletzt deshalb bekannt, weil dort Sabine Ebert lebt und arbeitet, die mit ihren im Mittelalter verzeitigten "Hebammen-Romanen" ein Millionenpublikum erreichte, aber das ist eine völlig andere Geschichte. Alexander Osang ist nur zur Lesung da, dass er für seinen Auftritt in der Provinz geradewegs aus New York kam.

Die Beschäftigung mit der Vergangenheit Osangs Kapazität geht zurück in die frühen 90er, als er mit seinen für die Berliner Zeitung entwickelten Reportagen, deren Blickwinkel immer etwas windschief, in erster Linie aber originär war, einen Status erlangte wie kein zweiter Journalist im Osten. Damals gab es Berliner, die sich nur zum Sonnabend die einstige Ostzeitung kauften, um seine Reportage zu lesen. Und Osang wurde schnell zu einem der wenigen Autoren hierzulande, dem alle Türen offen standen. Zu Kopfe stieg ihm das - wie vielen in vergleichbarer Situation - freilich nicht: Er ist vielleicht jener DDR-Journalist, der sich am dichtesten mit seiner DDR-Vergangenheit beschäftigte, öffentlich und wohl auch im privaten Denken. Diese Frage schwingt in seinen Büchern mit und wird ihn wohl immer beeinflussen. Auch das macht ihn autark.

Kein Journalist ostdeutscher Provenienz hat eine so frühe, überzeugende Karriere im Westen erreicht. Kritik, vielleicht auch von ehemaligen Kollegen, hat er nie verspürt: "Nicht dass ich wüsste. Ich kann mir schon vorstellen, dass es Kollegen gibt, die mich unter der Hand kritisieren, aber mir gegenüber hat das noch nie jemand gemacht." Zu diesem seltenen Umstand dürfte auch seine Art beigetragen haben. Im Gespräch wirkt Osang nachdenklich, seine Antworten sind differenziert angelegt und präzise, in manchen Punkten erwägend, fast schon still. Das ist schon mal ungewöhnlich für eine Branche, bei der Internetbeschleunigung, das Unpräzise, Großmäulige und Besserwisserei, aber vor allem die fehlende Selbstkritikfähigkeit berufsbedingte Kennzeichen geworden sind.

 
 
Er ist wohl zur Zeit der beste Reportagejournalist im Lande und seine literarischen Ausflüge sind ebenso ein Maßstab: Alexander Osang wartet im Nebenraum auf seinem Auftritt im Tivoli.
 
 

Alexander Osang ist ohne Zweifel das, was man erfolgreich nennt, aber er hätte wohl noch mehr aus sich herausholen können. "Diese Frage stelle ich mir relativ häufig. Aber das ist schwer zu beantworten, denn darin steckt auch, was mir mehr bedeutet. Ich habe in den letzten 20 Jahren unfassbar viel gearbeitet. Und die Frage, die ich mir stelle, heißt, ob ich zu bestimmten Zeiten falsche Entscheidungen getroffen habe. Also bestimmte Dinge machen, falsche Prioritäten setzen, ob ich manchmal zu lange gewartet habe." Es sei schon so, dass er in seiner Laufbahn immer wieder an Punkte gekommen wäre, wo er ein, zwei Jahre zu lange in Jobs blieb, mit denen er schon lange fertig war.

"Angefangene Träume, halbe Einfälle, unbenützte Stimmungen - daraus setzt sich ein Journalistenleben zusammen. War es nicht besser zu verwenden?" schrieb einst Theodor Herzl, der dann im Zionismus eine neue Lebensaufgabe fand, die ihn zur Berühmtheit machte. Dem psychologischen Problem des Journalisten, immer nur für den nächsten Tag oder die nächste Ausgabe zu arbeiten, Produkte zu erstellen, die dann schnell im Recycling landen, ist Osang auf seine Weise begegnet: "Es gibt ja tausend Arten von Journalismus. Und ich habe eine ganz bewusste Entscheidung getroffen, mich von einer bestimmten Art von Journalismus relativ zeitig zu verabschieden… Wenn man Reportagen schreibt und mitunter die Chance hat, Leute, über die ich dann schreibe, vier bis sechs Wochen zu begleiten, ist das luxuriös." Herzls Gedanken würde er aus dieser Position daher nicht bestätigen.

Beim SPIEGEL ist er bis heute der Starreporter, auch wenn das vermutlich einige seiner Westkollegen, die kaum jemand namentlich kennt, anders sehen. Ende der 90er Jahre konnte sich Osang seinen neuen Job aussuchen. Die großen Zeitschriften des Landes sollen um ihm gebuhlt haben, dümpelte doch ihr Abverkauf im Osten zehn Jahre nach der Wende vor sich hin, und daran hat sich bis heute wenig geändert. Die wie immer ihrer Sache unsicheren Manager suchten dringend nach jemanden wie Osang, der auch dem Ostdeutschen in ihren Medien ein ernsthaftes Podium publizistisch eröffnete: jemanden, der weltmännisch war, stilistisch unverwelkt und unterhaltsam schreiben konnte, aber auch die seltsame "Ossidenke" kannte, die im Westen Deutschlands immer noch ein fernes Land ist, im Grunde niemand anderen als einen Tausendsassa. Das war selbst Osang nicht, aber eben ein authentischer "Storyteller", wie man in Amerika sagen würde. Die Leserreichweite von SPIEGEL, FOCUS, STERN und BUNTE im Osten liegt - selbst kummuliert - bis heute wohl unter jener der SUPERIllu. Das sagt einiges aus.

Er entschied sich damals für die Neugründung SPIEGEL REPORTER, um nach New York gehen zu können, um dort mit seiner Ostgeschichte endgültig abzuschließen. Auf der Felseninsel Manhattan funktioniert das, zumindest dann, wenn man einen privilegierten Job hat. "Der SPIEGEL REPORTER sollte so etwas werden, wie eine Mischung aus dem New Yorker und Vanity Fair", meint Osang erinnernd in seinem unnachahmlichen Tonfall, in dem immer ein Berliner Dialekt mitschwingt. Dieser Plan ging nicht auf, das Projekt wurde nach zwei Jahren wegen kommerzieller Erfolglosigkeit eingestellt. An Osang kann es nicht gelegen haben, wirklich verwunderlich war das zeitige Ende nicht. Der Verlag des SPIEGELs, dessen Redaktion von den 80ern bis heute einen beispiellosen Qualitätsniedergang zu verantworten hat, trug wohl nicht mehr die erforderliche interne Referenz für sein solch ambitioniertes Projekt in sich. Irgendwann war es dann auch für ihn zu viel New York. Als er dann wieder nach Deutschland zurückkehrte, sei seine persönliche Ostgeschichte bei ihm sofort wieder präsent gewesen - als wäre er nie weg gewesen.

 
 
Die bekannteste Freibergerin der Gegenwart ist zweifellos Sabine Ebert, die mit ihren "Hebammen-Romanen" in Deutschland ein Millionenpublikum erreicht haben dürfte. Unser Foto zeigt sie im Taschenbuchladen von Heike Wenige. Letztere gehört zu jenen Buchhändlern, die in vielen Kleinstädten eine kulturelle, subventionsfreie Grundversorgung auf hohem Niveau übernommen haben.
 
 

Insbesondere im New Yorker Raum wird eine ernstzunehmende wie wählerische Kritik von Kunst und Kultur gepflegt, in Deutschland scheint diese kaum noch existent zu sein. Osang antwortet diesbezüglich ausweichend: "Ich möchte Kritik nicht bewerten, denn Kritik und Reportage sind extrem unterschiedliche Professionen. Und es sind unterschiedliche Menschen, die das betreiben: Der Kritiker ist voller Meinung, und der Reporter ist eher unsicher. Meinung ist der Tod jedes Reporters." Aber es sei schon so, dass gegenseitig Feuilletons kritisiert werden und nicht künstlerische Arbeiten, oder dass es Verbrüderungsaktionen gäbe, eine Tendenz, die in Berlin zu bemerken wäre.

Die Erinnerungen an New York sind ihm nachhaltig geblieben, man spürt das auch indirekt. Die Frage nach seinem schönsten Interview spiegelt das - jenes mit Tamara Danz, das zu seinem vielleicht traurigsten Buch führte, sei es jedenfalls nicht gewesen. "Ich bin an sich nicht so der große Interviewer. Aber das für mich bemerkenswerteste Interview ist jenes mit Rudolph Giuliani gewesen, damals der Bürgermeister von New York. Es entstand unter hohem Zeitdruck und immer unter der Voraussetzung, dass er sich nicht langweilen durfte, sonst würde es abgebrochen werden, wie seine Assistenz angekündigt hatte."

Gelangweilt hat sich Giuliani, der mit seiner "Zero-Tolerance-Politik" gegen Klein- und Großkriminalität amerikaweit bekannt wurde, dann doch nicht, auch wenn das Interview relativ lang dauerte. "Es gab wichtige, große Fragen, aber mit eben diesen Fragen hätte ich ihn wahrscheinlich sehr gelangweilt. Und deshalb habe ich zu Anfang sehr viel über die Mafia und Baseball mit ihm gesprochen. Er ist ja ein Riesen-Yankees-Fan und ein großer Fan der Sopranos." Insofern sei es nur ein kleines Problem gewesen, dass er als einziger deutscher Journalist, der an Giuliani rankam, mit einem Haufen Mafia-Fragen zurückkam. Und er erzählt von der Begegnung mit Michael J. Fox, der 1985 mit dem unverwelkten Jugendfilm Zurück in die Zukunft binnen Monaten ein Weltstar wurde und sich wenige Jahre später durch die Folgen einer Parkison-Erkrankung neu orientieren musste. "Ich fand es berührend, dass während unseres Gesprächs bei ihm die Wirkung seiner Medikamente nachließ und Fox sich trotz aller Anstrengungen immer weniger unter Kontrolle hatte. Es wurde dadurch extrem."

 
 
In Deutschland gibt es nicht viele Reporter, die etwas taugen. Und Alexander Osang ist nicht nur der beste von ihnen, sondern wohl auch die graue Eminenz. Fotos (3): Kreißig
 
 

Etwas in Vergessenheit geraten ist, dass Osang mit Die Nachrichten im Jahr 2000 den wohl besten Wenderoman veröffentlichte und nicht etwa Uwe Tellkamp mit seinem verquasten Werk "Der Turm", das zu den meist überschätzten deutschsprachigen Büchern der Gegenwart gehören dürfte. Später wurden Die Nachrichten mit Jan Josef Liefers, Henry Hübchen, Dagmar Manzel und Uwe Kockisch stilgerecht mit einer Ostbesetzung in den Hauptrollen verfilmt. Osang zeichnete auch für das Drehbuch verantwortlich, die Regie übernahm Matti Geschonneck, Sohn von Erwin Geschonneck. Es ist dann eine Fernsehproduktion geworden, wie sie vielleicht aller fünf Jahre realisiert wird. Die Entscheider beim ZDF dürfen sich der offensiven Qualitätsproduktion bis heute rühmen.

In den Nachrichten arbeitet Jan Landers als einer der Sprecher der Tagesschau. Er ist 1995 der einzige Ostdeutsche im Team, er fällt nicht auf, er spricht einfach souverän seine Texte, sieht gut aus, zeigt sich anpassungsfähig und fragt nicht weiter nach. Nebenher moderiert er eine ARD-Talkshow, die das "Riverboot" sein könnte und hat die ersten gut honorierten Moderationsmucken bei Firmenveranstaltungen laufen. Alles ist bestens, bis eines Tages die Vermutung aufkommt, dass Landers Stasi-IM gewesen sein könnte. Für ihn steht alles auf dem Spiel. Die Klärung wird eine Reise in seine Vergangenheit, die er zu lange aufgeschoben hat.

Alexander Osang bildet in den Nachrichten ein haarfeines Sittengemälde der DDR und der Nachwende-BRD ab. Und es offenbart sich plötzlich, dass der im Osten zur Wendezeit ersehnten "Moral" auch im Westen keine tragende Rolle eingeräumt wurde und wird. Und er umgeht die klassische Falle, einen Konzeptgroßroman wie Tellkamp zu erschaffen, bei dem letztlich alles klein in klein bleibt, wie es in Dresden nicht gerade selten ist. Parallel führt er mit seiner Ost-West-Kollision auch die Gilde der deutschen Großschriftsteller vor, die sich quälend am Wenderoman versuchten, an erster Stelle der spätere Nobelpreisträger Günter Grass mit seinem bohrend langweiligen "Weiten Feld" von 1995, das längst völlig der Vergessenheit anheim gefallen ist.

Osang hat sich später erklärt, dass einiges von ihm selbst in den handelnden Figuren der Nachrichten steckt, nicht zuletzt die wütende SPIEGEL-Reporterin und der Lokalreporter, der mit einer großen Story noch einmal aus der Provinzzeitung herauskommen will. Doch kann man mit den quälenden Fragen der eigenen Vergangenheit abschließen, mit den Geistern, die eines Tages wieder an die Tür klopfen? "Ich glaube, das geht nicht. Ich bin noch nicht in diesem Stadium. Ich bin eher auf dem Stand, wo die Vergangenheit mir immer wieder begegnet, wo sie mich einholt. Aber ich bin auch an dem Punkt, wo ich mich frage, ob es nicht eher kontraproduktiv ist, diese Fragen sich immer wieder zu stellen und die Wunden immer wieder zu öffnen." Aber für Osang sei das der einzige Weg gewesen, der zu DDR-Zeiten als junger Journalist eine ganz kurze Zeit sinnlose Artikel für den Wirtschaftsteil der Berliner Zeitung verfasst hatte. Jeder, der einmal Texte zusammenstellte, von denen er wusste, dass sie sachlich falsch oder gar verlogen waren, weiß, wie lange man das mit sich herumträgt.

Seinen jüngsten Skandal produzierte Osang, als er Michael Becker, den Berater des Fußballstars Michael Ballacks, dazu brachte, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft als "Schwulen-Combo" ins Gerede zu bringen. Bei genauer Überlegung ist klar, dass Beckers Bemerkung irgendeinen Hintergrund haben muss, auch wenn diese ein Sakrileg darstellt. Wer ist denn der Bandleader? Dem Ex-Chemnitzer Ballack hat dies alles nichts genutzt, seine Spielerkarriere geht schneller als erwartet dem Ende entgegen.

Macht es vielleicht doch etwas Spaß, mal verbrannte Erde zu hinterlassen? "Es macht keinen Spaß. Man kann es schaffen, und ich mache es immer wieder. Ich nehme es in Kauf, aber es ist nicht mein Ziel, verbrannte Erde zu hinterlassen. Es ist der Preis, den ich zahlen muss, um die Geschichte erzählen zu können, die ich erzählen will", so Osang, der sich keinen Illusionen hingibt und offen bleibt. Und es gibt diese Sehnsucht bei Journalisten, "die Fäden zu ziehen". Bei ihm auch? "Bei mir ist das relativ schwach ausgeprägt, wobei man sich da selbst am wenigsten trauen kann. An sich habe ich Angst, Dinge zu beeinflussen. Aber ich kenne viele sogenannte Großjournalisten, die eigentlich selber gern Politiker wären und diese Leidenschaft an ihren Texten ausleben."

Osangs Weg war vermutlich einsam. Vom Journalistendasein in der DDR mit all seinem Irrsinn zu einer singulären Position im Lande: ein leicht amerikanisch Glanzjournalismus mit seiner Erzähltradition in einer unnachahmlichen Deutschvariante. In der Lounge des Tivolis wird es unruhiger. Die Sitzplätze des nicht so kleinen Raums sind inzwischen besetzt. Und das erscheint schon etwas ungewöhnlich für eine Kreisstadt und einem speziellen Gast, dessen Bücher die Auflagenhöhen von Sabine Ebert nie erreichen werden. Osang nimmt Platz und beginnt seine Erzählungen.

Uwe Kreißig

 
 

Unsere Empfehlungen:

Alexander Osang
Die Nachrichten
Roman
Verlag S. Fischer, Frankfurt/M. 2000.

Der Taschenbuchladen
Burgstraße 34
09599 Freiberg
www.taschenbuchladen.de

Sabine Ebert im Internet:
www.sabine-ebert.de

 

© 2011 Interview Mag Uwe Kreißig